ZEIT ONLINE: Bis vor einem Jahr haben Sie die Abteilung für Ergotherapie geleitet. Wie hat sich die Arbeit dort verändert?

Schauberick: Bei manchen Patienten hilft schon ein bisschen frische Luft. Aber auch für begleitete Spaziergänge, wie sie auch Ergotherapeuten machen, fehlt inzwischen das Personal. Immer mehr Patienten kommen mit dem Zuführungsdienst direkt von der Straße zu uns. Von denen gibt es immer mehr, die wir gar nicht behandeln können. Für ergotherapeutische Interventionen muss sich jemand in eine Gruppe einfügen können, oder der Therapeut muss ihn risikofrei alleine besuchen können. Tatsächlich wird diese Patientengruppe aber immer unruhiger und aggressiver, es wäre zum Beispiel zu riskant für uns, mit ihnen alleine zu bleiben.

ZEIT ONLINE: Warum geht es den Patienten, die direkt von der Straße zu Ihnen gebracht werden, so schlecht?

Schauberick: Aus meiner Sicht ist die Situation bereits seit vier oder fünf Jahren so schwierig. Ich glaube: In dieser Zeit hat die Verelendung in manchen Bereichen Hamburgs, etwa um das Bahnhofsviertel St. Georg herum, stark zugenommen. Soziale Schwierigkeiten verschlimmern psychische Krankheiten. Wer auf der Straße lebt und hungert, friert, der hat den Veränderungen seiner Wahrnehmung nichts mehr entgegenzusetzen. Diese Patienten bräuchten viel Zeit, die wir alle aber nicht mehr haben. Weil es eben immer mehr dieser Patienten gibt. Und wenn die Zeit fehlt, diese aggressiven Patienten rechtzeitig zu beruhigen, entsteht ein Teufelskreis. Denn Zwangsmaßnahmen binden Personal. Das Festhalten selbst, dann die Überwachung in der Fixierung, schließlich die Dokumentation und die heute vorgeschriebene Kontaktaufnahme zu den Gerichten: All das kostet Zeit, die auf der Station wieder fehlt – während dort lauter Patienten, die von dem, was sie gerade gesehen haben, geschockt sind, besondere Zuwendung bräuchten.

ZEIT ONLINE: Wie geht es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern damit? Sie müssten doch wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie in der Psychiatrie arbeiten.

Schauberick: Na ja, so hieß das immer. Früher gab es diese Erwartung: Wer in der Psychiatrie arbeitet, der muss das Geschrei, die Ausbrüche, all die Gewalt eben abkönnen. Das ist heute zum Glück anders. Alle wissen: Solche Szenen nehmen auch wir mit nach Hause. Genau deswegen werden ja viele Kollegen mit der Zeit selbst psychisch krank, sie sind erschöpft, haben Depressionen, Ängste. Dass wir mehr Personal fordern, das ist auch ein Selbstschutz.

ZEIT ONLINE: Der Gemeinsame Bundesausschuss, das für Finanzierungsfragen im Gesundheitssystem zuständige Gremium aus Krankenhäusern, Krankenkassen, Ärzte- und Patientenvertretern, hat lange über neue Personalschlüssel in der Psychiatrie verhandelt. Am 19. September soll das Ergebnis veröffentlicht werden. Was denken Sie, wird es bald mehr Personal geben?

Schauberick: Ich habe tatsächlich schon etwas gehört. Aber diese Verhandlungen waren nicht öffentlich, ich werde vorab keine Zahlen nennen. Aber wir gehen ja heute auf die Straße. Und das hat schon einen Grund. 

Anmerkung der Redaktion: Maja Schauberick ist derzeit als Personalrätin vom Dienst in der Psychiatrie freigestellt, daher ist es ihr möglich, sich öffentlich zur Lage auf den Stationen zu äußern.