Annika Lasarzik © Melina Mörsdorf

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir leben in einer Zeit, in der Menschen gern bewerten – sich selbst, andere Leute, Dinge, oder Orte. Im Internet lässt sich diese Passion ganz wunderbar ausleben, und geschimpft wird dort bekanntlich auch ganz gern. Das hat auch die Süddeutsche Zeitung erkannt und eine "mies gelaunte Deutschlandreise" unternommen. Zur Orientierung dienten schlechte Google-Bewertungen zu berühmten Sehenswürdigkeiten ("Schwarzwald? Irreführender Name. Eher Grün."), in Hamburg wurde auch haltgemacht. Raten Sie, wo? "Von tausend Kanälen durchzogen, bleibt es doch, was es ist: ein unansehnliches, schlecht passierbares Stück Industriegeschichte", so wird dort ein bekannter Ort in unserer Stadt umschrieben. Und weiter: "Historisch ganz interessant, aber außer herumlaufen kann man nicht viel machen!"

Da hat die Speicherstadt jemandem offensichtlich gar nicht gefallen. Aber ich kann Sie beruhigen: Die meisten Kommentare zu Hamburg klingen viel netter. Ich habe mich gerade eine halbe Stunde quer durch die Stadt geklickt ("recherchiert") und sehr oft gedacht: "Stimmt, da könntest du auch mal wieder hin!" Von "wunderschönen Parks", "romantischer Idylle" und "verwunschenen Ecken" war da zu lesen. Andere Kommentare verstehen wohl nur Eingeweihte, so wie diesen hier zum Wasserpark Dove Elbe: "Bester Abstieg meines Lebens auf dem Wutzrock-Festival. Würde ich immer wieder machen!"

Kommen Sie gut durch den Tag!

Ihre Annika Lasarzik

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns: hamburg@zeit.de.

Aktuelles

Zwei katholische Schulen vor dem Aus gerettet

Die katholische Kirche hat es wirklich geschafft: Zwei der acht Schulen, die in Hamburg geschlossen werden sollten, sind gerettet. Das verkündete Erzbischof Stefan Heße gestern. Es handelt sich um die Sophienschule in Barmbek und die Grundschule der Katholischen Schule Harburg. Für beide kamen in Spendenaktionen insgesamt sieben Millionen Euro zusammen – 4,2 für die Sophienschule und 2,9 für Harburg. Geplant ist nun, die Sophienschule komplett neu als Grundschule zu bauen, mit Turnhalle, Mensa und Kindertagesstätte. Die Grundschule in Harburg soll in die Gebäude des Niels-Stensen-Gymnasiums ziehen, das nicht weitergeführt werden kann. Sie wird grundschulgerecht umgebaut, und es soll dort eine Turnhalle, eine Mensa und neue Gemeinschaftsflächen geben. Das Bistum verspricht, zusätzlich mehr als 100 Millionen Euro in den Ausbau und die Sanierung der übrigen 13 katholischen Schulen zu stecken. "Mein großer Dank gilt allen, die uns bei dieser schwierigen und oftmals schmerzhaften Konsolidierung unterstützt haben", sagt Erzbischof Heße.

Kilian Trotier

"Habe ich das schon erzählt? Ich glaube nicht!"

© Daniel Bockwoldt/​dpa

Der wegen schweren Raubes und versuchten Mordes angeklagte 71 Jahre alte Bankräuber sollte vor dem Landgericht seine letzten Worte sprechen – doch er fand sie nicht. Der erste Teil seines "letzten Wortes" hatte bereits mehr als fünf Stunden gedauert. Im zweiten Teil schimpfte er nun auf die Unfähigkeit der Ermittler und kritisierte die Vorsitzende Richterin. "Mir ist schon klar, dass Sie mir heute mein letztes Wort abschneiden wollen!", sagte der 71-Jährige. "Das werde ich überhaupt nicht tun!", entgegnete die Richterin. Worauf der Angeklagte immer weiter ausholte: "Hab ich das schon erzählt? Ich glaube nicht!" Das letzte Wort ist das gute Recht des Angeklagten. Es soll gewährleisten, dass von dem, was in den Plädoyers gesagt wird, nichts unerwidert zu bleiben braucht. Wird das letzte Wort nicht gewährt, kann dies ein Revisionsgrund sein. Nun wird sich der Prozess noch länger hinziehen: Sieben weitere Termine wurden festgesetzt, am 13. September wird der 71-Jährige erneut vor Gericht sprechen. Für den Schuss auf einen Bankangestellten und drei Überfälle auf Haspa-Filialen fordert die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von zwölf Jahren und zehn Monaten mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Wilhelmsburg: Baumbesetzer protestieren gegen Neubauten

