Der Jurist und Gründer Can Ansay (42) ist mit seinem Geschäftsmodell bekannt geworden, Krankschreibungen per WhatsApp zu verkaufen. Nun hat die Bundesregierung angekündigt, die Krankschreibung in ihrer bisherigen Form abzuschaffen und zu digitalisieren. Can Ansay gehen die Maßnahmen nicht weit genug.

ZEIT ONLINE: Herr Ansay, Sie verdienen Ihr Geld damit, gelbe Scheine zu verschicken; die Bundesregierung will gelbe Scheine abschaffen. Ist Ihr Geschäftsmodell in Gefahr?

Ansay: Nein, überhaupt nicht. Es soll ja nur der gelbe Schein in Papierform abgeschafft werden, nicht die Krankschreibung als solche. Zudem bleibt der Wunsch der Patienten bestehen, bei einer akuten Erkältung nicht aus dem Haus gehen zu wollen. Darauf geht der neue Gesetzesentwurf ja gar nicht ein. Wer sich vom Kassenarzt krankschreiben lassen will, muss sich auch künftig zum Arzt schleppen, selbst wenn danach alles Weitere digital abläuft – was so aber auch gar nicht stimmt.

Can Ansay © au-schein.de

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Ansay: Patienten müssen sich vom Arzt auch nach Inkrafttreten des Gesetzes einen gelben Schein ausstellen lassen. Rechtlich gilt der als Beweismittel, falls bei der elektronischen Übermittlung der Daten etwas schiefläuft. Das heißt, Ärzte werden künftig nur mehr Arbeit haben, nicht weniger. Und es wird zwei Krankschreibungsprozesse geben: den bisherigen, weil Arbeitgeber und Krankenkassen von Privatärzten nach wie vor Krankschreibungen in Papierform akzeptieren müssen; und den neuen, bei dem die Kassenärzte die Krankschreibung elektronisch an die Krankenkasse und diese wiederum an die Arbeitgeber übermitteln. Was also von der Bundesregierung und der Öffentlichkeit verbreitet wird, nämlich, dass es bald bei der Krankschreibung kein Papier mehr und weniger Bürokratie geben wird, ist falsch. 

ZEIT ONLINE: Sie halten also nichts von dem Gesetz?

Ansay: Wenn Sie so direkt fragen, nein. Ich habe mir die Augen gerieben, ob die digitale Krankschreibung, wie die Bundesregierung sie vorsieht, nicht ein Versehen ist. Es liegen mir auch gar keine Informationen vor, wie die Daten sicher zwischen Arzt, Krankenkasse und Arbeitgeber übertragen werden sollen. Ich kann mir vorstellen, dass das ein wildes Durcheinander geben wird, weil jede Krankenkasse Ihren eigenen Standard durchsetzen will.

ZEIT ONLINE: Was den Datenschutz angeht, wurden Sie in der Vergangenheit selbst kritisiert, weil Sie den amerikanischen Messenger-Dienst WhatsApp für Ihren Service genutzt haben.

Ansay: Das stimmt, wir haben auf die Kritik jetzt aber reagiert: Wie gehabt beantworten die Nutzer ein paar Fragen zu Symptomen, der eigenen Person und zur Versicherung. Die Daten werden an unseren Telearzt geschickt, allerdings nicht mehr über WhatsApp. Stattdessen landen die Informationen verschlüsselt auf einem deutschen Server; der Arzt lädt sich die Daten runter und entscheidet sich aufgrund dessen – fast immer – für eine Krankschreibung.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert das konkret?

Ansay: Die Krankschreibung wird automatisch erstellt, digital von unserem Arzt signiert und wieder auf dem Server verschlüsselt abgespeichert. Damit der Patient den Krankenschein runterladen kann, schicken wir ihm einen SMS-Code und eine automatisierte E-Mail mit einem Link; klickt er darauf, landet er auf unserem Download-Portal und muss dort neben seiner Bestellnummer noch den SMS-Code eingeben. Dann kann die digital signierte AU-Bescheinigung als PDF runtergeladen, entschlüsselt, ausgedruckt oder einfach als PDF an den Arbeitgeber weitergeleitet werden.

ZEIT ONLINE: Das Original geht aber noch mal per Post an den Patienten raus?

Ansay: Nein, das ist eine weitere Umstellung: Per Post bekommen die Patienten den AU-Schein nur noch, wenn sie ihn anfordern und fünf Euro extra zahlen. Damit wollen wir faktisch die Digitalisierung der Krankschreibung in Deutschland  einführen.

ZEIT ONLINE: Wie kommt das bei den Nutzern an?

Ansay: Etwa 50 Prozent unserer Patienten nutzen den rein digitalen Service. Unsere Ärzte brauchen durch die digitale Krankschreibung pro Patient nur etwa fünf Sekunden. Damit können sie sich um wesentlich mehr Menschen kümmern als jeder Praxenarzt.

ZEIT ONLINE: Und den Arbeitgebern reicht ein PDF als Krankschreibung aus?

Ansay: Uns wurde bislang nicht mitgeteilt, dass unser digitaler AU-Schein von Arbeitgebern nicht akzeptiert wurde. Gesetzlich ist geregelt, dass man die Krankschreibung vorlegen muss – diesen Begriff haben wir dahingehend interpretiert, dass man ja auch eine PDF-Datei vorlegen kann. Ehrlich gesagt machen wir so gute Erfahrungen mit unserem Service: Vielleicht brauchen wir die Einführung der digitalen Krankschreibung von Seiten der Politik gar nicht. Wir zeigen ja, dass es praktisch auch so funktioniert.

ZEIT ONLINE: Wie viele Menschen nutzen Ihren Dienst denn inzwischen?

Ansay: Wir haben etwa 15.000 Patienten. Da die Erkältungssaison jetzt erst richtig anfängt, rechnen wir damit, dass die Nutzerzahlen in den nächsten Monaten noch deutlich steigen werden.

ZEIT ONLINE: Und wer sind Ihre Kunden?

Ansay: Genaue Daten haben wir noch nicht. Was wir wissen ist, dass der Altersdurchschnitt bei Ende 20 liegt und dass etwa 90 Prozent gesetzlich versichert sind.