Als Marc-Michael H. am Morgen des 5. Dezember 2018 zur Wohnung seiner Ehefrau in Hamburg-Altona kommt, hat er ein Messer bei sich. Er versteckt sich zunächst auf dem langen Hochhausflur, damit seine Kinder ihn auf dem Weg zur Schule nicht sehen – die Eheleute sind getrennt, er darf sich den Kindern nur zu festen Besuchszeiten nähern. Dann betritt er die Wohnung im 15. Stock. Er habe nur ein iPad abholen wollen, wird er später vor Gericht behaupten. In der Wohnung kommt es noch kurz zum Streit mit seiner Frau. Dann holt er das Messer heraus und sticht zu. 50 Mal.

Ein heimtückischer Mord. Das steht für die Schwurgerichtskammer nach der mehrwöchigen Verhandlung fest. Sie verurteilt den 50-Jährigen zu lebenslanger Haft. Er habe ein grauenvolles Verbrechen begangen, sagt die Vorsitzende Richterin im Urteil. Eine Tat, die von einem "außergewöhnlichen Vernichtungswillen" geprägt gewesen sei.

So eindeutig dieser Fall auf den ersten Blick auch erscheint – klar war die Verurteilung nicht. Bis unmittelbar vor dem Richterspruch sah es so aus, als würde Marc-Michael H. wegen Totschlags verurteilt, womöglich sogar in einem minder schweren Fall. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn nicht wegen Mordes angeklagt, weil das Merkmal der Heimtücke nicht erfüllt sei, wie es zu Prozessbeginn hieß. Juliet H., 42 Jahre alt, sei nicht arglos gewesen, als sie ihren Mann an diesem Morgen in ihre Wohnung ließ. Er hatte sie und die Kinder zuvor mehrfach misshandelt, sie war sogar vor ihm ins Frauenhaus geflohen. Sie habe folglich mit einer erneuten Attacke rechnen müssen.

Eine schwierige Frage. Eine, die laute Proteste hervorrief. Dass er seine Frau zuvor bereits gequält hatte, würde dem Täter dadurch zugutekommen, sagten Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser, die vor dem Gerichtsgebäude an fast jedem Verhandlungstag eine Kundgebung organisierten. Es ist auch ein Argument, das auf eine Problematik im System der Tötungsdelikte verweist.

Für Mordmerkmale gibt es eine enge Definition

Mörder kommen lebenslang in Haft, Totschläger zeitlich begrenzt. Ob jemand Mörder oder Totschläger ist, hängt von sogenannten Mordmerkmalen ab. Für die gibt es eine enge Definition. Das führt bisweilen zu Urteilen, die rechtsstaatlich fragwürdig erscheinen. Zum Beispiel, weil die Vorgeschichte eines Mordes kaum berücksichtigt werden kann, die Folge ist immer lebenslang. Oder weil umgekehrt in einem Fall wie diesem eben nur Totschlag vorliegen kann, wenn die Frau wegen früherer Misshandlungen mit einer erneuten Attacke rechnen musste. Als Heiko Maas noch Bundesjustizminister war, hatte er eine Expertengruppe ins Leben gerufen, die die Systematik überprüfen sollte. Im Ergebnis hat sich die Kommission für eine Reform ausgesprochen. Dann aber kam die Bundestagswahl und das Thema war vom Tisch.

So stehen die Gerichte immer noch vor der Herausforderung, trotz des starren gesetzlichen Rahmens zu individuell angemessenen Ergebnissen zu kommen. Das Hamburger Landgericht hat einen vorsichtigen Weg gewählt: Es hat zunächst die Anklage wegen Totschlags zugelassen, auch weil die Möglichkeit im Raum stand, dass Marc-Michael H. womöglich psychisch krank und damit vermindert schuldfähig war. Erst nach dem Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen, der eine solche Erkrankung verneint hatte, gab die Richterin den Hinweis, dass nun doch eine Mordverurteilung möglich sei. Auch der Staatsanwalt hatte schließlich auf Mord plädiert.

Und so kam es dann auch. Die Richterin begründet das Mordurteil damit, dass Juliet H. trotz der früheren Misshandlungen an jenem Dezembermorgen völlig arglos gewesen sei. Sie habe gewusst, dass ihr Mann nach der Trennung in psychiatrischer Behandlung war. Sie habe ihm wieder vertraut – und nichtsahnend die Tür geöffnet, als er unangemeldet vor ihrer Wohnung stand.

Marc-Michael H. aber, davon ist die Schwurgerichtskammer überzeugt, hatte die Ermordung seiner Frau schon lange geplant. Seit der Trennung hatte er Tötungsfantasien. Laut der Richterin hätte er das Gefühl gehabt, sie im Ehestreit gewinnen zu lassen, wenn er sie nicht tötete. An jenem Morgen habe er die Fantasien dann umgesetzt und eine Tat begangen, die er "gedanklich schon lange geplant hatte".

Ihre vier Kinder fanden die leblose Mutter, als sie aus der Schule kamen.