In Hamburg beginnt nach sechs Wochen Sommerferien wieder die Schule. Tausende Kinder drängen nun in die fünften Klassen, so viele waren es zuletzt in den Siebzigern. Was erwartet sie? Hier berichtet ein Lehrer von seinen Erfahrungen in Gymnasien und Stadtteilschulen. Er fordert mehr "kreativen Wildwuchs", mehr Autonomie für die Kinder – und weniger elterlichen Kontrollwahn. *Alle Namen in diesem Text sind geändert, der Name des Autors ist der Redaktion bekannt.

Das fühlte sich an wie eine zweite Geburt, sagte mir neulich eine gute Bekannte. Sie hatte sich mit ihrem Mann und ihrer Tochter zusammengesetzt, zum Familienrat. Nach den Sommerferien würde die Tochter in die fünfte Klasse kommen – aber auf welche Schule? Vater und Tochter seien, nach diversen Ortsbesichtigungen und endlosem Studium von Websites und Flyern, für eine weiterführende Schule im Hamburger Westen gewesen. Sie aber habe das Gymnasium Altona durchgesetzt. Aha. Und warum gleich wieder? Das wissen Eltern, nach panischem Herumgefrage noch am Vorabend der Entscheidung, oft selbst nicht mehr so genau.

Und was man auf Nachfrage so hört, ist dürftig: Die Schule ist fußläufig zu erreichen (aber das ist nur für die Grundschule wichtig). Da geht schon die Schwester hin (aber die sagt am Schultor: Ab hier kennen wir uns nicht mehr). Da geht auch die beste Freundin hin (aber wer weiß, wie lange die Freundschaft hält). Da schicken alle ihre Kinder hin (wenn sich der Trend verstetigt, bedeutet das: große Klassen und jahrelangen Umbau). Die Schule hat einen guten Ruf (den hat sie sich vor zehn Jahren erworben, inzwischen ist ein Drittel des tollen Kollegiums pensioniert und wahrscheinlich die Schulleitung neu besetzt). Der einzig sinnvolle Prüfstein wäre: das Gefühl, nach dem Besuch der Schule gut informiert zu sein. Aber dieses Argument habe ich kaum jemals gehört.   

Dann kommt der erste Tag an der neuen Schule. Die erste Woche, der erste Monat, das erste Jahr. Danach das zweite. Und in der 7. Klasse fragt mich Marie* an einem Dienstag um elf, warum sie bitte schön auch noch was für die Schülerzeitung abliefern soll. Denn sie hat heute bis 16 Uhr Schule oder Hausaufgaben zu machen oder übt für die Klassenarbeit, die dritte in dieser Woche. Mit Freundinnen triff sie sich kaum noch. Die Werkstätten für Talentförderung wurden letztes Jahr abgeschafft. Die Jungs in ihrer Klasse lesen nur noch unter Androhung von Gewalt, und als Marie neulich hinfiel und ihr Knie blutete, verschränkte der Lehrer – dem sie im Lernentwicklungsgespräch versprochen hat, sich wieder mehr zu melden – seine Arme auf dem Rücken. Wo ist ihre tröstende Grundschullehrerin geblieben? Wo die Neugier? Wo Ayse aus dem Wohnblock von gegenüber? Was ist geschehen?

Durch den schummerigen Flur gehe ich zum Lehrerzimmer und denke über Maries Frage nach. Die hatte gar nichts mit der Schülerzeitung zu tun. Eigentlich lautet sie: Können Sie mich nicht endlich in Ruhe lassen? Oder noch schärfer formuliert: Was tue ich hier eigentlich? Fürs Leben lernen?

Die Eltern haben Angst, nicht die Kinder

Von oben sehe ich, dass eine Kollegin Aufsicht am Schuleingang hat, die, kaum Studienrätin, schon Klassenlehrerin wurde. Ihre Sechste macht Probleme, hat sie mir anvertraut, vor allem einige Durchgedrehte, die sie kaum unter Kontrolle kriegt: verbotene Nachtausflüge auf Klassenfahrt, jeden Tag blutige Nasen. Also hat sie durchgegriffen, die Gangart verschärft. Letzte Woche dann der Elternbrief: Die zarter besaiteten Kinder hätten nunmehr Angst vor ihr. Nicht die Kids haben Angst, weiß die Kollegin, die seit dem Brief schlecht schläft, die Eltern sind's! Denn wenn nach der Sechsten das Notenbild nicht stimmt, wird vom Gymnasium abgeschult. Seit es kein Sitzenbleiben mehr gibt, hat sich der Druck nach unten verlagert. 

Und das wissen auch die Eltern. Sie haben die Zeichen vielleicht nicht gleich richtig gedeutet: Antons langsames Arbeiten in der Klasse 1b hatten sie sich zunächst zur besonderen Sorgfalt verklärt. Und die Pause falsch interpretiert, die Frau Müller am Ende der Dritten einlegte, als man das Thema Gymnasium vorsichtig anschnitt. Egal, das Abi ist das Eintrittsticket in die Gesellschaft, es muss also her! Kriegt man heute nachgeworfen, heißt es ja immer. Nur fühlt sich das nicht so an mit den Fünfen, die das Kind nach Hause bringt. Dabei lernt man mit ihm jedes Wochenende, als wäre man selbst wieder in der Schule. Und was ist mit Alternativen? Die gehen einem schneller aus, als man sie durchspielen kann: ein anderes Gymnasium? Die werden sich freuen. Die Stadtteilschule im guten Viertel, die vor eineinhalb Jahren möglich gewesen wäre? Übervoll. Und plötzlich ist da das Gefühl, dass einem der Stuhl vor die Tür gesetzt werden könnte. Was dann? Nach Waldorf pendeln oder in die Privatstraße? Oder ist Stadtteilschule doch besser als ihr Ruf?