Annika Lasarzik © Melina Mörsdorf

Liebe Leserin, lieber Leser,

etwa 50 Menschen haben sich gestern vor der Psychiatrie des UKE versammelt. Müde und abgekämpft sahen sie aus – und sie hatten es eilig. "Höchstens eine halbe Stunde, wir müssen gleich wieder hoch!", rief eine Frau über den Vorplatz, um die anderen daran zu erinnern, dass die Mittagspause gleich wieder rum sein würde.

Eine bezeichnende Szene, die meine Kollegin Nike Heinen beobachtet hat. Denn diese Menschen arbeiten in der Psychiatrie, ihre Versammlung war ein Hilfeschrei.

Schon nach dem Tod des Psychiatriepatienten William Tonou-Mbobda im Mai – er starb, nachdem er vom Sicherheitsdienst des UKE zwangsfixiert worden war – war über die Arbeitsbedingungen in der psychiatrischen Abteilung spekuliert worden. Eine Anfrage der Linken brachte ans Licht, dass Mitarbeiter dort besonders viele Gefährdungsanzeigen wegen Überlastung gestellt hatten. Dann wurde es still um das Thema. Bis jetzt. Tausende Psychiatriebeschäftigte berichten in einer ver.di-Befragung von Übergriffen und Gewalt. Bei uns erzählt eine Hamburger Therapeutin nun, wie sich der Personalmangel ganz konkret auswirkt – und warum ihre Kollegen Angst haben, zur Arbeit zu gehen. Das Interview finden Sie weiter unten. Vertreter der Klinikleitung oder der Leitung des UKE kamen für den Protest gestern übrigens nicht nach draußen. Nach einer halben Stunde gingen die Demonstranten wieder an die Arbeit.

Kommen Sie gut durch den Tag!

Ihre Annika Lasarzik

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns: hamburg@zeit.de.

Aktuelles

© Markus Scholz/​dpa

Die HafenCity wird märchenhaft

Sie könnten locker gegen Drachen kämpfen oder einen Prinzen erobern? Na dann, in den interaktiven "Märchenwelten" in der HafenCity soll bald "jeder zum Helden seines eigenen Märchens werden" – so die Idee der Macher. Am Sonnabend eröffnet die Ausstellung auf 3000 Quadratmetern am Baakenhöft in der HafenCity. Dort durchwandeln Besucher düstere Wälder, durchschreiten magische Türen und können nebenbei Aufgaben lösen, um "ganz Märchenland vorm Untergang zu bewahren". Die Erzählwelten sollen die Märchen der Brüder Grimm lebendig werden lassen. Und voraussichtlich 2023 zieht die Ausstellung dann vom Baakenhöft zum Strandkai gegenüber der Elbphilharmonie um.

Hamburg hofft auf mehr Züge nach China

Hamburg erhofft sich von der "Neuen Seidenstraße" noch engere Wirtschaftsbeziehungen zu seinem größten Handelspartner China. Im Rahmen des chinesischen Infrastrukturprojekts werden künftig immer mehr Züge zwischen China und Europa fahren – und nicht mehr nur hauptsächlich Schiffe, wie in der Vergangenheit. Auch bei diesem wachsenden Schienenverkehr habe Hamburg gute Chancen auf eine Schlüsselrolle, sagte Axel Mattern, Vorstand der Marketing-Gesellschaft des Hafens. Hamburg sei schon jetzt sehr eng mit China verknüpft und bestens ans Hinterland angebunden; der Hafen sei nicht nur Drehscheibe für den deutschen Handel mit China, sondern auch für mehrere Länder Mittel- und Osteuropas. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger werden bis zu 940.000 Standardcontainer (TEU) im Bahntransport zwischen Europa und China in zehn Jahren erwartet. Das wäre eine Verdreifachung im Vergleich zu heute. Derzeit fahren pro Woche 36 Züge zwischen Hamburg und China, im vergangenen Jahr wurden auf diesem Weg 120.000 Standardcontainer transportiert. Auf dem Seeweg waren es 2,6 Millionen.

