Für einen Moment sieht es so aus, als wolle er das jetzt wirklich durchziehen. Es ist Viertel nach zwölf, als Bernd Lucke den Hörsaal betritt. Das kreisrunde Auditorium im Hauptgebäude der Universität Hamburg erinnert an ein Amphitheater: unten die Bühne, oben die Zuschauer auf den Rängen. Ruhigen Schrittes geht Lucke zum Pult. Legt Jacke und Aktentasche ab, klappt den Laptop auf, klemmt sich ein Headset um die Ohren. Auf der Leinwand hinter ihm blinkt die erste Folie seiner Präsentation auf, "Makroökonomik II" steht heute auf dem Programm. Doch der Wirtschaftswissenschaftler, der zu den Gründern der Partei Alternative für Deutschland gehörte, wird heute kein einziges Wort über Wirtschaft verlieren. Man hätte es ohnehin nicht verstanden.

Denn im Saal ist es laut, sehr laut. "Hau ab, hau ab!", rufen Hunderte Studierende im Chor, und: "Nazischweine raus aus der Uni!" Sie pfeifen, brüllen, johlen, stampfen mit den Füßen. Drei Studierende gehen nach vorn und spannen ein Transparent auf, "Keinen Raum den geistigen Brandstiftern" ist darauf zu lesen. 

Bernd Lucke aber steht, beide Hände aufs Pult gestützt, ganz ruhig da. Er lässt den Blick schweifen und verzieht keine Miene, runzelt nur ab und an leicht die Stirn. Eine Viertelstunde lang geht das so, und man beginnt sich zu fragen: Wie lange will er dieser Wand aus Wut noch gegenüberstehen, wie lange er hält er das aus?

Doch in dem Moment packt der Professor seine Sachen und geht – allerdings nicht etwa "raus aus der Uni", sondern mittenrein in die Studierenden: Er setzt sich in die fünfte Reihe und beginnt mit der jungen Studentin neben ihm zu plaudern. Unterdessen werden die Parolen und Pfiffe ringsum immer lauter. Einige Studierende stellen sich entlang der Sitzreihen auf, schleudern Lucke wieder ein vehementes "Hau ab!" entgegen. Dann bewerfen sie ihn mit Papierknöllchen. 

Monatelange Debatten um Luckes Rückkehr

Es war zwar nicht die erste, doch es war die erste größere Vorlesung, die Bernd Lucke in diesem Wintersemester gehalten hat. Dass er wieder im Lehrbetrieb tätig sein würde, hatte bereits im Vorfeld heftige Debatten ausgelöst. Denn Lucke ist für die Studierenden eben nicht nur irgendein Ökonom mit Lehrauftrag: Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) sieht in ihm einen Wegbereiter für den Rechtsruck im Land. Als Mitgründer der AfD habe Lucke die rechtsextremen Strömungen innerhalb der Partei zu lange toleriert, so der Vorwurf. "Ein Brandstifter wie er sollte nicht ohne Weiteres in den Elfenbeinturm der Universität zurückkehren", sagt Karim Kuropka, Erster Vorsitzender des AStA. Auch Luckes neue Partei, die Liberal-Konservativen Reformer (LKR), sehe er kritisch. Diese habe auf ihrer Homepage regelmäßig zu "Merkel muss weg"-Kundgebungen in der Stadt aufgerufen.

Bernd Lucke selbst hatte sich im Vorfeld gegen die Vorwürfe gewehrt: In einer selbst verfassten "Dokumentation", einer Art chronologischen Sammlung an Zitaten, listet der 57-Jährige auf, bei welchen Gelegenheiten er sich schon von rechtsradikalem und islamfeindlichem Gedankengut distanziert habe. Eine Reizfigur ist Lucke aber noch aus einem anderen Grund. Die Studierenden lehnen seine marktliberale Lehre ab, die einen "schlanken Staat und den Abbau der Sozialsysteme" vorsehe. 

Das Wort "Nazi" fällt vor Beginn der Vorlesung nicht. Etwa 300 Menschen waren dem Aufruf des Asta zu einer Kundgebung am Morgen auf dem Unigelände gefolgt. Die "Omas gegen rechts" sangen ein paar Lieder, die Stimmung war entspannt. "Wir wissen, dass Bernd Lucke nicht mit einem Björn Höcke zu vergleichen ist", hatte ein Studierender während einer Rede gesagt. "Vielleicht" sei Bernd Lucke kein Rassist. Doch habe er durch sein Auftreten als "bürgerliches Aushängeschild" dazu beigetragen, dass die Partei in der öffentlichen Debatte viel zu lange unterschätzt worden sei.

"Es hieß, Nazis sollen rausgehen. Da kann ich doch nicht rausgehen!"

Wenig später klingen zumindest die Parolen im Hörsaal anders. Immer wieder schallt der Ruf vom "Nazischwein" durch die Reihen. Der Protest will kein Ende nehmen, und nach etwa einer Stunde wird den meisten Anwesenden hier klar: Lucke will gar nicht gehen. Er wartet die gesamte Zeit der Vorlesung einfach ab. Noch immer sitzt er zwischen ein paar Studierenden, die sich teils schützend vor ihn stellen und mit den Demonstranten diskutieren. In den vorderen Reihen sind derweil etwa 100 Leute, die sich den Protest nur schweigend ansehen, manche schütteln den Kopf. Irgendwann springt ein junger Mann aufs Pult, hebt die Hände und ruft: "Darf ich kurz was sagen? Ich bin ja auch für Demokratie …" Doch der Rest geht in Buhrufen unter, der Mann setzt sich wieder hin. Das Pfeifkonzert wird immer lauter, die Stimmung ist aufgeheizt. Zwei Mal kommt es zu Rangeleien unter den Studierenden –  wer hier gerade auf wen losgeht, ist kaum zu überblicken. Jedes Mal springen ein paar andere dazwischen, rufen: "Hört auf damit, wir wollen hier keine Gewalt!"