Sie sei weder Frau noch Mann. Das rief man Maria M. hinterher, als sie noch in Aserbaidschan lebte. Abfällige Blicke, übergriffige Gesten – Alltag für die lesbische Frau. 2017 nahm die Polizei in ihrer Heimatstadt Baku 100 Homosexuelle fest. Doch Maria M. hatte Glück: Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits in Sicherheit. Seit 2014 lebt die heute 33-Jährige in Deutschland. Nun aber soll sie nach Aserbaidschan zurück. Die Ausländerbehörde verlangt von ihr, vor Ort in Baku ein Visum zu beantragen, das sie für ihre Aufenthaltserlaubnis in Hamburg benötigt.

Es steht außer Frage, dass Maria M. diese Aufenthaltserlaubnis bekommen wird: Seit 2018 ist die Studentin in Hamburg mit einer Frau verheiratet. Als Ehefrau einer Deutschen darf sie bleiben, das steht fest. Und dennoch sitzt sie nun im Verwaltungsgericht, Saal 1.45, einer Mitarbeiterin der Ausländerbehörde gegenüber. Die Behörde beharrt darauf, dass die zierliche Frau für das Visumverfahren nach Aserbaidschan reist – so stehe es schließlich im Gesetz. Die Reise sei zumutbar, sagt die Beamtin. Sie sei gefährlich, hält der Anwalt von Maria M., Claudius Simon Brenneisen, dagegen. 

Was nach einer lästigen Formalität klingt, bedeutet nach Überzeugung von Brenneisen Lebensgefahr für Maria M. Nach Auskunft der deutschen Botschaft in Baku würden zwischen vier und acht Wochen vergehen, bis das Visum ausgestellt sei. So lange müsste Maria M. in Aserbaidschan bleiben. In dieser Zeit aber wäre sie als lesbische Frau erneuter Bedrohung ausgesetzt. Vor allem vor ihrer eigenen Familie habe sie Angst, erzählt Maria M. dem Verwaltungsrichter, mit leiser Stimme und in bittendem Ton. Ihr Bruder sei streng religiös, die Homosexualität der eigenen Schwester würde er niemals akzeptieren. Aufgrund ihrer Angst sei sie inzwischen in Psychotherapie.

"Eine homophobe Argumentation", sagt der Anwalt

Die Ausländerbehörde hätte nun die Möglichkeit, eine Ausnahme von der strengen Visumpflicht zu machen. Immer wieder gibt es Fälle, in denen Migranten mit unstrittigem Aufenthaltsrecht nicht aus rein formellen Gründen in ihr Herkunftsland zurückreisen müssen. Brenneisen, Marias Anwalt, hat bereits einen schwulen Mann aus Aserbaidschan vertreten, dem ebendies erspart geblieben ist. Wo aber ist die Grenze des Zumutbaren? Wann ist eine solche Ausnahme angezeigt? "Ich muss das mit anderen Fällen vergleichen," sagt der Verwaltungsrichter und fügt hinzu: "Die obersten Gerichte halten es sogar für zulässig, dass türkische Männer für 18 Monate zum Militärdienst zurück in die Türkei gehen."

Die Hürden liegen hoch. Um einen sachlichen Maßstab zu finden, hat der Verwaltungsrichter nach einer ersten Gerichtsverhandlung ein Gutachten über die Bedrohung Homosexueller in Aserbaidschan in Auftrag gegeben. Aus einem Gutachten der Organisation ILGA (European Region of the International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association) geht hervor, dass die Gefahr für lesbische Frauen in Aserbaidschan groß ist – erst recht für Frauen mit einem für das Land untypischen Äußeren. Maria M. hat mehrere Piercings im Gesicht und trägt kurze, hochgegelte Haare. 

Doch obwohl der Richter jenes Gutachten selbst in Auftrag gegeben hat, folgt er ihm nicht. Maria M. könne die Gefahr einfach abwenden, argumentierte er Anfang Juli in einem Brief an den Rechtsanwalt Brenneisen, der diesen fassungslos machte. Die Argumentation in dem Brief: Maria M. müsse mit ihrer Familie in den zwei Monaten während ihres Aufenthaltes einfach nicht in Kontakt treten. Und ihre untypisch kurzen Haare könnte sie ja mit einem Tuch bedecken – dann würde sie nicht auffallen und bliebe anonym.

"Das ist eine homophobe Argumentation," sagt der Rechtsanwalt. Und dann auch noch eine, die laut Europäischem Gerichtshof unzulässig ist: 2013 hatte dieser im Falle eines schwulen Asylbewerbers entschieden, dass ihm gerade nicht zuzumuten sei, die eigene Sexualität zu verstecken. 

Der Prozess wird weitergehen, Maria M. will nun ein Attest ihrer Psychologin einreichen. Vielleicht könne er bei der Frage, ob die Reise in ihre Heimat zumutbar sei, die große Angst der lesbischen Frau vor der Rückkehr berücksichtigen, sagte der Richter am Ende der mündlichen Verhandlung. Doch das Ergebnis sei noch völlig offen: "Ich bin sehr gespannt auf meine eigene Entscheidung."