Sigrid Neudecker © Gretje Treiber

Liebe Leserin, lieber Leser,

lassen Sie uns noch einmal kurz über die E-Roller sprechen. Nun hat auch die Asklepios-Klinik St. Georg eine erste Zwischenbilanz gezogen. "In den vergangenen beiden Monaten haben wir in unserer Klinik mehr Verletzte durch E-Scooter-Unfälle behandelt als Verletzungen durch Fahrradunfälle", sagte Christian Kühne, Chefarzt des chirurgisch-traumatologischen Zentrums, der Deutschen Presse-Agentur. "Bei den operationsbedürftigen Verletzungen sind Scooter-Fahrer beziehungsweise Verletzte nach Scooter-Unfällen aktuell sogar fünfmal stärker betroffen."

Vielleicht lernen die Rollerfahrer ja irgendwann, dass die Dinger kein Spielzeug sind, dass man mit einem Helm sicherer unterwegs ist oder dass man kurze Strecken auch einfach gehen kann. Denn die Roller ersetzen keine Autofahrten, sondern werden "ersten Untersuchungen zufolge vor allem auf Wegen eingesetzt, die ihre Fahrer anderenfalls zu Fuß erledigt hätten", schreibt Frank Drieschner in seinem Stück "Die neue Verkehrsordnung" (mit einem Digitalabo hier zu lesen). Sein Artikel hilft übrigens auch jenen, die bei all den neuen Mobilitätsangeboten schon den Überblick verloren haben.

Ich wünsche Ihnen einen möglichst sicheren Tag!

Ihre Sigrid Neudecker

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Aktuelles

© Grüne

Eimsbüttel könnte vorzeitig eine neue Chefin bekommen

Eimsbüttel wird wohl eine grüne Bezirksamtsleiterin bekommen, und das vermutlich schon im Herbst und mit Unterstützung der CDU. Die Amtszeit des aktuellen Amtsleiters Kay Gätgens (SPD) läuft zwar noch bis Januar 2023. Doch die Grünen, die bei den Bezirkswahlen im Mai mit 37,2 Prozent die Mehrheit der Eimsbüttler Stimmen geholt hatten, wollen nach zwanzig Jahren nicht mehr mit der SPD zusammenarbeiten. Gemeinsam mit der CDU soll nun die ehemalige Bürgerschaftsabgeordnete Katja Husen (Bild) zur neuen Bezirksamtsleiterin gewählt werden. Husen ist derzeit Geschäftsführerin zweier medizinischer Zentren am UKE. Die SPD reagierte am Freitag verstimmt. "Es geschieht nun genau das, wovor wir von Anfang an gewarnt haben", sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende Gabor Gottlieb. "Der künftigen Koalition geht es einzig um den Austausch der Bezirksamtsleitung und nicht um die allseits anerkannte fachliche Kompetenz, die Kay Gätgens mitbringt." Dass die Bezirksamtsleitung außerdem nicht öffentlich ausgeschrieben werde, zeige "einen neuen politischen Stil".

Fast 7500 Knöllchen für Flughafen-Parker

In den ersten sechs Wochen nach Einrichtung der Bewohnerparkzonen rund um den Flughafen Fuhlsbüttel am 17. Juni wurden 7442 Knöllchen verteilt. 350 Fahrzeuge wurden im Juli und August abgeschleppt. Das ergab eine Kleine Anfrage der CDU. Die Anwohner rund um den Flughafen hatten sich jahrelang darüber beschwert, dass viele Fluggäste in den Wohngebieten parkten, um sich die Kosten der Flughafen-Parkhäuser zu sparen. Ob sich die neue Parkverordnung bewährt, werde sich laut Senat "frühestens Mitte 2020" zeigen.

In einem Satz

Die Linksfraktion wird in der Bürgerschaftssitzung am Mittwoch beantragen, den Klimanotstand in Hamburg auszurufen und einen Sonderausschuss "Klimawandel" einzurichten +++ Altonaer Bürgerinnen und Bürger können noch bis 1. November Zuschüsse für förderungsfähige Projekte beantragen, insgesamt stehen 80.000 Euro zur Verfügung

Was heute auf der Agenda steht

Die U3 fährt wieder auf der Strecke zwischen St. Pauli und Baumwall, die Haltestelle Landungsbrücken wird Mitte Dezember wiedereröffnet +++ An der Fassade des Pressehauses wird eine Gedenktafel für den Altbundeskanzler und ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt enthüllt +++ Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) spricht bei der Jubiläumsveranstaltung zu 400 Jahre fördern & wohnen ein Grußwort +++ Im Zeise Kino hat der Film "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt, unserem Menschen des Monats März, Premiere

