Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) hatte am Donnerstagmorgen einen besonderen Termin im Kalender: ein Treffen mit ihrer Parteikollegin Katrin Habenschaden, die bei den Kommunalwahlen 2020 Oberbürgermeisterin in München werden will. Ein interessanter Termin – auch deshalb, weil die beiden Städte mehr gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick meinen möchte. Da wären etwa: ein großes Verkehrsproblem. Ein überaus angespannter Wohnungsmarkt. Aber auch: zwei außerordentlich erfolgreiche Grünenfraktionen. Ein Interview mit der Münchner OB-Kandidatin: über Hamburg.

ZEIT ONLINE: Frau Habenschaden, wenn Sie von München aus auf die Hamburger Grünen schauen: Sind Sie neidisch auf deren Erfolg? Oder insgeheim auch froh, dass Sie noch keine Regierungsverantwortung haben?

Katrin Habenschaden: Ich schaue voller Neid nach Hamburg (lacht). Wir Grünen haben im Münchner Stadtrat ja auch mitregiert, 24 Jahre lang, bis 2014 das Bündnis wegen der Schwäche der SPD nicht fortgesetzt werden konnte. Seither gibt es eine große Koalition – und bis zu unseren Erfolgen bei der Landtags- und der Europawahl hatten wir für unsere Themen hier überhaupt keine Unterstützung. Jetzt ergrünt der eine oder andere auf wundersame Weise. 

ZEIT ONLINE: München und Hamburg sind einander zwar nicht nur auf der Landkarte fern, entwickeln sich aber ähnlich.

Habenschaden: So ist es. Beide Städte wachsen stark, und das bedeutet in München auch: Die Straßen und die öffentlichen Verkehrsmittel werden immer voller. Der Druck auf die Infrastruktur wächst, auch im Erholungsbereich. Deshalb habe ich erst kürzlich vorgeschlagen, einen neuen Badesee in München anlegen zu lassen. 

ZEIT ONLINE: Und in beiden Städten erleben die Grünen einen beeindruckenden Höhenflug. Was können die Münchner Grünen von den Hamburger Grünen lernen?

Habenschaden: Ich bin keine Expertin, was die Situation in Hamburg angeht. Aber bei meinem Besuch konnte ich Hamburger Grüne kennen lernen, die vor Ideen für ihre Stadt nur so sprudeln. Für eine städtebauliche Weiterentwicklung Hamburgs, die mehr Lebensqualität zum Ziel hat. Dazu hatte ich spannende Gespräche und nehme einige gute Ideen mit in den Zug nach München. 

ZEIT ONLINE: Sie haben auch Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank getroffen – worüber haben Sie gesprochen?

Habenschaden: Mich interessiert natürlich, wie das tägliche Leben aussieht – die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und natürlich die wirtschaftliche Entwicklung unserer jeweiligen Stadt. Mir geht es aber auch um die Themen, die Hamburg umtreiben. 

ZEIT ONLINE:
 Zum Beispiel?

Habenschaden: München plant eine Internationale Bauausstellung, wie es sie ja auch in Hamburg gab – ich habe mir das Gelände angesehen und mich informiert, was das Projekt Hamburg wirklich gebracht hat. Und ich war bei der Eröffnung des autofreien Rathausquartiers. Das haben die Grünen in München schon vor Jahren beantragt, wir hätten gern die Altstadt autofrei, jetzt traut sich die Stadt immerhin mal an einen einzelnen Platz heran, wenn auch in einem anderen Viertel. Temporäre Sommerstraßen wie in Hamburg haben wir für dieses Jahr noch nicht durchsetzen können, das ist leider am Widerstand von CSU und SPD gescheitert. 

ZEIT ONLINE: Bei der Bezirkswahl hatten die Grünen hier Probleme, ihre Listen zu besetzen – und hatten mit einigen Kandidaten, die sie offenbar nicht gut genug kannten, prompt Ärger. Haben Sie in München genug Grüne, um für den Erfolgsfall gewappnet zu sein?

Habenschaden: In München gibt es da kein Problem. Wir haben ganz viele Interessentinnen und Interessenten, aus verschiedenen Schichten und Vereinen und Verbänden. Mein Ziel wäre eine Fraktion, die die Vielfalt der ganzen Stadt abbildet. Verschiedenste Berufe, Herkünfte, Altersstufen.

ZEIT ONLINE: 
Die Hamburger Bevölkerung treiben vor allem zwei Probleme um, die Sie sehr gut kennen: bezahlbarer Wohnraum wird immer knapper und der Verkehr in der Stadt ist ein Albtraum. In München ist die Lage in beiden Fällen weitaus schlimmer. Welchen Fehler hat München gemacht, den Hamburg noch vermeiden kann?

