Zwei Millionen Menschen pro Jahr besuchen in Hamburg eine Musical-Vorstellung. Kein einziger von ihnen hat dabei je einen Transgender-Menschen auf der Bühne gesehen. Jedenfalls keinen, der offen damit umginge, dass er oder sie sich mit dem angeborenen Geschlecht nicht identifizieren könnte. Denn wer sich outet, riskiert keine Engagements mehr zu bekommen. Das Hamburger Transparence Theatre will diesem Umstand Aufmerksamkeit verschaffen – und richtet dazu heute Abend eine außergewöhnliche Musical-Revue aus: Broadway Backwards. Das Besondere: Männerrollen werden von Frauen gesungen, und Männer singen Frauenrollen. Eine lustige Idee. Aber ist sie wirklich so neu? Und: Wem ist damit geholfen? Ein Interview mit dem Regisseur Kolja Schallenberg. 

ZEIT ONLINE: Herr Schallenberg, wofür steht das Transparence Theatre?

Kolja Schallenberg: Wir sind eine Truppe, die im Kern aus drei Menschen besteht. Wir haben uns 2016 zusammengetan, weil wir in der Theaterwelt einen großen blinden Fleck sahen.

ZEIT ONLINE: Welcher wäre das?

Schallenberg: Sängerinnen und Sänger, Tänzerinnen und Tänzer, Schauspielerinnen und Schauspieler, die transgender sind, sich also nicht mit dem Geschlecht identifizieren, in das sie bei ihrer Geburt eingeordnet wurden, werden vollkommen ausgeschlossen. Wer sich als Transgender outet, muss damit rechnen, keine Engagements mehr zu bekommen – weil es fast gar keine Unterstützung von künstlerischen Leitern, Intendanten und Choreografen gibt. Darauf wollen wir aufmerksam machen. Wir haben diesen Sommer in Lüneburg unsere erste große Produktion Transparência aufgeführt, die ausschließlich mit Transgender-Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt war.

Kolja Schallenberg, 35, ist Theaterregisseur, Autor und Mitbegründer des "Transparence Theatre" in Hamburg © Marlin

ZEIT ONLINE: Heute Abend führen Sie im Schmidt Theater die Musical-Gala Broadway Backwards auf, mit ein paar Stars der Branche – wobei Männer die Frauenrollen singen und Frauen die Männerrollen.

Schallenberg: Die klassischen Rollenbilder sind in unserer Wahrnehmung so tief verankert, dass ich die Idee sehr reizvoll finde, hier einmal auszubrechen. Das Projekt Broadway Backwards gibt es in New York schon seit 15 Jahren, ich versuche das seit mehreren Jahren nach Europa zu bringen. Das ist ein Herzensprojekt.

 ZEIT ONLINE: Funktioniert das denn? 

Schallenberg: In einer normalen Inszenierung wäre das sicher nicht so einfach, in diesem konzertanten Rahmen klappt es wunderbar.

ZEIT ONLINE: Im Schauspiel würde man mit dem Ansatz, Männerrollen von Frauen spielen zu lassen, niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken.

Schallenberg: Ach, es gibt noch genug Kontroversen, wenn das irgendwo gemacht wird, auch wenn es nur eine verkopfte Regietheater-Idee ist.

ZEIT ONLINE: Ganz platt gefragt: Wem ist damit geholfen, wenn Sie das nun auch tun?

Schallenberg: Wir versuchen dem Thema Transgender Aufmerksamkeit zu verschaffen – und zwar auf lustige und leichte Art, nicht mit erhobenem Zeigefinger. Es geht ja nicht um Kostümierung – sondern um Menschen wie Sie und ich, die aber in einen Körper geboren wurden, der ihnen fremd ist, und die heute das Glück haben, sich angleichen lassen zu können. Auf der Bühne steht übrigens auch Brix Schaumburg, der einzige geoutete Musical-Darsteller in Deutschland, der offen als Transgender lebt.

ZEIT ONLINE: Was passiert mit den Geschichten, wenn die Katze Grizabella aus Cats und Mary Poppins auf einmal Männer sind und Graf Krolock aus Tanz der Vampire eine Frau?

Schallenberg: Wenn man es überspitzt formuliert, sind in jedem Musical alle Rollen austauschbar. Ob Mary Poppins eine Frau oder ein Mann ist, spielt keine Rolle. Bei der Produktion Company, das vor kurzer Zeit in London lief, wurden kurz vor der Premiere die – ursprünglich männliche – Hauptfigur in eine Frau umgeschrieben und auch zwei andere Charaktere geswitcht: Die Geschichte bekam keine neue Wendung, sie wurde aber interessanter und moderner.


ZEIT ONLINE: Viele andere Stoffe brauchen aber doch die klassische Rollenverteilung: starke Frau – schwacher Mann. Oder umgekehrt.

Schallenberg: Natürlich versuchen wir in ein paar Momenten auch zu provozieren. Was passiert, wenn eine Frau den Song "Maria" aus Westside Story singt? Oder wenn das Duett der Kaiserin Elisabeth mit ihrem Vater von zwei Männern gesungen wird?