"Feuchttücher machen eine Riesensauerei" – Seite 1

Frühmorgens in der Wendemuthstraße in Wandsbek, nur wenige Schritte von der Wandse entfernt. Hier stinkt es gerade so richtig fies – denn Hamburg Wasser reinigt einen Düker. So heißen Kanalrohre, die beispielsweise unter einem Fluss durchführen, in diesem Fall eben unter der Wandse. Vom Reinigungsfahrzeug wurde ein Schlauch in das Kanalrohr eingeführt, am Ende des Schlauchs hängt eine Art Düse. Durch sie wird Wasser mit Hochdruck gegen die Wände des Siels, wie das Kanalsystem in Hamburg heißt, gespritzt. Seit die Mitarbeiter von Hamburg Wasser mit der Reinigung begonnen haben, hat sich der Respektsabstand der Umstehenden sukzessive vergrößert. Einer von ihnen ist Martin Schuster, Leiter der Abteilung Netzmanagement bei Hamburg Wasser. Das Interview findet in einem nahe liegenden Café statt – der besseren Luft wegen.

ZEIT ONLINE: Puh, stinkt das immer so, wenn Sie ein Siel reinigen?

Martin Schuster: Ja. Die Intensität des Geruchs kann zwar unterschiedlich stark ausfallen – aber bei solchen Arbeiten stinkt es grundsätzlich. Eine wesentliche Ursache dafür sind Fette im Kanal. Bei den Abbauprozessen dieser Fette entstehen Aromastoffe, die so intensiv sind, dass wir sie als sehr unangenehm wahrnehmen. Die Bakterien zersetzen das Fett schon im Kanal. Wenn da ein Klumpen so schön vor sich hinstoffwechselt, sammeln sich dort diese Gase, und die sind richtig ekelerregend.

ZEIT ONLINE: Der Gestank kommt also gar nicht so sehr von den Fäkalien im Abwasser?

Schuster: Die sind auch nicht so lecker, aber in dieser Konzentration nicht ganz so schlimm.

ZEIT ONLINE: Sie hatten vorhin einen eigenen Namen dafür, wie ging der noch? Eau de Toilette?

Schuster: Ha, Kalauer! Nein, ich nenne das meistens Sielparfüm.

ZEIT ONLINE: Die Hamburger Unterwelt scheint jedenfalls sehr aktiv zu sein.

Schuster: Für die Bakterien ist alles Nahrung. Vor allem Fett ist so energiereich, das ist für die das reinste Schlaraffenland. Außerdem ist das Abwasser warm vom Duschen, Wäschewaschen, Baden, Geschirrspülen. Das ist natürlich ideal, und deshalb vermehren sie sich wie verrückt. Das ist auch der Grund, warum Ratten sich dort wohlfühlen: Sie haben es warm – und etwas zu essen.

ZEIT ONLINE: Wie pfleglich gehen die Hamburger denn mit ihren Sielen um?

Schuster: Ein großes Problem sind Speisereste, die über die Kanalisation entsorgt werden, weil sie Ratten anlocken. Es gibt manchmal Schäden in einem Rohr, und wenn Ratten so ein Loch finden, graben die dort eine Höhle, nisten sich ein und vergrößern den Schaden.

ZEIT ONLINE: Wie bemerken Sie einen solchen Schaden?

Schuster: Durch Kamerabefahrungen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass ein Siel zusammenbricht. Haben Sie davon schon gehört?

ZEIT ONLINE: Nein.

Schuster: Sehen Sie? Das gibt’s so selten, weil wir durch die Kamerabefahrungen immer schon vorher von Schäden wissen.

ZEIT ONLINE: Was werfen die Hamburger denn alles in die Kanalisation, was dort nicht hingehört?

Schuster: Essen gehört nicht hinein, aber vor allem keine Hygieneartikel, insbesondere Feuchttücher und Wattestäbchen. Die sorgen in den Pumpwerken richtig für Probleme. Es gibt Hygienetücher, die sind so stabil, dass Sie die nicht zerrissen bekommen. Einfach unmöglich. Wenn zu viele dieser Tücher ankommen, kann die Pumpe verstopfen. Das haben wir recht häufig. Ein anderes Phänomen nennt sich Verzopfung. Dann fangen diese Hygieneartikel an, sich miteinander zu verbinden und eine Art Zopf zu bilden, meterlange Ketten, richtig fest. Wenn so etwas in die Pumpe kommt, dann hat die keine Chance. Das ist eine Riesensauerei, unheimlich schwierig, das rauszukriegen. Hier im Siel mit dem Spülgerät ranzugehen, das ist schon aufwendig, aber bei einer Pumpe ist Handarbeit gefragt. Darüber sind die Bürger zu wenig informiert.

