Autos schießen aus der Parklücke auf den Bürgersteig, reißen Auslagen um, krachen in Schaufenster oder brechen sogar durch bis in die Boutiquen oder Friseursalons: Es sind dramatische Szenen, die sich regelmäßig in der Waitzstraße in Groß Flottbek abspielen. Seit Ende 2018 stehen schwere Granitbänke vor den Schaufenstern, doch auch die wurden bereits zweimal umgefahren. Erst letzte Woche krachte es wieder: Ein Mercedes fuhr in die Auslage eines Blumenladens, riss dabei einen Poller um und zerquetschte ein Fahrrad. Verletzt wurde niemand. Mehr als 20 solcher Unfälle gab es in den vergangenen Jahren in der Waitzstraße. Fast immer saßen Senioren am Steuer, älter als 75 Jahre alt. Das Bezirksamt Altona will nun Stahlstelen aufstellen lassen, die örtliche Grundeigentümergemeinschaft verspricht einen Bringdienst für die ansässigen Arztpraxen – denn davon drängen sich 44 Stück auf einer Strecke von 300 Metern. So könnten einige Fahrer ihr Auto künftig stehen lassen. Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, hat die Unfallserie untersucht.

ZEIT ONLINE: Herr Brockmann, was ist los in der Waitzstraße?

Siegfried Brockmann: Es gibt da zwei Probleme. Erstens: In der Waitzstraße wird trotz Tempo 20 relativ schnell gefahren. Zweitens: Die Straße ist voller Schrägparkplätze. Da kann man mit recht hoher Geschwindigkeit reinfahren, aber auch raus. Und genau das versuchen die Senioren, um rechtzeitig in eine Lücke zwischen den Autos zu gelangen, die eben mit hohem Tempo vorbeifahren. Die Senioren wollen schnell raus aus dem Parkplatz.

ZEIT ONLINE: Aber doch nicht über den Bürgersteig.

Brockmann: Es wird immer gesagt, sie würden Gas und Bremse bei ihren Automatikwagen verwechseln. Aber das glaube ich nicht. Die meisten Senioren haben 40, 50 Jahre Fahrerfahrung, da ist eine Verwechslung fast unmöglich. Meine Theorie ist: Die befinden sich im Irrtum über die eingelegte Stufe. Das ist bei vielen Autos ja leider auch nicht intuitiv: Wenn man den Hebel nach hinten zieht, landet man im Vorwärtsgang, wenn man ihn nach vorn drückt, im Rückwärtsgang. Das kennt jeder Automatikfahrer.

Siegfried Brockmann leitet die Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. © Unfallforschung der Versicherer

ZEIT ONLINE: Fährt bloß nicht jeder in Schaufenster.

Brockmann: Jüngere Menschen bemerken den Irrtum schneller, die brauchen zwei Zehntelsekunden und stehen auf der Bremse. Viele Senioren brauchen länger. Und wenn sie unter dem Druck stehen, schnell ausparken zu müssen, deswegen aufs Gas drücken, den Hebel aber versehentlich auf "D" statt auf "R" gelegt haben – dann schießt der Wagen nach vorn, ohne dass sie rechtzeitig reagieren können.

ZEIT ONLINE: Trügt der Eindruck oder geht von Senioren im Straßenverkehr tatsächlich eine größere Gefahr aus als von anderen Altersgruppen?

Brockmann: Das Verkehrsministerium sagt nein und verweist immer gern auf die Unfallstatistik. Das ist aber allenfalls die halbe Wahrheit. Erstens rechnet das Ministerium Menschen ab 65 als Senioren. Menschen zwischen 65 und 75 sind aber vergleichsweise unauffällige Autofahrer, interessant wird es ab 75. Zweitens wird das Unfallaufkommen pro Altersgruppe jeweils pro 100.000 Einwohner ermittelt, was in den älteren Jahrgängen ebenfalls wenig Sinn ergibt.

ZEIT ONLINE: Warum?

Brockmann: Weil viele ältere Frauen gar keinen Führerschein haben oder das Fahren lange aufgegeben haben. Bei den Menschen über 75 gibt es also viel weniger Autofahrer als in der Vergleichsgruppe. Sobald sie das Unfallaufkommen aber auf gefahrene Kilometer beziehen, sehen Sie die Wahrheit, und die lautet: Ab 75 ist das Unfallrisiko ähnlich hoch wie bei den 18- bis 21-Jährigen, die gemeinhin als Hochrisikogruppe gelten.

ZEIT ONLINE: Bräuchte es dann nicht verpflichtende Fahrtests ab 75?

Brockmann: Das wäre nicht sinnvoll. Wenn jemand auffällig wird, muss er zur MPU (zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung, d. Red), da wird er einen ganzen Tag durchleuchtet und das kostet mehrere Hundert Euro – aber das kann man ja nicht verdachtslos bei allen 75-Jährigen machen. Das wäre weder adäquat noch politisch durchsetzbar. Für die große Masse der Senioren, die noch nie aufgefallen sind, muss man also andere Möglichkeiten finden, günstiger und weniger zeitintensiv. Das Problem ist aber: Wenn man einen Senior nur eine Stunde lang testet, dann kriegt man kein verlässliches Ergebnis – vielleicht fährt er eigentlich total sicher, ist aber aufgeregt beim Test. Auf Grundlage eines solchen Ergebnisses kann man keinen Führerschein einziehen, das wäre verfassungswidrig und geht einfach nicht.

ZEIT ONLINE: Was also tun?

Brockmann: Schon seit Langem fordere ich eine sogenannte qualifizierte Rückmeldefahrt. Da müsste sich jeder Autofahrer ab 75 für eine Stunde von einem Profi begleiten lassen und würde dann ein Feedback bekommen, das er entweder beherzigt oder nicht – darauf hätte man keinen Einfluss. Ich glaube aber, das würde dennoch etwas bringen. Zumindest, solange das Feedback differenziert ist. Schwarz-Weiß-Empfehlungen, Auto fahren oder nicht, wird es auch gar nicht so häufig geben. Vielleicht aber die Anregung, künftig Innenstädte oder unbekannte Strecken zu meiden. Vielen Senioren ist gar nicht klar, welche Schwächen sie am Steuer haben. Wenn man 50 Prozent der Teilnehmer an den Rückmeldefahrten zu verändertem Verhalten bringt, wäre das schon ein großer Gewinn.

ZEIT ONLINE: Zurück zur Waitzstraße: Noch gibt es keine "qualifizierten Rückmeldefahrten", also muss das Problem anders gelöst werden. Ihr Vorschlag?

Brockmann: Drastische Geschwindigkeitsreduzierung, am besten auf 10 km/h, durch Aufpflasterungen zum Beispiel. Das würde den Druck auf die Senioren mindern, schnell aus diesen Parklücken rauszufahren.

ZEIT ONLINE: Von 10 km/h ist derzeit offenbar keine Rede. Stattdessen werden Stelen in den Boden gelassen und künftig soll ein Bringdienst die zahlreichen Arztpraxen anfahren.

Brockmann: Das sind auch sinnvolle Ideen. Senioren, die im Ernstfall nicht mehr bremsen können, wenn sie falsch herum unterwegs sind, die sind natürlich auch insgesamt eine Gefahr für den Straßenverkehr. Damit sie aber ihr Auto stehen lassen können, brauchen sie ein gutes alternatives Angebot. So ein Bringdienst könnte da ein guter erster Schritt sein.