Die Bilder, die uns aus Wilhelmsburg erreichen, erinnern ein wenig an die Proteste im Hambacher Forst. Wenn auch in deutlich kleinerer Dimension. Umweltaktivisten protestieren bereits seit Sonntagnachmittag mit einer Baumbesetzung gegen die Abholzung eines zehn Hektar großen Waldstücks. Dies soll etwa 1000 Wohnungen im geplanten Spreehafenviertel weichen. Aus Protest gegen diese Pläne hatten Anwohnerinnen und Anwohner am Sonntagnachmittag ein Nachbarschaftsfest organisiert, währenddessen kam es zur Besetzung. Die Aktivistengruppe, die sich "Wilde Gasse" nennt, errichtete eine Holzplattform in fünf Meter Höhe und harrte dort aus. Die Polizei, seit Sonntagnachmittag vor Ort, trug bereits mehrere Unterstützer vom Platz und seilte drei Aktivisten aus dem Baum ab. Bis Redaktionsschluss befanden sich drei weitere Aktivisten noch in den Baumwipfeln.

Hamburger haben Glück im Lotto

Die Hamburger gewannen vergangenes Jahr im deutschlandweiten Vergleich überdurchschnittlich oft im Lotto. 23 Gewinne von mehr als 100.000 Euro gingen 2018 nach Hamburg, darunter neun Millionengewinne. Ausgeschüttet wurden 81 Millionen Euro. Von dieser Glückssträhne profitierte auch die Stadt: Insgesamt haben die hiesigen Lottospieler mit 53 Millionen Euro das Gemeinwesen unterstützt. Wie das? Die stadteigene Lottogesellschaft führte diesen Überschussbetrag an den Hamburger Haushalt sowie an andere Begünstigte ab, erklärte Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) bei der Präsentation des Jahresabschlussberichts. Hamburg Lotto gehört zu 100 Prozent der Stadt Hamburg. Laut Dressel fließen insbesondere Gelder aus der Glücksspirale und Bingo in Projekte in der Sportförderung, dem Kultur- und Denkmalschutz, soziale Bereiche sowie in den Umwelt- und Katastrophenschutz.

Félice Gritti

In einem Satz

Wegen des Pilotenstreiks bei British Airways werden auch heute Verbindungen zwischen Hamburg und London-Heathrow gestrichen +++ Die Witwe des deutschen IS-Terroristen Denis Cuspert ist gestern in Hamburg festgenommen worden; sie wird verdächtigt, Mitglied des "Islamischen Staates" in Syrien gewesen zu sein +++ Die CDU-Fraktion fordert ein Klimaschutzgesetz für Hamburg und will im Herbst einen eigenen Vorschlag vorlegen

Was heute auf der Agenda steht

Der Prozess gegen eine 41-jährige mutmaßliche IS-Unterstützerin aus Hamburg wird fortgesetzt, über den Prozessauftakt berichteten wir hier +++ Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) und Schulsenator Ties Rabe (SPD) starten die Kampagne "Das ist Pflege", die junge Menschen für Pflegeberufe begeistern soll +++ Das Konzept der neuen interaktiven Ausstellung zu Grimm’s "Märchenwelten", die voraussichtlich 2023 in die HafenCity ziehen soll, wird präsentiert

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Alltagsreporter: Der Rohrreiniger

Einige Aufträge bekomme ich von Haustechnikern, die bei ihren Kunden an Grenzen stoßen. Einer rief neulich an und bat verzweifelt um Hilfe: Ich müsse dringend kommen, bei seinem Kunden liege eine "monumentale Verstopfung" vor. Seine Wortwahl und der Klang seiner Stimme erweckten den Eindruck, dass die Welt kurz davor war, endgültig aus den Fugen zu geraten. Solche Aufträge wecken den Ritter in mir: Ich raste zum Kunden, reinigte gründlich die Leitungen, rollte eine Stunde später pfeifend vom Hof. So liebe ich meinen Job. Welt gerettet!

