Seit über einem Jahr ist die Krugkoppelbrücke an der Außenalster für Autos gesperrt. Die Brücke wird saniert und der Fahrradweg verlegt. Damit nicht genug: Die Bauarbeiten haben schon 13 Monate Verzug. Unmittelbar von der Sperrung betroffen sind die Anwohnerinnen und Anwohner im Stadtteil Winterhude. Einer der lautstärksten Beschwerdeführer ist Bernd Kroll. 

ZEIT ONLINE: Herr Kroll, Sie haben im Hamburger Stadtteil Winterhude schon mehrere Bürgerbegehren gegen die Verkehrspolitik der Stadt in die Wege geleitet und ärgern sich über die Baustellen im Viertel. Muss man das in einer Großstadt nicht aushalten?

Bernd Kroll: Natürlich muss die Stadt die Infrastruktur erneuern, gar keine Frage. Dass zum Beispiel die über 90 Jahre alte Krugkoppelbrücke an der Außenalster renoviert wurde, war völlig in Ordnung. Es kann auch passieren, dass sich bei den Maßnahmen etwas verzögert, kein großer Skandal. Aber was mich entsetzt: Dass eine Stadt wie Hamburg es nicht schafft, die Arbeiten an der Brücke und die auf den Straßen in ihrer unmittelbaren Umgebung zu koordinieren.

ZEIT ONLINE: Die Verkehrsbehörde sagt, dass sie Aufträge für die Brücke und für den Straßenbau ausgeschrieben hat – für die Brücke haben sich Firmen beworben, für die Straße nicht.

Kroll: Das glaubt doch kein Mensch, dass eine Stadt wie Hamburg niemanden findet. Es gibt Firmen, die kaum für andere Auftraggeber arbeiten. Die rufe ich dann doch an und sage: Jungs, das kann nicht sein, dass ihr kein Angebot abgebt.

ZEIT ONLINE: Es haben wohl alle gesagt: Unsere Auftragsbücher sind voll.

Kroll: Ich kann das nicht glauben. Aber sei es drum. Noch etwas regt mich auf: dass alle Baumaßnahmen in der Gegend hintereinander geplant werden. Das kann nichts anderes als Schikane sein! Erst die Brücke, dann die Straße, dann kommt Hamburg Wasser ab nächstem Frühjahr in die Straße um die Ecke, die brauchen acht Monate. Und wenn die fertig sind, kommt wieder die Stadt und macht sie schön für Radfahrer. Warum geht das nicht gleichzeitig? So werden die nie fertig!


"Was ich der Stadt wirklich vorwerfe, ist die fehlende Koordination"

ZEIT ONLINE: Während Hamburg Wasser die Trinkwasserleitungen erneuert, kann doch der Straßenbelag nicht erneuert werden.

Kroll: Aber man könnte die Straße in kleinere Abschnitte einteilen und es eins nach dem anderen machen. Und Hamburg Wasser hätte die Rohre austauschen können, während die Krugkoppelbrücke gesperrt war. Diese Stelle ist eines von vielen Beispielen in unserem Viertel. Gucken Sie sich morgens mal das Verkehrschaos hier an. Manchmal braucht man eine halbe Stunde, nur um eine Ecke weiterzukommen. Die Sierichstraße zum Beispiel ist die Pulsader der östlichen Alsterseite. Haben sie oben dicht gemacht. Wer abends aus der Stadt anpest und nach Hause will, wird dort gnadenlos ausgebremst. Und am Borgweg wurde jetzt die nächste Großbaustelle eröffnet. Was ich der Stadt wirklich vorwerfe, ist die fehlende Koordination. Wenn man der Verkehrsbehörde keine Dummheit unterstellen will, muss man andersrum sogar fragen: Wollen die das, Bereiche so lange wie möglich durchgehend zu sperren?

ZEIT ONLINE: Warum sollte das erstrebenswert sein?

Kroll: Wenn in einer Straße deutlich mehr Autos als Fahrradfahrer unterwegs sind, kann sie nicht so einfach zur Fahrradstraße umfunktioniert werden, dagegen kann die Polizei ein Veto einlegen. Nach monatelangen Sperrungen haben Autofahrer einen neuen Weg gefunden und sind in neuen Routinen unterwegs. Sie stellen sich nicht so schnell um, wenn Baustellen abgebaut werden, was die Stadt ausnutzen kann. Sie macht relativ schnell nach der Öffnung eine Zählung, und siehe da: mehr Radfahrer als Autofahrer. Da steckt meiner Meinung nach eine klare Strategie dahinter.

ZEIT ONLINE: Sie waren Mitbegründer der Initiative Grüne Radler Hamburg und einer von drei Initiatoren der Volksinitiative Stopp des Busbeschleunigungsprogramms. Wie kommt es, dass Sie sich jetzt so stark für Autofahrer einsetzen?

Kroll: Mir liegt das Miteinander am Herzen. In den letzten Jahren gibt es immer häufiger Konfrontation. Das ist das Ergebnis einer verkehrten Verkehrspolitik. Die Mitarbeiter in der Verkehrsbehörde schauen sich nur ihren ganz kleinen Ausschnitt an: Aus der und der Straße soll jetzt eine Fahrradstraße werden und der Autoverkehr wird dann in die Straße verlagert, wo unsere Grundschule, eine Kita und zwei große Spielplätze sind – das geht nicht. Und vielleicht wollen die Radfahrer aber gar nicht durch die Straße, sondern nehmen lieber eine weiter, weil der Weg dort angenehmer ist. Und wenn sie sie doch nehmen und sie auf einer sogenannten Veloroute unterwegs sind, auf die die Stadt ach so stolz ist, landen sie an einer großen Kreuzung. Und wie geht es da weiter? Das weiß kein Mensch. So ist es bei uns an der Barmbeker Straße. Das ist alles Stückwerk.

ZEIT ONLINE: Die Velorouten, die sich sternförmig über die ganze Stadt ziehen, sind doch aber genau das Gegenteil: ein großer Wurf.

Kroll: Die sind aber mehr oder weniger am Schreibtisch entstanden. Da hat keiner vor Ort geguckt: Passt das, passt das nicht? Wo sind U-Bahnen mit Umstiegmöglichkeiten? Die Verkehrspolitik ist stümperhaft und nicht aus einem Guss.