Félice Gritti

Bürgerschaft debattiert über Klimawandel

Der Klimawandel und was Hamburg dagegen tun kann, steht in der heutigen Bürgerschaftssitzung zur Debatte. Die Grünen haben das Thema "Klimawoche und Klimastreik: Gemeinsam handeln!" auf die Tagesordnung gesetzt, Hamburg gehe "mit Wärmewende und Wasserstoff, Kohleausstieg und Klimafonds voran", findet die Fraktion. Die Linken sehen das etwas anders und fordern in einem Antrag die Ausrufung des Klimanotstands. Dieser soll den Senat dazu verpflichten, der Bekämpfung der Erderwärmung Vorrang einzuräumen. Ähnliche Beschlüsse hätten bereits mehr als 50 Städte in Deutschland gefasst – darunter Köln, Potsdam und Kiel.

In einem Satz

Die Besetzung eines 10 Hektar großen Waldstücks in Wilhelmsburg dauerte bis zum Redaktionsschluss noch immer an +++ Mit 1,6 Milliarden Euro haben Hamburgs städtische Unternehmen 2018 einen Rekordüberschuss erwirtschaftet; die Verschuldung stieg dennoch an +++ Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen indes stieg im ersten Halbjahr um mehr als zehn Prozent, betroffen waren vor allem Autohändler und Kfz-Werkstätten +++ Eine speziell für Hamburg entwickelte Regenwasserbehandlungsanlage ist seit gestern in Lurup im Pilotbetrieb und soll in einem Einzugsgebiet von rund 40 Hektar das Straßenabwasser von Schadstoffen reinigen +++ Die Hamburger CDU hat erneut einen Baustellenkoordinator für ganz Norddeutschland gefordert und erhofft sich weniger Staus und mehr Abstimmung

Was heute auf der Agenda steht

Das 11. Harbour Front Literaturfestival startet +++ Das Hamburg-Derby wirft seine Schatten voraus; heute treffen einander Vertreter von HSV, FC St. Pauli und der Polizei, um sicherheitsspezifische Fragen zum Spiel am Montag zu klären +++ Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) eröffnet den Digitalisierungskongress solutions.hamburg

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Der Verkäufer auf dem Fischmarkt

Wir verkaufen auf dem Markt Fisch, aber wir sind keine Marktschreier. Dafür gibt es eine Handvoll wirklich guter Kollegen: den Käse-Tommi etwa, den Bananen-Fred und natürlich den legendären Aale-Dieter. Bei uns am Wagen geht es eher ruhig zu, das passt besser zu uns. Wenn da immer einer rumschreien würde, könnten wir auch gar nicht die Wünsche unserer Kunden verstehen. Manchmal steht uns gegenüber ein Marktschreier, der auch Fisch verkauft. Der brüllt dann schon mal: "Kommt mal lieber hierher, der andere da ist so hässlich!" Das ist Teil des Fischmarkts, da muss ich lachen.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

"Viele Kollegen sind am Ende ihrer Kräfte"

© Nike Heinen

Blaue Flecken, Schnittwunden, Zwangsfixierungen: Laut einer Online-Umfrage von ver.di hat die Gewalt in deutschen Psychiatrien zugenommen. Auch in Hamburg, wo zuletzt zwei Patienten nach Zwangsfixierungen starben (wir berichteten), schlugen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Psychiatrie vom Universitätsklinikum Eppendorf Alarm. Nike Heinen hat mit der Ergotherapeutin Maja Schauberick gesprochen. Sie arbeitet seit 32 Jahren in der Psychiatrie und organisiert den Hamburger Protest.

Elbvertiefung: Warum haben Sie gestern vor den Türen der Klinik für Psychiatrie am UKE protestiert?

Maja Schauberick: Es geht so einfach nicht mehr weiter, wir müssen etwas unternehmen. Viele Kollegen sind am Ende ihrer Kräfte. Sie gehen jeden Tag mit einem unguten Gefühl zur Arbeit. Manche haben auch regelrecht Angst – um sich und ihre Patienten. Wir haben immer mehr Patienten auf der Station, zugleich immer mehr Gewalt und immer weniger Zeit, unsere Arbeit so zu machen, wie wir das eigentlich sollten.