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Die Kita-Erzieherin 

Die Kinder schenken mir immer wieder kleine Kunstwerke, selbst gemalt und gebastelt. Manchmal geben sie auch eine Süßigkeit ab, gerne schon etwas zerquetscht und länger in der Hosentasche. Ab und zu pflückt ein Kind Gänseblümchen auf dem Weg zur Kita und überreicht mir dann den Strauß. Aber das ungewöhnlichste Geschenk bekam ich von einem kleinen Jungen. Er brachte mir morgens zwei rohe Eier mit von seinen Hühnern. Wir haben die Eier in der Kita gekocht und aufgeschnitten, damit alle mal kosten konnten.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

Im Scheinwerferlicht: Renate Spingler

© Arno Declair

Hamburgs Bühnen sind bekannt für Musicals und Sprechtheater, Travestie und Opern. Unsere Serie "Im Scheinwerferlicht" stellt ihre Darstellerinnen und Darsteller in den Mittelpunkt: Wie bereiten sie sich auf ihre Rolle vor, was geschieht kurz vor dem Auftritt hinter den Kulissen? Mezzosopranistin Renate Spingler spielt und singt in der Oper "Die Nase" die Rolle der alten Gräfin.

Die größte Herausforderung für mich sind in "Die Nase" weder Gesang noch Spiel, sondern etwas ganz Praktisches: In einer Szene muss ich rasend schnell eine schmale, steile Wendeltreppe hoch, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Das macht mir im gepolsterten Kostüm echt Stress. Aber das kriege ich schon hin. Die Gräfin ist eine bösartige alte Dame. Diese Art von Rolle spiele ich besonders gern. In der "Nase" schreibt sie die ganze Zeit ein Drehbuch für ihre eigene Beerdigung, schnauzt die Leute an, dass sie nicht rumheulen sollen; dabei erwartet sie genau das. Als bösartig betrachte ich mich natürlich nicht. Gemein ist mir mit dem Charakter allerdings, dass er dominant und zupackend ist. Ich bin kein lyrischer Sopran, der immer schluchzen und Ja sagen soll – ich bin ein robuster Mezzosopran. Wenn eine Gefahr auf mich zukommt, nehme ich sie wahr und tue etwas dagegen.

Auch kurz vor dem Auftritt bin ich meist die Ruhe selbst, ich muss nur öfter aufs Örtchen. Zur Vorbereitung mache ich Atem- und Klopfübungen. Die hat mir mal ein Dozent in einem Seminar gegen Lampenfieber gezeigt: Indem ich Nervenenden an Handrücken und Kopf antippe, lenke ich das Gehirn von der Aufregung ab. Kein Hokuspokus – das klappt bei mir immer!

Staatsoper, Großes Haus, Dammtorstraße 28, nächste Aufführung am Dienstag, Einführung 18.50 Uhr, ab 6 Euro

Alter neuer Steinteppich auf der Wilhelminenbrücke

© Tom R. Schulz

Am Donnerstag freuten wir uns über den neuen "Orientteppich" auf der Wilhelminenbrücke. Worauf einige Leserinnen und Leser uns darauf hinwiesen, dass der ja eigentlich schon vorher dort gelegen hatte. Das stimmt – im Prinzip. Der Teppich ist alt und neu. Der alte, verblasste Teppich, der eher in Blautönen gehalten war, war abgetragen und durch einen turkmenischen Teppich ersetzt worden, der nun vor allem in Rottönen erstrahlt. Ob der neue Farbton mithelfen soll, weggeworfene Zigarettenstummel (siehe Bild) besser zu tarnen, ist leider nicht überliefert.

Was Sie heute erleben können

Mittagstisch

Erlesenes für elegante Menschen

Der Kellner will den allein speisenden Gast unterhalten. Muss er aber nicht, es gibt genug zu sehen im The Dining Room. An niedrigen Tischen mit weißen Tischdecken sitzen elegante Menschen und essen zu Mittag, an einem der Nebentische wird leise gestritten, an der Bar werden Fotos für einen Wettbewerb geschossen. Im Mai wurde das 5-Sterne-Hotel Fraser Suites am Rödingsmarkt im ehemaligen Gebäude der Oberfinanzdirektion eröffnet. Das dazugehörige Restaurant in einem ellipsenartigen Raum mit Oberlichtern, der einstigen Bibliothek, wird von Daniel Thompson geleitet, dem ehemaligen Küchenchef des Vier Jahreszeiten. Mittags lädt das Haus zum "Fresh & Funky"-Lunch, für 15 Euro wird dem Gast ein 2-Gänge-Menü inklusive Tafelwasser serviert. Das lässt sich durchaus sehen: Vorab kommt ein Salat mit Blümchendeko, Wassermelone und fruchtigem Dressing, als Hauptgang ein Steinpilz-Risotto, bei dem an Pilzen nicht gespart wurde, mit einem Hauch von Trüffel und glasiertem jungen Lauch, der einen schönen Kontrast setzt. Der Service ist flink, kurz: ein guter Ort für ein besonderes Mittagessen!

