"Bei emotionalen Käufen ist der Einzelhandel immer stärker" – Seite 1

Vor vier Jahren hat Katharina Walter (29) die Onlineplattform Findeling gegründet, eine Suchmaschine für kleine, inhabergeführte Läden in Hamburg. Was in Hamburg begann, ist inzwischen zu Deutschlands größter Plattform für lokale Läden herangewachsen – und Walter arbeitet bereits daran, das Netzwerk auf ganz Europa auszuweiten.

ZEIT ONLINE: Frau Walter, wie sind Sie auf die Idee zu Findeling gekommen?

Walter: Ich bin Hamburgerin und hatte immer schon ein Faible für kleine Lädchen, wie sie im Schanzenviertel oder in Altona zu finden sind. Der Auslöser für die Gründung war aber damals, dass ich einen Bilderrahmen kaufen wollte. Ich habe gegoogelt, wo ich in der Nähe einen kaufen könnte – und als Ergebnis wurde mir dann eine große Möbelkette weit weg vom Zentrum vorgeschlagen. Ich dachte: Das kann nicht sein, es muss doch auch einen kleinen Laden in meiner Nähe geben! Und so war es auch.

ZEIT ONLINE: Und dann haben Sie gegründet?

Walter: Genau, ich habe das Erbe meiner Oma genommen und eine Onlineplattform aufgebaut, auf der Kunden kleine Geschäfte in ihrer Nähe finden können. Wir nehmen dort ausschließlich inhabergeführte Läden auf, die meisten Unternehmer haben nur ein Geschäft, einige auch mehr. Kaufen kann man auf der Plattform allerdings nichts, die Leute sollen ja selbst in die Läden gehen. Für die Ladeninhaber ist Findeling quasi ein zweites Schaufenster.

ZEIT Online: Wie viele Läden sind bei Findeling gelistet?

Walter: Etwa 2.000 einzelne Läden, davon kommen etwa 450 aus Hamburg. Dadurch, dass wir gerade nach Österreich und in die Schweiz expandieren, kommen derzeit jeden Monat rund 200 Geschäfte dazu. Wenn wir nächstes Jahr in anderen europäischen Städten starten, rechnen wir mit Wachstumsraten von 500 bis 1.000 Läden pro Monat.

Katharina Walter, Mitgründerin und Geschäftsführerin des Hamburger Start-Ups Findeling © Findeling

ZEIT ONLINE: Wie finden die Kunden einen Laden, der sie interessiert?

Walter: Die meisten Kunden lassen sich von Bildern inspirieren, deswegen kriegen wir auch viele Besucher über Instagram. Man kann aber auch konkret suchen, beispielsweise nach "bio", "vegan", "handgemacht" oder nach Produktgruppen wie "Geschenke" oder "Einrichtung".

ZEIT Online: Und wonach suchen die Kunden am meisten?

Walter: In diesem Jahr ist das meistgesuchte Produkt die Handykette, also diese Handyhülle, die man wie eine Handtasche umhängen kann. Im letzten Jahr waren es Kakteen, davor Turnbeutel. Dieses Wissen geben wir an unsere Kunden weiter, wir wollen unser Händlernetzwerk ja stärken. Wir bieten auch einen Newsletter an und informieren über aktuelle Themen, um die Inhaber von Einkauf bis Verkauf zu unterstützen. Denn die müssten sonst Geld für teure Berater und Marketing ausgeben und das können sich die meisten nicht leisten.

ZEIT Online: Und wie verdienen Sie selbst Geld bei der ganzen Sache?

Walter: Über unsere zweite Plattform: Fairling. Dort bringen wir Hersteller und Händler zusammen, es ist eine Art Parship für Verkäufer und Marken. Die Unternehmen sparen sich so die Zeit und das Geld für einen Messebesuch; für den Service nehmen wir je nach Laufzeit zwischen 150 und 200 Euro pro Monat. Für Findeling nehmen wir hingegen nur eine kleine Servicegebühr von 9 Euro im Monat.

ZEIT ONLINE: Warum brauchen die Ladenbesitzer überhaupt Ihre Unterstützung, um online von Kunden gefunden zu werden?

Walter: Die meisten Läden haben natürlich eine eigene Website. Aber um diese zu finden, müssten Kunden schon genau wissen, welchen Laden und welches Produkt sie haben wollen und online gezielt danach suchen. Wer einfach nur nach Glühbirne oder Batterien sucht, landet bei Amazon und hat dort eine große Auswahl an Modellen und Marken. Das findet man natürlich viel schneller, was man sucht und bestellt es einfach.

ZEIT ONLINE: Das hört sich aber nicht so an, als glaubten Sie, dass kleine Läden da mithalten können.

Walter: Modegeschäfte werden es tatsächlich sehr schwer haben. Die Branche ist mit Zalando und all den anderen Onlineanbietern unglaublich hart umkämpft. Aber bei emotionalen Käufen wie Geschenken wird der Einzelhandel immer stärker sein als das Internet. Im Laden können die Kunden stöbern, sich inspirieren und beraten lassen. Online findet man nur ein Geschenk, wenn man weiß, was man will.

ZEIT ONLINE: Ärgert es Sie, dass Plattformen wie Amazon so mächtig geworden sind?