Die größten Feinde nach den Feuchttüchern? Wattestäbchen!

ZEIT ONLINE: Diese Feuchttücher sind ein relativ neues Phänomen. Konnten Sie deren Aufkommen in den Sielen mitverfolgen?

Schuster: Ganz massiv. Seit es die gibt, sind die Probleme in den Pumpwerken da.

ZEIT ONLINE: Wer war davor Ihr größter Feind?

Schuster: Wattestäbchen.

ZEIT ONLINE: Wer wirft die denn in die Toilette?

Schuster: Ganz viele Leute. Die Wattestäbchen setzen sich an bestimmten Spalten in den Pumpen fest. Außerdem sorgen sie im Klärwerk für Ärger, weil sie von den Sieben und Rechen nicht vollständig zurückgehalten werden können.

ZEIT ONLINE: Und wo liegt das Fett in dieser Hitliste?

Schuster: Die Feuchttücher sind definitiv das Problematischste in den Pump- und Klärwerken. Dann die Hygieneartikel allgemein. An dritter Stelle kommen die Fette. Die setzen sich in Dükern und Sielen ab und bereiten dort Probleme, weil sie sich mit anderen Feststoffen verbinden. Ich bin mir sicher, dass gerade eben auch das ein oder andere Feuchttuch mit dabei war. Das ergibt dann eine Masse, die aus Fett, Feuchttüchern, Wattestäbchen und Hygieneartikeln besteht.

ZEIT ONLINE: Ende 2017 gab es in London einen 130 Tonnen schweren Fettberg in der Kanalisation. Was ging in Ihnen vor, als Sie davon hörten?

Schuster: Ich dachte nur: Siehste, das kommt raus, wenn man am falschen Ende spart und sich nicht ausreichend um die Anlagen kümmert.

ZEIT ONLINE: Das war wirklich Ihre erste Reaktion?

Schuster: Na gut, das war schon sehr ekelhaft.

Fäkalien, Fett und immer wieder Feuchttücher – wenn sich all das miteinander verbindet, muss gespült werden. © Lucas Wahl

ZEIT ONLINE: Ist das nicht der häufigste Albtraum jedes Kanalspezialisten, von einem riesigen Fettberg verfolgt zu werden?

Schuster: Nein, denn ich bin mir ganz sicher, dass so etwas bei uns nicht passieren würde. Ich habe keine Ahnung, wie lang die gebraucht haben, um so einen Fettberg aufzutürmen. Die haben ihr Netz offenbar ganz lange weder inspiziert noch gereinigt. Alle, die ein Kanalnetz betreiben, wissen, dass Fett nach Möglichkeit da nicht hineingehört. Deswegen müssen lebensmittelverarbeitende Betriebe in Deutschland Fettabscheider haben.

ZEIT ONLINE: Was ist das Absurdeste, das Sie jemals in den Sielen gefunden haben?

Schuster: Dazu gibt es unser Sielmuseum, das ist eine Ausstellung im WasserForum. Das fängt beim Gebiss an, was ja sehr naheliegend ist. Es wurden aber auch schon Pistolen im Abwasser gefunden, ganze Fahrräder.

ZEIT ONLINE: Die wurden dann aber nicht über die Toilette entsorgt.

Schuster: Nein, die müssen irgendwie anders reingekommen sein. Keiner kann sich vorstellen, wie. Unterwäsche auch jede Menge, ganze Bettlaken – so etwas schafft keine Pumpe. Neulich hatten wir eine Verstopfung, weil eine Bohle aus einer Baugrube hineingefallen ist und sich verkantet hat. Aber es gehören auch weder Farbreste noch Pinselreiniger ins WC. Das wissen immer noch viele Menschen nicht.

ZEIT ONLINE: Die denken sich vermutlich: Dazu gibt’s schließlich Klärwerke.

Schuster: Das ist ein Irrglaube. Dort können wir wunderbar organische Stoffe abbauen, also das, was wir ausscheiden. Aber bei komplexen, stabilen chemischen Verbindungen funktioniert die Anlage nur sehr eingeschränkt. Man darf die Toilette nicht mit einem Mülleimer oder der Sondermülldeponie verwechseln.

ZEIT ONLINE: Was wäre Ihr Wunschzettel an die Hamburger, womit sie Ihnen das Leben eindeutig erleichtern könnten? Nichts reinwerfen, was nicht aus einem Menschen kommt?