The Dining Room im Fraser Suites; Mitte, Rödingsmarkt 2, Mo–So, 12–14.30 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Gefährliche Denkmuster:"Vorurteile haben immer nur die anderen", oder? Sie ahnen es, leider stecken Stereotype als Denkmuster in uns allen. Juliane Degner erklärt im Vortrag, wie Vorurteile entstehen, den Alltag beeinflussen und das Handeln automatisieren – bis hin zur vorsatzlosen Diskriminierung.

Freizeithaus Kirchdorf-Süd, Stübenhofer Weg 11, heute, 18 Uhr

Was bleibt

Wütendes Flimmern: Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule – egal, wo Benni hinkommt, sie fliegt wieder raus. Die Neunjährige ist das, was man im Jugendamt einen "Systemsprenger" nennt. Dabei will Benni nur eines: Liebe. Als es keinen Platz mehr für sie zu geben scheint, versucht Anti-Gewalt-Trainer Micha, sie aus der Spirale der Aggression zu befreien. Die Premiere von Nora Fingscheidts Spielfilmdebüt ist ausverkauft, für Folgevorführungen gibt es online noch Tickets.

Zeise Kino, Friedensallee 7–9, ausverkaufte Premiere heute; weitere Vorstellungen am 7. und 28.10., 20 Uhr, Tickets online

Bücherherbst: Die dunkle Jahreszeit nähert sich und verlangt nach Lesestoff. Die Ausstellung "Die Schönsten Deutschen Bücher 2019" hilft bei der Suche. Die Endauswahl der Stiftung Buchkunst zeichne sich aus durch "erstklassige Gestaltung, Konzeption und herstellerische Möglichkeiten". 682 Werke standen zur Wahl, die 25 besten liegen nun vor. Herbst, Winter, es kann losgehen!

Zentralbibliothek, Romanabteilung, Ebene 2, Hühnerposten 1, Ausstellung bis zum 28.9., Eintritt frei

Was kommt

Sonnenrocker: Und ist der Sommer auch vorbei, Hamburg feiert ihn trotzdem. Etwa beim "Indoor Summer Festival" im Grünspan, das eine Breitseite an Sleaze, Melodic und Glamrock raushaut. Im Line-up stehen Bands wie The Night Flight Orchestra, Eclipse und Tyketto; "may the sun shine within the night".

Grünspan, Große Freiheit 58, Fr/Sa, 1-Tages-Ticket 60 Euro, 2-Tage-Ticket 99 Euro

Für Debattierfreudige: Nach fünf Jahren geht die Reihe "Zur Sache, Hamburg" von ZEIT:Hamburg und ZEIT-Stiftung ins Finale. Langfristig Planende notieren schon einmal Termin und Gäste. Mit dabei sind diesmal unter anderem die Krimiautorin Simone Buchholz und Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank. Gefragt wird an diesem Abend "Was regt Hamburg auf?"

Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, 18. September, 20 Uhr

Hamburger Schnack

Auf einem schmalen Trampelpfad am Rand des Niendorfer Geheges schiebe ich mein Fahrrad und mache dabei einem Jogger Platz. Ich sage: "Hab keine Ahnung, wo ich hier bin." Der Jogger: "Wohin wollen Sie denn?" Ich zucke die Achseln: "Irgendwohin." Sagt der Jogger: "Dann sind Sie hier genau richtig!"

Gehört von Christa Schoeniger

Meine Stadt

Manche können wohl einfach nie genug bekommen. © Tatjana Jenkins

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Elektroroller, Sammeltaxis, Leihräder, autonom fahrende Busse – wissen Sie auch schon gar nicht mehr, mit welchen Angeboten Sie durch die Stadt kommen können? Frank Drieschner hat versucht, die unübersichtliche Lage zu sortieren. (Abo)

Kurzporträt der Regisseurin Nora Fingscheidt, deren Film "Systemsprenger" heute Premiere feiert. (Archiv)