Am Montagabend treffen der FC St. Pauli und der Hamburger SV im Stadtderby aufeinander. Das letzte Spiel hat der HSV auswärts mit 4:0 gewonnen, den Wiederaufstieg in die Bundesliga aber letztlich trotzdem verpasst. Seitdem hat sich einiges verändert, bei beiden Mannschaften. Das liegt nicht nur an neuen Spielern und Funktionären. Es geraten auch Gewissheiten über die Clubs ins Wanken, die unveränderbar schienen. Überspitzt könnte man sagen: Der neue HSV wirkt wie der alte FC St. Pauli und der neue FC St. Pauli wie der alte HSV. 

Der FC St. Pauli ist bekannt für seine linke Fankultur und sein kommerzkritisches Image. Für viele ist er mehr als nur ein gewöhnlicher Fußballverein. Seine rebellischen Anhänger verbinden mit ihm auch ein klares Bekenntnis zu einer politischen Haltung, die nirgendwo sonst im deutschen Profifußball so gelebt wird wie bei St. Pauli. Die Ultras leisten mit Kampagnen und Choreografien gegen Ausgrenzung und Rassismus einen großen Beitrag zum eigenen Selbstverständnis. Allerdings ist die Toleranz auf den Tribünen spätestens beim letzten Derby an ihre Grenzen gestoßen, als etwa 200 vermummte Chaoten vom Zaun der Südkurve Leuchtraketen auf den Platz warfen und mit Kopf-ab-Gesten in Richtung der HSV-Spieler beinahe für einen Abbruch des Spiels gesorgt haben. Danach wurde offen darüber debattiert, ob der FC St. Pauli ein Problem mit gewaltbereiten Fans hat.

Der FC St. Pauli hat gleich mehrere Probleme

Und auch im Verein selbst ist vieles, was einmal stabil wirkte, im Umbruch. Es begann bei der Personalie Andreas Rettig, der kurz nach dem Derby seinen Abschied ankündigte. Er wird als Geschäftsführer nicht ersetzt, die Verantwortung wird auf vier sogenannte Direktoren verteilt, Rettig selbst soll den Übergang bis Ende September mitgestalten. Ein Duo ist schon längst nicht mehr da: Trainer Markus Kauczinski und Sportchef Uwe Stöver mussten im Frühjahr gehen, als die Mannschaft auf dem sechsten Tabellenplatz zumindest in Reichweite zu den Aufstiegsplätzen stand.

Seitdem ist die Lage nicht besser geworden. Der neue Trainer Jos Luhukay, seit April im Amt, hat in einer Pressekonferenz kurz vor Saisonbeginn deutlich gemacht, welche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft: "Bei St. Pauli ist zu viel Bequemlichkeit, zu viel Komfortzone zu viel Freunde-miteinander-Sein. Das sollte man in die Mülltonne werfen. Der Club muss in allen Bereichen die Professionalität steigern, Scouting, NLZ, Profibereich, überall", kritisierte der Niederländer. Er sieht sich nach fünf Spieltagen in seiner These bestätigt, dass die Qualität des Kaders der Erwartungshaltung nicht gerecht wird. St. Pauli steht mit fünf Punkten auf dem 13. Tabellenplatz und muss aufpassen, dass er in dieser Saison nicht in den Abstiegskampf hineinrutscht. 

Und das ist nicht das einzige Problem: Ende August fand wegen des Verdachts auf Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Freikarten an Spitzenpolitiker eine Razzia statt, die bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen hat allein der Verdacht für Irritation innerhalb der kritischen Fanszene gesorgt. Klüngelei mit der Politik fühlt sich für sie wie Verrat an den Idealen des Vereins an, was für die politisierten Fans schlimmer ist als schlechter Fußball und Niederlagen.