Walter: Wir sind kein Anti-Amazon. Es ist völlig okay, online zu kaufen, gerade wenn es um praktische Dinge geht. Aber mir ist wichtig, dass die Leute merken, was für passionierte Leute hinter den Tresen in den Läden ihrer Stadt stehen. Und dass sie das wertschätzen, indem sie vielleicht mal ein oder zwei Euro mehr ausgeben und bewusst einkaufen. Wir brauchen die Vielfalt der Läden und des Angebots in der Stadt. Und wir brauchen die Menschen, die so mutig sind, einen Laden aufzumachen. Übrigens sind darunter sehr viele Frauen, die kleine Cafés oder Geschenkeläden eröffnen. 

"Auf dem Land und in Kleinstädten ist das Ladensterben bedenklich"


ZEIT ONLINE: Moment, ist das nicht ein Widerspruch? Sie sagen einerseits, sind verstehen sich nicht als Anti-Amazon, andererseits appellieren Sie, dass man die kleinen Läden unterstützen muss.

Walter: Natürlich ist Amazon der Gegenentwurf zu unserer Idee. Andererseits ist es zur Normalität geworden, online zu shoppen und Artikel im Internet zu suchen – das nutzen wir ja auch für unser Modell. Geben Sie bei Google doch mal "Wollsocken Hamburg" ein, da ist Findling der erste Treffer. Wir nutzen also dieselben Möglichkeiten wie Amazon, um die Leute auf uns und somit auf die kleinen Läden aufmerksam zu machen. Deswegen fällt es mir schwer, mich als Anti-Amazon zu bezeichnen. Auch wenn man uns natürlich so sehen kann.

ZEIT ONLINE: Und wie sehen Sie die Debatte um den vermeintlich aussterbenden Einzelhandel in der Innenstadt? Ist das nur Hysterie oder stimmen Sie überein?

Walter: Auf dem Land und in Kleinstädten ist das Ladensterben durchaus bedenklich. Vor allem für Modeboutiquen. Die Leute suchen nach bestimmten Marken, es soll preisgünstig sein – da ist das Onlineangebot einfach nicht zu schlagen. In großen Städten wie Hamburg oder Berlin mache ich mir weniger Sorgen: Es gibt einerseits immer wieder mutige Leute, die sich mit einem Geschäft selbstständig machen; andererseits gibt es Kunden, die gern und regelmäßig in den Lädchen in ihrem Viertel kaufen. Und Touristen sind auch ein kaufkräftiges Publikum, das darf man nicht unterschätzen.

ZEIT ONLINE: Sie haben gerade zum zweiten Mal den Shop Local Day in Hamburg organisiert, auch dieser Aktionstag hat zum Ziel, den lokalen Einzelhandel zu stärken. Wie kamen sie darauf?

Walter: Wir haben festgestellt, dass die Ladenbesitzer erfolgreicher sind, wenn sie Events anbieten und ihr Geschäft in Szene setzen. Die Kunden wollen Erlebnisse vor Ort, das zieht sie an. Die Herausforderung der kleinen Läden ist ja nicht, dass sie kein gutes Angebot haben, sondern dass sie für die Kunden einfach nicht sichtbar sind. 

ZEIT ONLINE: Ein guter Onlineauftritt allein reicht also doch nicht aus?

Walter: Zumindest nicht, wenn man als Marke nicht bekannt ist. Saturn oder Karstadt kennt jeder, das kleine Geschäft um die Ecke nicht – wie soll man da aus der Masse an Anbietern herausstechen? Das geht dann wieder nur, wenn man den Kunden etwas Besonderes über den Kauf hinaus bietet.

ZEIT ONLINE: Letztes Jahr machten sechs Städte beim Shop Local Day mit: Hamburg, Berlin, München, Köln, Düsseldorf und Frankfurt. Wie war es in diesem Jahr?

Walter: In diesem Jahr haben wir bundesweit Läden aufgerufen, mitzumachen. Es waren zum Beispiel Läden aus dem Allgäu, aus Celle, Trier, Leipzig, Mainz oder Braunschweig dabei – es kamen Anfragen aus Städten, deren Namen ich noch nie gehört habe. Insgesamt haben viel mehr Läden mitgemacht als im letzten Jahr, die Inhaber konnten mehr verkaufen konnten als an üblichen Samstagen. In Hamburg läuft es erfahrungsgemäß aber immer am besten.

ZEIT ONLINE: Warum ist das so?

Walter: Die Hamburger lieben ihre Stadt und wollen die Ladenbesitzer hier unbedingt unterstützen, das merkt man. Die Leute identifizieren sich sehr mit ihren Vierteln und wollen sie erhalten. Außerdem hat Hamburg wirklich eine tolle Auswahl an kleinen Geschäften: Es gibt zum Beispiel viele Designer-Labels für Mode, aber auch für Möbel und Wohnaccessoires. Vor allem skandinavisches Design findet man hier sehr viel. Und nachhaltige Produkte: Im Karoviertel gibt es zum Beispiel einen Laden, der macht Möbel aus Ölfässern. Die alten Fässer werden wiederverwendet, die Möbel sind qualitativ wertig und sehen schick aus.

ZEIT ONLINE: Darauf muss man erst einmal kommen …

Walter: Diese kleinen Läden haben oft völlig verrückte, individuelle Konzepte und eben das macht eine Stadt einzigartig. Die Läden machen das Stadtbild aus, was übrigens auch für den Tourismus extrem wichtig ist.