EV: Sind Psychiatrien nicht auf Gewaltausbrüche eingerichtet? Im UKE zum Beispiel gibt es die Möglichkeit, Patienten in ein Isolierzimmer einzuschließen oder sie mit Gurten an spezielle Betten zu fixieren, bis sie sich beruhigt haben.

Schauberick: In unserem Selbstverständnis sind diese Zwangsmaßnahmen aber ein allerletztes Mittel. Die Patienten verstehen nicht, was da passiert, es traumatisiert sie. Und es ist belastend für die Mitarbeiter. Aber tatsächlich sind Zwangsmaßnahmen keine Ausnahme. Wer wie wir an einem Haus arbeitet, das für städtische Brennpunkte zuständig ist, der kann sie regelmäßig erleben. Die Öffentlichkeit muss jetzt erfahren, dass viele dieser Zwangsmaßnahmen vermutlich vermeidbar wären – wenn die Kliniken genug Personal hätten.

EV: Und das heißt?

Schauberick: Wenn auf der Station jemand sichtlich unruhig wird, herumschimpft zum Beispiel, dann müsste man ihn eigentlich mal ansprechen und wieder herunterholen, bevor es zu einem Ausbruch kommt. Dafür ist die Personaldecke aber oft schon zu dünn. Das ist auch ein Ergebnis der ver.di-Umfrage: Für eine rechtzeitige Deeskalation fehlt oft die Zeit. Immer häufiger gibt es daher verletzte Mitarbeiter und Patienten.

EV: Wie ließe sich das verhindern?

Schauberick: Persönliche Beziehungen sind der Schlüssel. Wenn Sie jemanden in einem längeren Gespräch kennenlernen, bekommen Sie eine Idee, wie sie ihn wieder beruhigen können. Da gibt es zum Beispiel das bewährte Konzept der Bezugspflege: Jeder im Team ist für bestimmte Patienten zuständig, damit er sie besser kennenlernen kann. Eigentlich ist das auch bei uns Standard. Aber in der Praxis ist es schon lange kaum möglich. Durch die hohe tägliche Belastung sind auch die Krankenstände hoch. Die Teams werden dauernd zerrissen, weil Mitarbeiter als Feuerwehrleute auf anderen Stationen einspringen müssen.

Wie sich die Arbeit der Therapeuten noch verändert hat – und was die sozialen Probleme auf Hamburgs Straßen damit zu tun haben, lesen Sie im vollständigen Interview auf ZEIT ONLINE.

Was Sie heute erleben können

Mittagstisch

Unprätentiös und lecker

Mitten auf St. Pauli, aber weit genug entfernt von den Touristen-Hotspots gelegen, geht es im Café Winklers sehr ruhig zu. Klischeehafter kann man sich ein Nachbarschaftscafé kaum ausmalen: Unprätentiöses Holzmobiliar (auch draußen), ein Stapel Gesellschaftsspiele hier, eine Yuccapalme dort, in Flaschen gesteckte Kerzen auf den Tischen und Barjazz aus den Boxen unterstreichen das bewusst Unstylishe. Das Winklers wird zwar eher wegen seines Frühstücks, der Kuchen und der abendlichen Flammkuchen besucht, aber auch mittags wird man hier fündig. Salate, Suppen, Panini und eine Quiche des Tages stehen auf der Karte, preislich bewegt man sich zwischen 3,90 und 8,90 Euro. Das bestellte Panino mit Pastrami, Cheddar und Rucola kommt als sensationell knuspriger, runder, handlicher Weißbrotfladen und begeistert auf ganzer Linie. Ein so gelungenes "belegtes Brot" für 4,90 Euro kriegt man nicht sehr oft. Und satt macht es obendrein. Achtung: montags und dienstags geschlossen!

Café Winklers; St. Pauli, Winklers Platz 2, Mi–So ab 10 Uhr

Thomas Worthmann

Verlosung

"geist – allein das wirkliche": Unter diesem Motto steht die neue Saison des Ensemble Resonanz Orchesters. "Die Natur schlägt im Menschen ihre Augen auf und bemerkt, dass sie da ist", beschrieb der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling das menschliche Bewusstsein. Und gleich das Auge wird im Auftaktprogramm "resonanzen eins: auge" in der Elbphilharmonie thematisch aufgegriffen. Wir verlosen 4x2 Karten für die Aufführung am 17. September ab 19.30 Uhr im kleinen Saal. Senden Sie uns bis morgen 12 Uhr eine E-Mail mit dem Betreff "auge" an hamburg@zeit.de. Viel Glück!