Habenschaden: Was den Verkehr angeht, hat München tatsächlich einen Fehler gemacht: Die Stadt hat in den letzten Jahren lediglich mit kleinen Maßnahmen nachgebessert – anstatt das Problem konzeptionell anzugehen. Die Stadt wächst, aber die Stadtfläche ist nicht vergrößerbar, auch die Verkehrsfläche nicht. Es gibt eine Prognose des Planungsreferats, die besagt: Wenn sich nichts ändert, gibt es bald nur noch eine einzige Rushhour am Tag – von sechs bis 21 Uhr. Daran ändern auch zusätzliche Abbiegespuren an besonders schlimmen Stellen nichts. Diese fehlende Entscheidungsfreude ist vielleicht ein Fehler, den Hamburg wirklich vermeiden könnte. 

ZEIT ONLINE: 
Eine große Recherche der ZEIT-Hamburg im Bezug auf die Verkehrs- und Stausituation hat ergeben: Ein schlimmer Tag in Hamburg entspricht in etwa einem mittleren bis guten Tag in München. Sind wir am Ende nur empfindlich? 

Habenschaden: (lacht) Man empfindet das Problem ja immer aus der eigenen Lebensrealität heraus als schlimm. Wenn ich in München im Stau stecke, hilft es mir auch nichts, zu wissen, dass es in Los Angeles noch schlimmer ist.

ZEIT ONLINE: 
Haben Sie in München auch Probleme mit E-Scootern?


Habenschaden: Richtige Probleme gibt es, ehrlich gesagt, noch nicht. Aber es gibt von Seiten der CSU schon die Diskussion, ob man sie nicht zur Wiesn verbieten sollte (lacht). Ich glaube, solche Diskussionen sind es, die verhindern, dass sich die Leute wirklich auf die Neuerungen einlassen. 

ZEIT ONLINE:
 Und was raten Sie Hamburg – aus leidvoller Münchner Erfahrung – im Bezug auf die Wohnungssituation?

Habenschaden: Raten kann ich Ihnen nichts, ich kann nur sagen: Man darf bei diesem Thema keinen Hebel ungenutzt lassen, sowohl was die Bestandsnutzung angeht als auch beim Wohnungsneubau. Wir haben Teile der Stadt zu sogenannten Erhaltungssatzungsgebieten erklärt, in denen Luxussanierungen und teure Weitervermietung nicht möglich sind. Das nutzen wir, so stark wir können. Und dann nutzen wir die Möglichkeiten, neu zu bauen. Das heißt aber nicht, dass überall gebaut werden soll, wo es möglich wäre. Sehr viel ungenutztes Potenzial hat München etwa noch in der Weiterentwicklung von Flächen, die schon versiegelt sind. Und wenn wir ganz neue Gebiete bebauen, dann so flächensparend wie möglich. Wir haben in München ein großes Entwicklungsgebiet im Nordosten, 600 Hektar. Wenn es nach uns geht, soll davon nur ein Sechstel bebaut werden. Die Fläche braucht es auch, damit Luft in die Stadt kommt – das ist eine der wichtigsten Kaltluftschneisen. Und gerade in einer wachsenden Stadt brauchen wir genug Grünflächen.

ZEIT ONLINE: Was Hamburg schon hat, im Gegensatz zu München, ist ein neuer guter Konzertsaal. Wie neidisch sind die Münchner auf die Elbphilharmonie wirklich?

Habenschaden: Wahnsinnig neidisch – allerdings kann ich das nur von mir selbst sagen. Ich war schon zweimal da, das ist schon wirklich sagenhaft, darauf kann Hamburg stolz sein. Wir bekommen auch einen neuen Saal im Werksviertel, hinter dem Ostbahnhof, ich bin sicher, das wird auch toll, aber wir können natürlich keinen Hafen dazudenken. 

ZEIT ONLINE:
 Die Grünen sind in Hamburg erfolgreicher als in München, die Verkehrs- und Wohnungsproblematik ist nicht so gravierend, es gibt einen tollen Konzertsaal und ein temporär autofreies Rathausquartier – wollen Sie nicht klammheimlich lieber in Hamburg leben?

Habenschaden: Vielleicht mal für einige Zeit, wer weiß – das würde mir, glaube ich, gut gefallen. Aber insgesamt möchte ich nirgends lieber leben als in München. Ich liebe München einfach. Und ich bin wahnsinnig gern in den Bergen.