Bunte Plüschbären und Herzchen prangen auf dem Aktenordner, den Songül G. mit in den Gerichtssaal bringt. Auch sonst gibt die 41-Jährige sich mädchenhaft-naiv. Die Figur zart, die Stimme hoch, das Kleid unter dem langen Kopftuch hellblau-geblümt. Ihre Erzählung ist die einer blauäugigen Frau, die sich in Deutschland als Muslima unterdrückt fühlte und ausgerechnet im syrischen IS-Kalifat eine unbeschwerte Zukunft sah. Heute, sagt sie leise vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts, schäme sie sich dafür.

Vor drei Jahren hatte Songül G. erstmals Kontakt zu einer Deutschen, die mit ihrem Mann ins sogenannte Kalifat des IS ausgereist war. Dieser Frau, Marcia M., besorgte sie einen Handyanschluss und einen Facebook-Account, über den die beiden Frauen konspirativ miteinander chatteten. Laut der Bundesanwaltschaft bereitete Marcia M. von Syrien aus einen Terroranschlag in Deutschland vor. Das Ziel sei noch nicht definiert gewesen, festgestanden habe aber bereits, dass die Attentäter bei einer Großveranstaltung zuschlagen sollten. Die Gruppe von Marcia M. hatte nach Überzeugung der Ermittler versucht, anschlagswillige Kämpfer nach Deutschland zu schleusen und hier zu verheiraten, damit sie in Ruhe ihr Attentat vorbereiten können. Zwei Frauen sollen sich zur Hochzeit bereit erklärt haben. Eine war eine verdeckte Ermittlerin des Bundesnachrichtendienstes. Über diese flog die Sache auf. Die andere war nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft: die Angeklagte Songül G. 

Doch die bestreitet den Vorwurf. Die 41-Jährige ist gebürtige Deutsche, aufgewachsen in Bremen. Verhaftet wurde sie im vergangenen Dezember in Hamburg, in ihrer Neubauwohnung in der Kieler Straße, wo sie mit ihren drei Kindern lebte. Sie hatte auch einen Beruf: Fahrlehrerin. Doch trotz des eigenständigen Lebens, das sie hier führte, habe sie sich als Muslima diskriminiert gefühlt, verliest sie in einer schriftlichen Erklärung vor Gericht. "Wegen der Islamhetze in Deutschland", so ihre Worte, "habe ich mich in Deutschland nicht mehr wohlgefühlt".

"Ich ging davon aus, dass der IS eine gerechte Welt wollte"

Sie räumt ein, dass sie sich viel mit der Ideologie des IS beschäftigt habe. Sie sei in einschlägigen Internetforen unterwegs gewesen, habe auch regelmäßig mit Marcia M. geschrieben. Niemals aber habe sie einen IS-Kämpfer in Deutschland aufnehmen wollen, beteuert die Angeklagte. Mit Marcia M. habe sie aus einem Grund Kontakt gehabt: um ihre eigene Ausreise nach Syrien zu organisieren. "Ich ging davon aus, dass der IS eine gerechte Welt wollte," sagt G. Von den Terrorplänen von Marcia M. habe sie nichts gewusst. In ihrer Vorstellung war die Kontaktfrau lediglich eine gläubige Frau, die im Kalifat ein friedliches Leben als verheiratete Hausfrau führte. Heute wisse sie, beteuert die 41-Jährige, dass sie einer "perfiden Meinungsmache des IS" aufgesessen sei. 

Ihre Kontaktfrau Marcia M. ist inzwischen in Syrien in Haft. Dort soll sie bereits umfassend über die Anschlagspläne ausgepackt und über die heiratswilligen Frauen in Deutschland gesprochen haben. Auch Songül G. sitzt im Gefängnis, seit ihrer Festnahme im vergangenen Dezember in Hamburg ist sie in Untersuchungshaft. Sie sagt, sie sei froh, dass ihre Ausreisepläne gescheitert seien und sie ihr Leben in Deutschland fortsetzen könne. Wann sie tatsächlich wieder ein Leben in Freiheit führen kann, ist jedoch ungewiss. Sollte sie verurteilt werden, drohen ihr mehrere Jahre Gefängnis.