Was geht

Inselmeer im Porträt: Mikronesien besteht aus über 2000 tropischen Inseln und Atollen. Die Distanz von einem Ende bis zum anderen beträgt fast 4000 Kilometer. Wie leben die Menschen dort, was bewegt sie? Emelihter Kihleng präsentiert erste Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit auf der Hauptinsel Pohnpei: Porträtaufnahmen, die 1909/10 im Rahmen der Hamburger Südsee-Expedition entstanden sind. "Kilel Oh Kapwat: Reconnecting Pohnpeins With Their Past – Brückenschlag in die Vergangenheit der Bevölkerung Pohnpeis".

Markk, Rothenbaumchaussee 64, heute, 18 Uhr

Rock im Kettenhemd: E-Gitarre und Schlagzeug, Drehleier und Dudelsack – Mittelalter-Rock beschwört das Sinnbild einer mythologisch verklärten Zeit. "Insbesondere für Frauen sind solche Bands eine attraktive Möglichkeit, um sich fernab von geschlechtsspezifischen Vorurteilen als Musikerinnen zu behaupten", erklärt das Frauenmusikzentrum. Es lädt ein zu musikalischen Kostproben von "Frauen-Rock im Kettenhemd" inklusive eines Vortrags von Irene Holzer und reichlich Met (auch für Männer).

Frauenmusikzentrum, Große Brunnenstraße 63 a, heute, 19.30 Uhr

Ungesunder Putzwahn: Hanne Tügel, ehemalige Geo-Redakteurin und Autorin des Buchs "Sind wir noch ganz sauber?", beleuchtet unser Verhältnis zum Schmutz im Alltag. In einem gemeinsamen Vortrag mit Tristan Jorde, Umweltberater bei der Verbraucherzentrale Hamburg, erklärt sie, ob wir falsch putzen und wie es besser geht.

Verbraucherzentrale Hamburg, Kirchenallee 22, heute, ab 18.30 Uhr, Anmeldung erforderlich unter https://www.vzhh.de/veranstaltungen/sind-wir-noch-ganz-sauber-lesung-vortrag#anmeldung

Was bleibt

Lesen am Hafen: Da soll noch mal einer sagen, Papier sterbe aus; das Harbour Front Literaturfestival beweist das Gegenteil, lockte in den vergangenen Jahren über 200.000 Besucherinnen und Besucher in den Hamburger Hafen. Dieses Jahr erzählt zum Beispiel Gabór Schein in "Der Schwede" vom Ungarn der Nachkriegszeit. ZEIT-Kollegin Susanne Mayer wendet sich in "Die Dinge unseres Lebens. Und was sie über uns erzählen" dem zu, was am Ende der Tage übrig bleibt. Gerümpel – oder die Essenz aus allem, was zählt?

Verschiedene Orte, 11.9.–15.10., Tickets online; Gabór Schein: Lesesaal, Stadthausbrücke 6, Sa, 19.30 Uhr, 15 Euro; Susanne Mayer: Zentralbibliothek, Hühnerposten 1, Sa, 20 Uhr, 15 Euro

Hamburger Schnack

Heute morgen, halb zehn beim Bäcker. Eine Armada von Wespen umschwirrt den Verkäufer und den Tresen. "Wie halten Sie das nur aus?", frage ich den Mann. "Das ist gleich vorbei", wiegelt der ab. "Woher wissen Sie das?", will ich wissen. "Die treffen sich um 10 Uhr alle beim Bäcker nebenan", sagt ein Mann hinter mir – und bringt den ganzen Laden zum Lachen.

Gehört von Horst-Dieter Martinkus

Meine Stadt

Wilhelmsburg im Spiegel © Kerstin Bittner

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Blaue Flecken, Schnittwunden, Zwangsfixierungen: In der Psychiatrie nimmt die Gewalt zu, Mitarbeiter und Patienten sind am Limit – eine Therapeutin aus Hamburg berichtet