In deutschen en Psychiatrien kommt es offenbar immer häufiger zu Gewalt – darauf deutet eine Umfrage der Gewerkschaft ver.di hin. Immer häufiger trügen Therapeuten und Pfleger blaue Flecken und Schnittwunden davon, immer wieder würden Menschen auf den überfüllten Stationen von anderen Patienten angegriffen. "Unsere Arbeit wird immer gefährlicher", sagt auch die Hamburger Ergotherapeutin Maja Schauberick. Seit 32 Jahren arbeitet sie in der Psychiatrie im Universitätsklinikum Eppendorf. Nun un protestiert sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen für bessere Arbeitsbedingungen. ZEIT ONLINE hat Schauberick erzählt, wie dramatisch die Lage auf ihrer Station wirklich ist.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich heute mit Ihren Kollegen vor der Klinik für Psychiatrie am Hamburger Universitätsklinikum versammelt. Normalerweise arbeiten Sie hinter diesen Türen – unsichtbar sozusagen. Warum nun dieser Schritt nach draußen?

Maja Schauberick: Es geht so einfach nicht mehr weiter, wir müssen etwas unternehmen. Viele Kollegen sind am Ende ihrer Kräfte. Sie gehen jeden Tag mit einem unguten Gefühl zur Arbeit. Manche haben regelrecht Angst um sich selbst und die Patienten. Nicht nur am UKE, in allen psychiatrischen Kliniken ist es dieselbe Geschichte: Es gibt immer mehr Patienten, und zugleich immer mehr Gewalt und weniger Zeit, die Arbeit so zu machen, wie wir das eigentlich sollten.

ZEIT ONLINE:  Woher wissen Sie, dass dies ein bundesweites Problem ist?

Schauberick: Das hat die Onlinebefragung von ver.di ergeben, das sogenannte Versorgungsbarometer. Die Ergebnisse sind dramatisch, aber sie klingen für uns auch bekannt. Jeder zweite der Befragten berichtet, dass er  in den letzten vier Wochen vor der Befragung auf der Station eine gefährliche Situation erlebt hat. Und, was mich wirklich deprimiert: 80 Prozent können sich nicht vorstellen, so bis zur Rente weiterzuarbeiten. Aber wer soll diese Arbeit dann machen?

ZEIT ONLINE: Wie sieht diese Arbeit aus?

Schauberick: Wir kümmern uns um Menschen, die in psychischen Notsituationen stecken. Mit allen möglichen Maßnahmen, von Medikamenten bis hin zu therapeutischen Gesprächen und Physiotherapie. Das ist mühsam. Auf einer Akutstation zum Beispiel haben viele den Kontakt zur Realität verloren. Vielleicht hat sich eine tiefe Verzweiflung ihrer bemächtigt, sodass der einzige Weg, den sie noch sehen, der Suizid ist. Oder es sind Menschen, die in dem Gefühl feststecken, dass sich die ganze Welt gegen sie wendet, dass sie verfolgt werden. Es braucht viel Geduld, um zu ihnen durchzudringen. Aber genau für solche Gespräche fehlt das Personal.

ZEIT ONLINE: Und das heißt?

Schauberick: Wenn auf der Station jemand sichtlich unruhig wird, zum Beispiel herumschimpft, dann müsste man ihn eigentlich ansprechen und wieder herunterholen, bevor es zu einem Ausbruch kommt. Dafür ist die Personaldecke aber oft schon zu dünn. Das ist auch ein Ergebnis der Studie, das wir aus unserem Hamburger Alltag gut kennen: Für die rechtzeitige Deeskalation fehlt oft die Zeit. Immer häufiger gibt es daher verletzte Mitarbeiter – und verletzte Patienten.

ZEIT ONLINE: Psychiatrien sind doch eigentlich auf Gewaltausbrüche eingerichtet. Im UKE gibt es die Möglichkeit, Patienten in ein Isolierzimmer einzuschließen, oder sie mit Gurten an spezielle Betten zu fixieren, bis sie sich wieder beruhigt haben. 

Schauberick: Diese Zwangsmaßnahmen sind nach unserem Verständnis aber ein allerletztes Mittel, eine Ausnahme. Die Patienten verstehen nicht, was da passiert, es traumatisiert sie. Und es ist belastend für die Mitarbeiter. Im Moment sind Zwangsmaßnahmen bei uns und offenbar überall in Deutschland  eher die Regel. Wer wie wir an einem Haus arbeitet, das für städtische Brennpunkte zuständig ist, der kann sie regelmäßig erleben. Die Öffentlichkeit muss erfahren, dass viele dieser Zwangsmaßnahmen vermutlich vermeidbar wären, wenn die Kliniken genug Personal hätten.

ZEIT ONLINE: Wie das?

Schauberick: Persönliche Beziehungen sind der Schlüssel. Wenn Sie jemanden in einem längeren Gespräch kennenlernen, dann bekommen Sie auch eine Idee, wie Sie ihn wieder herunterholen können. Da gibt es zum Beispiel das bewährte Konzept der Bezugspflege: Jeder im Team ist für bestimmte Patienten zuständig, damit die ihn und er sie besser kennenlernen kann. Eigentlich ist das auch bei uns Standard. Aber in der Praxis ist es schon lange kaum möglich. Durch die hohe tägliche Belastung sind auch die Krankenstände inzwischen hoch. Die Teams werden dauernd zerrissen, weil sie als Feuerwehr auf anderen Stationen einspringen müssen.