Es gibt ein sicheres Zeichen dafür, dass sich die Hamburger Sommerferien dem Ende zuneigen: Kurz zuvor lädt Schulsenator Ties Rabe (SPD) ein paar Journalisten ins Rathaus, um die Stadt mit Erfolgsmeldungen auf das kommende Schuljahr einzustimmen – so wie auch in diesem Jahr. Und auf den ersten Blick klangen die Zahlen, die Rabe am Dienstag zu verkünden hatte, tatsächlich erfreulich, wenn auch kaum überraschend: Es gibt immer mehr Schülerinnen und Schüler in der Stadt, mehr als 200.000 werden es zu Beginn des neuen Schuljahres sein, so viele waren es zuletzt während der Babyboomer-Jahre in den Siebzigern. Allein die Zahl der neuen Erstklässler ist um 5,3 Prozent auf 15.440 gestiegen. Und fast ebenso viele Kinder – 14.360 – wurden für die fünften Klassen angemeldet.

"Die Schulen wirken nur so groß"

"Das sind gewaltige Zahlen", sagte Rabe. Und sie stehen für einen Trend, der sich bereits seit einiger Zeit abzeichnet. In Hamburg, der wachsenden Stadt, werden immer mehr Kinder geboren, die schon jetzt oder in wenigen Jahren in die Schulen drängen. Und dort wird es eng. Um Platz zu schaffen, will die Stadt daher neue Schulen bauen oder bestehende erweitern. Bis 2030 rechnet Hamburg mit 25 Prozent mehr Schülerinnen und Schülern, 39 weitere Schulen sollen bis dahin in allen sieben Bezirken gebaut, insgesamt vier Milliarden Euro in den Schulbau investiert werden.

So steht es im Entwurf für einen neuen Schulentwicklungsplan geschrieben, den die Behörde im Mai vorgelegt hat – nach langem Drängen der Opposition, die einen solchen Plan seit Jahren immer wieder eingefordert hatte. Denn der alte Schulentwicklungsplan stammt noch aus dem Jahr 2012, angesichts rasant steigender Geburtenraten galt er als längst überholt. Allerdings regt sich auch an dem neuen Schulentwicklungsplan Kritik, eben weil er viel zu spät vorgelegt worden sei, wie Birgit Stöver, schulpolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion, anmerkt. Eine echte Diskussion darüber sei in den letzten Wochen außerdem kaum möglich gewesen, weil die Schulbehörde die Beratungstermine einfach in die Sommerferien gelegt habe. Auch die Bedarfsprognosen, immerhin die Basis aller Bauvorhaben, hinkten dem tatsächlichen Schülerwachstum inzwischen längst hinterher. Eigentlich müssten deutlich mehr Schulen gebaut werden. 

Doch Grund und Boden in Hamburg sind knapp, und so wird nicht nur neu gebaut. Rund ein Drittel der Hamburger Schulen sollen erweitert werden, betroffen ist zum Beispiel die Max-Brauer-Grundschule in Altona, gelegen im Westen der Stadt. Sie soll sechs, statt wie bisher drei Klassenzüge bekommen und wäre mit fast 2000 Schülern die größte Schule der Stadt. Doch auch diese Erweiterungspläne bergen ein enormes Empörungspotenzial. Seit Monaten laufen die Eltern in Altona Sturm gegen die Pläne der Stadt, sie sprechen von "Käfighaltung" und glauben, dass eine große Schule insbesondere kleinen Kindern schadet – warum, hat eine Elternvertreterin der ZEIT erzählt. 

Hörte man dem Schulsenator zu, konnte man allerdings den Eindruck bekommen, dass dieser Konflikt längst befriedet ist. Oder zumindest irgendwie egal. Denn inzwischen gebe es gerade in Altona "ebenso viele, wenn nicht noch mehr" Eltern, denen größere Schulen viel lieber als Neubauten wären, sagte Rabe. Davon abgesehen unterlägen die Kritikerinnen und Kritiker einem Missverständnis: An einigen Schulen werde es zwar deutlich mehr, aber nicht größere Klassen als bisher. "Diese Schulen wirken nur groß, sind es aber gar nicht." Dass die Kritik der Eltern sich auch auf die Größe der Gebäude bezog, erwähnte er nicht. Stattdessen verwies der Senator darauf, dass die Stadt mehr Pädagoginnen und Pädagogen in den Schulen arbeiten lassen wird. 880 neue Lehrkräfte wurden bis zum 1. August dieses Jahres eingestellt, 2018 waren es insgesamt 894, im Jahr davor 869. 333 neue Lehrstellen würden geschaffen, davon sei die Hälfte dem erhöhten Bedarf geschuldet. Die andere Hälfte soll qualitativen Verbesserungen in den Schulen dienen – zum Beispiel für Inklusionsbedarfe und den Unterricht in Flüchtlingsklassen. 

Stadtteilschulen werden beliebter 

Ein weiterer Trend im Schulwesen setzte sich fort: Die Stadtteilschulen werden immer beliebter. Sie lagen mit 49 Prozent in der diesjährigen Anmelderunde für die weiterführenden Schulen fast gleichauf mit den Gymnasien, wo 51 Prozent aller Anmeldungen eingingen. Für Rabe ein Indiz dafür, dass die "Geburtswehen" der Stadtteilschulen überstanden seien. Hätten diese anfangs noch unter einem "schlechten Image" gelitten, so hätten nun die meisten Hamburger begriffen, dass es sich um eine "ganz tolle Schulform" handle. 

Hilfe für einkommensschwache Familien 

Familien, die eine soziale Stütze wie Wohngeld, Sozialhilfe oder einen Kinderzuschlag bekommen, werden in Zukunft mit 150 Euro von der Schulbehörde für den Kauf von Schulbedarf unterstützt, auch der Zuschuss für den Besuch von Sportvereinen oder Musikschulen erhöht sich pro Kind auf 15 Euro monatlich. Entlastung schaffen soll außerdem die Ferienbetreuung an staatlichen Schulen, seit dem Schuljahr 2016/2017 sechs Wochen lang kostenlos. Hier stieg die Nachfrage gewaltig: Nutzten vor zwei Jahren noch 3.800 Kinder das Angebot,  waren es im abgelaufenen Schuljahr 8.300. 

Die Debatte darum, wie Hamburg mit den steigenden Schülerzahlen umgeht, wird sich indes mit großer Wahrscheinlich auch durch das kommende Schuljahr ziehen – der neue Schulentwicklungsplan soll noch vor den Herbstferien in der Bürgerschaft diskutiert und verabschiedet werden.