"Die Wirtschaftlichkeit scheint über allem zu stehen" – Seite 1

Mit einem besonderen Hamburg-Stadtplan will der Kartograf Stephan Hormes einen Bogen von der Vergangenheit bis in die Zukunft schlagen. Die historischen Wallanlagen, die es so nicht mehr gibt, sind darin genauso verzeichnet wie der Elbtower in der Hafencity, der noch gebaut werden muss. In seinem Kleinverlag hat der Lübecker schon einige solcher Storymaps, wie er die Stadtpläne nennt, herausgegeben etwa zu seiner Heimatstadt oder zu den Reisen von Goethe. Die Arbeit an der Hamburg-Karte hatte dennoch einige Besonderheiten für ihn.

 ZEIT ONLINE:  Wie sind Sie als Lübecker dazu gekommen, einen Stadtplan von Hamburg zu erstellen?

Stephan Hormes: Ich kannte Hamburg bisher nur von Besuchen. Wenn man von Lübeck aus Richtung Zentrum fährt, gelangt man häufig auf eine sechsspurige Straße und ehe man es sich versieht, ist man schon auf dem Weg nach Altona. Das eigentliche Zentrum Hamburgs ist sehr schwer zu finden, dachte ich mir. Als ich einmal einen Auftrag in Hamburg hatte, habe ich die Zeit danach genutzt. Ich bin mit dem Fahrrad rumgefahren und habe mich auf die Suche begeben. Ich habe entdeckt, was für schöne Ecken mit alten Gebäuden es gibt, die wie Altbauinseln etwas versteckter liegen, etwa in der Bellealliancestraße in Eimsbüttel. Da war mein Interesse geweckt.

Ein Stadtplan von Hamburg, verzeichnet sind bereits abgerissene Gebäude wie solche, die bislang nur in Planung sind. © Kalimedia

ZEIT ONLINE: Wie ging es dann weiter?

Hormes: Ich habe mir Hamburg von oben angeschaut, am Computer, mit Hilfe der 3D-Ansicht von Google – Straße für Straße, von Winterhude bis zur Veddel, von Bahrenfeld bis nach Horn. In diesem Gebiet konnte ich etwa 14.000 Altbauten identifizieren. Die lassen sich an der Fassade und am Dach relativ gut erkennen. Die zeitliche Grenze dafür habe ich etwa bei 1925 gezogen. Die meisten Häuser, die danach erbaut wurden, haben durch ihre Gesichtslosigkeit nicht so viele Geschichten zu erzählen, finde ich. Ich war oft in der Zentralbibliothek, habe viel Fachliteratur gewälzt, historische Karten verschiedener Zeiten übereinandergelegt und unter anderem die interaktive Karte des Denkmalschutzamtes genutzt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie auch noch mal vor Ort in Hamburg recherchiert?

Hormes: Ja, nachdem ich alle erfassten Informationen und die historischen Gebäude in eine Arbeitskarte eingetragen hatte. Die habe ich mir aufs Smartphone gespielt und bin damit etwa zwei Monate mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren. Ich habe vor Ort recherchiert, korrigiert und besondere Stadtdetails erfasst.

ZEIT ONLINE: Welche Ecken haben Ihnen besonders gefallen?

Hormes: Die Brüderstraße in der Neustadt ist großartig. Da steht ein komplettes Ensemble, das so um 1870 entstanden sind. Ich dachte, die Zeit wäre stehen geblieben an diesem Ort. Jenseits von Schanze, Ottensen und Eppendorf als die klassischen Altbauviertel habe ich das Mühlenkampviertel, die Gegend um die Lutterothstraße und das Ensemble Alsterdorfer Straße/Himmelstraße schätzen gelernt. Sogar im Hamburger Osten lassen sich mit einigem Spürsinn historische Bauten finden, teilweise versteckt in Hinterhöfen, wie zum Beispiel in der Umgebung des Bahnhofs Hasselbrook.

"Viele Hamburger heißen die lokalen Abrissgewohnheiten nicht gut"


ZEIT ONLINE: Wann hat sich Hamburg denn besonders verändert?

Hormes: Während des großen Brandes 1842 ist viel zerstört worden und natürlich im Zweiten Weltkrieg. Aber die Stadt selbst hat auch immer wieder ganze Viertel abgerissen, den barocken Wandrahm und den Kehrwieder zum Beispiel, um die Speicherstadt zu bauen. Da hat man Zehntausende Menschen vertrieben und die alten Häuser einfach zerstört. Mich hat überrascht, wie bedenkenlos Hamburg mit seinen steinernen Zeugen umgeht. Die Wirtschaftlichkeit scheint über allem zu stehen. Das kenne ich aus Lübeck anders.

ZEIT ONLINE: In Ihrer Karte haben Sie nicht nur bestehende Gebäude verzeichnet, sondern auch einige, die längst abgerissen sind. Wie haben Sie entschieden, was reinkommt?

Hormes: Durch meine Recherchen habe ich verstanden, dass viele Hamburger die lokalen Abrissgewohnheiten nicht gutheißen. Ich habe also vergangene Orte in der Rubrik "Damals" ausgewählt, mit denen die Menschen sich identifizieren konnten, wie zum Beispiel das alte HSV-Stadion am Rothenbaum oder die Kieztanke an der Reeperbahn, aber auch das Baumhaus am Binnenhafen und die Kaschemme des Lords von Barmbek. Darüber hinaus sind alle ehemaligen Stadttore und zugeschütteten Fleete verzeichnet, ebenso besondere Gebäude wie etwa Kontorhäuser, Wohnterrassen und Wassertürme, die man sich heute noch anschauen kann. Insgesamt sind das fast 1.000 Stadtdetails. Zusätzlich habe ich die Großprojekte wie die Neue Mitte Altona mit dem Fernbahnhof am Diebsteich und die HafenCity mit Elbtower bereits verzeichnet. Da steht dann in Klammern jeweils die Jahreszahl dabei, ab wann das Realität sein soll.

ZEIT ONLINE: Taugt der Stadtplan eigentlich auch zur Orientierung?

Hormes: Klar, die Karte ist ja aktuell. Aber sie kann eben noch mehr. Man sieht auf einen Blick, wo alte Gebäude und Ensembles stehen. Da kann jeder etwas bislang Unbekanntes entdecken. Auch kein Hamburger kennt alles. Ich würde mich freuen, wenn die Leute damit auf Spurensuche gehen.

Die beiden Karten mit dem Titel "Spuren der Zeiten – Von der Hammaburg zum Elbtower" sind im Kalimedia-Verlag erschienen. Es gibt sie vom Zentrum (Teil 1, 7,95 Euro) und von den Vorstädten (Teil 2, 11,90 Euro). Mehr Infos und interaktive Touren unter www.storymaps.de/hamburg.