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

"Die Zukunft unserer Energie ist nicht Kohle, sondern Wasser"

© Michael Fröba

Im Hamburger Hafen soll die größte Anlage für Wasserstoff-Elektrolyse der Welt entstehen, Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) spricht von einem Leuchtturm-Projekt. Was in der Aufregung um Megawattstunden und Millioneninvestitionen untergeht, sind die einfachen Fragen: Was geht in so einer Anlage eigentlich vor? Ist das gefährlich? Und wieso gilt Wasserstoff auf einmal als Hoffnungsträger der Energiewende? Professor Michael Fröba, Experte für Wasserstoff an der Uni Hamburg, erläutert die Technologie so, dass es auch Chemie-Abwähler verstehen.

Elbvertiefung: Aus Windenergie soll Wasserstoff entstehen – funktioniert das?

Michael Fröba: Erst mal wandelt man in einer Windkraftanlage Wind in Strom um. Diesen Strom nutzt man, um Wasser in seine beiden Komponenten zu zerlegen. Elektrolyse heißt das, wir kennen es noch aus dem Chemieunterricht: Man hält einen Pluspol und einen Minuspol ins Wasser, aus dem dann die Moleküle H2 und O2 entstehen – Wasserstoff und Sauerstoff.

EV: Und wie lässt sich in Wasserstoff Energie speichern?

Fröba: Das passiert im Zuge der Elektrolyse. Um den Wasserstoff vom Sauerstoff zu trennen, müssen wir natürlich erst einmal Energie aufwenden – den Strom aus der Windkraftanlage etwa. Diese Energie ist aber nicht vergeudet, sondern wird zu einem großen Teil auf die einzelnen Moleküle übertragen. Da bleibt sie, bis die Rückreaktion erfolgt. Charmant ist dabei auch: Will man mehr Strom speichern, braucht man nur größere Elektrolyseure – wie die 100-Megawatt-Anlage, die Wirtschaftssenator Westhagemann jetzt im Hafen bauen lassen will. Das ist vom Prinzip und von den Ressourcen her nicht begrenzt.

EV: Aus der Energie im Wasserstoffspeicher soll dann Strom entstehen – wie geht das?

Fröba: Das passiert in der Brennstoffzelle: Wasserstoff und Sauerstoff werden wieder zu Wasser verbunden. Dabei wird die gespeicherte Energie wieder freigesetzt. Und die können wir nutzen. Im Fall von Wasserstoff lohnt sich der Vorgang besonders, weil es hier um sehr viel Energie geht. Wasser ist nämlich eine ziemlich stabile Verbindung. Das heißt, wir müssen für die Spaltung viel Energie aufwenden, bekommen aber bei der Rückreaktion auch wieder viel wieder heraus.

EV: Bei der Brennstoffzelle hieß es doch immer, die Technologie sei umständlich, deshalb setze sie sich als Antrieb für Autos beispielsweise nicht durch.

Fröba: Die Brennstoffzelle treibt einen Elektromotor an, und der ist technisch viel einfacher als ein Verbrennungsmotor. Es liegt eher am Widerstand der deutschen Autoindustrie. Die Hersteller haben die vergangenen 50 Jahre ihre Verbrennungstechnologie weiterentwickelt – und auch sehr gute Motoren gebaut, das muss man wirklich sagen. Inzwischen ist aber allen klar: Wir haben ein CO2-Problem und müssen dekarbonisieren. Jetzt wird die klimaneutrale Brennstoffzellentechnologie interessant. Da haben die deutschen Autohersteller einiges aufzuholen. Das geht jetzt los, aber in Asien ist man schon lange viel offener.

Warum es 200 Jahre gebraucht hat, um die ersten Wasserstofftankstellen in Deutschland zu bauen, lesen Sie im vollständigen Interview von Annabel Trautwein hier auf ZEIT ONLINE.

Helmut-Schmidt-Gedenktafel enthüllt

© Axel Heimken/​dpa

Falls Sie demnächst mal an unserem Pressehaus vorbeikommen, schauen Sie sich die Fassade ruhig genauer an. Gestern wurde dort zu Ehren von Altbundeskanzler Helmut Schmidt eine Gedenktafel enthüllt. Die Patriotische Gesellschaft von 1765 brachte die Tafel an, der Ort wurde selbstverständlich nicht zufällig gewählt: Schmidt war mehr als 30 Jahre Mitherausgeber der ZEIT – nicht ohne Grund trägt das Haus den Namen "Helmut Schmidt-Haus".