Schuster: Altmedikamente sind auch ein sehr wichtiges Thema, weil wir die nicht aus dem Abwasser rausbekommen.

ZEIT ONLINE: Wie finden Sie diejenigen, die etwas Falsches in die Kanalisation gekippt haben?

Schuster: Wir ermitteln immer wieder sogenannte Fehleinleiter. Wenn wir bei der Inspektion etwas entdecken, verfolgen wir das bis zum Hausanschluss und ermitteln so den Verursacher. Haben wir den gefunden, informieren wir die Aufsichtsbehörde, die dann Maßnahmen ergreift, um die Einleitung zu stoppen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Schuster: Uns kippte mal die Biologie der Kläranlage durch eine massive Altöleinleitung um. Wir haben dann Proben genommen, um den Fließweg nachzuvollziehen. Wenn Altöl durchs Siel geschwemmt wird, lagert sich ein bisschen an den Wänden ab. Diese Ablagerungen bilden einen Film, den wir Sielhaut nennen. So konnte man den Fließweg zurückverfolgen und den Einleiter aus unserer Sicht ziemlich zweifelsfrei identifizieren.

Seit die WC-Spülungen Wasser sparen, leiden die Kanäle

ZEIT ONLINE: Wie wird man sein Küchenfett nun wirklich richtig los?

Schuster: Man wischt die Pfanne mit Küchenpapier aus, das man in den Hausmüll wirft. Ein dünner Film in der Pfanne ist kein Problem. Aber das Öl auf keinen Fall in die Spüle gießen, sondern in eine Plastikflasche leeren, die verschließen und über den Hausmüll entsorgen. Es gibt aber auch Lebensmittel in Öl, Fetakäse zum Beispiel. Da gibt man das restliche Öl vielleicht ausnahmsweise mitsamt dem Glas in den Hausmüll.

ZEIT ONLINE: Stimmt es, dass die wassersparenden WC-Spülungen ein Problem für die Siele sind, weil es dadurch nicht mehr genug Durchfluss gibt?

Schuster: Das ist richtig. Aber das Gerücht, wir würden Trinkwasser verwenden, um die Kanäle durchzuspülen, das stimmt nicht. Das machen wir nur in absoluten Ausnahmefällen.

Sie gehen dorthin, wo's stinkt. Aber immerhin sind die Jobs der "Fachkräfte für Abwassertechnik" krisensicher. © Lucas Wahl

Zurück beim Düker sind die Arbeiten mittlerweile abgeschlossen. Der Schlauch wird wieder eingeholt, der Geruch verzieht sich. Die Mitarbeiter – offizielle Bezeichnung: "Fachkraft für Abwassertechnik" – fahren zurück zu Hamburg Wasser und reinigen sich dort nach einem streng vorgeschriebenen Prozedere, um nur ja keine Keime mit nach Hause zu nehmen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Probleme, Leute für diesen Reinigungsjob zu finden?

Schuster: Wer bei Hamburg Wasser anfängt, weiß, worauf er sich einlässt. Die Kollegen haben fast alle bei uns gelernt. Das weiß man nach einer Woche, ob man das kann oder nicht. Ich habe noch nie gehört, dass Auszubildende wegen Ekelkoller abgesprungen wären.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch Frauen?

Schuster: Noch nicht so viele, aber es werden immer mehr. Die meisten, Männer wie Frauen, machen das mit viel Stolz und Leidenschaft. Der Job ist auch krisensicher.

ZEIT ONLINE: Woher kommt dieser Stolz? Weil sie wissen, was sie für die Stadt leisten?

Schuster: Wir haben alle kein Problem mit dem, was wir machen. Es ist eine sinnvolle Tätigkeit. Die gehen da rein und machen das einfach. Und sie können stolz darauf sein, dass sie dort hingehen, wo es stinkt.

ZEIT ONLINE: Der Londoner Fettkloß wurde teilweise in einem Museum ausgestellt. Würden Sie auch gern hin und wieder am Jungfernstieg die Sachen präsentieren, die Sie so aus den Sielen holen, um die Hamburger ein bisschen zu sensibilisieren?

Schuster: Nee, Schockbilder in einer Ausstellung entsprechen eigentlich nicht unserem Anspruch. Unser Motto ist: Wir machen unseren Job gut, wenn keiner es merkt.

ZEIT ONLINE: Sie bleiben also lieber im Untergrund?

Schuster: Genau.