Was Sie heute erleben können

Kaffeepause

Kulinarische Kooperation

Welche Kuchen und Torten denn nun von dem in Altona ansässigen Café Schmidt und Schmidtchen stammen, möchte man von der freundlichen Frau hinter dem Tresen wissen. Ein kurzer Blick ins Sortiment, ein Lachen: "Noch keine!" Seit Juli haben die Betreiber von über zehn Cafés in Hamburg und Umland das Caféhaus in Rahlstedt übernommen, welches wegen der Folgen eines Scheidungskriegs im Juni schließen musste. Die Angestellten konnten bleiben, und auch weiterhin wird es nun hier außergewöhnliche Leckereien geben – am Wochenende stehen mehr als 50 verschiedene Kuchen und Torten zur Auswahl, von Blechkuchen mit Früchten, Nougatringen, der vielfach ausgezeichneten Marzipan-Nusstorte und Käsekuchen bis hin zu Schwarzwälder Kirsch und Frankfurter Kranz. Auch ausgefallenere Sorten finden sich in dem nun Schmidtchen – Caféhaus benannten Café, wie das Bananenküchlein mit feinster Creme und knusprig-schokoladigem Boden sowie eine höchst aromatische Orangen-Quark-Sahne-Torte. Ergänzt werden soll das Angebot in Zukunft durch Brötchen von Schmidtchen, auch der Kaffee der Marke Waterkant stammt nun von dort.

Schmidtchen-Caféhaus (noch ohne eigene Website); Rahlstedt, Rahlstedter Str. 68, Di–So, 9–18 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Pip’s Poprock: Noch vor kurzem tourten "Pip Blom" mit Franz Ferdinand und den Breeders durch England. Beide Bands sind passende musikalische Referenzpunkte, speist das Pip-Quartett seine Musik doch aus Postpunk, Alternative Rock und dem Britpop der Neunzigerjahre. Gute-Laune-Konzert zum Mitwippen.

Molotow, Nobistor 14, heute, Einlass ab 19 Uhr, VVK 16,10 Euro

Quizzen mit Körber: Hier geht es um Pfeffersäcke, Labskaus und die Lieblingsplätze von Kurt A. Körber. Schließlich feiert das nach ihm benannte Körber Forum mit "Hamburg quiztorisch" sein 60. Jubiläum. "Mutiges Raten und gefühltes Geschichtswissen können ebenso zum Erfolg führen wie geballte Schwarmintelligenz", ermutigen die Veranstalter. Ab 30 Minuten vor Beginn gibt es am Empfang noch 20 Stehplätze.

Körber Forum, Kehrwieder 12, heute, 19.30 Uhr 

Late-Night-Leinwand: Katherine Newbury ist der vermeintliche Star am Moderatorenhimmel. Doch nach und nach wird ihr klar, dass sie gar nicht mehr so beliebt ist: Ihre Talkshow verliert Einschaltquoten. Das kann Katherine nicht auf sich sitzen lassen und stellt die junge Molly ein, die frischen Wind mitbringen soll. Komödie mit Emma Thompson: "Late Night – Die Show ihres Lebens".

Passage Kino, Mönckebergstraße 17, heute, 20.30 Uhr, 6,50 Euro

Hamburger Schnack

Per Infoknopfdruck nimmt ein Herr an der Haltestelle Stadthausbrücke Kontakt zur Hochbahn auf. "Sagen Sie mal, ich wollte wissen, wo ich die Würfel für die S-Bahn bekomme!" "Würfel?" "Ja! Die Würfel, mit denen man eine 6 würfeln muss, damit die S-Bahn kommt."

Gehört von Alexander Drewes

Meine Stadt

Ob er wohl auch Sterne reparieren könnte ...? Gesehen nahe dem S-Bahnhof Bahrenfeld © Max Lange

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

In Hamburg soll ein gigantischer Speicher für Ökostrom entstehen: die weltgrößte Anlage für Wasserstoffelektrolyse. Ein Chemiker erklärt, welche Chancen das bietet.