Florian Zinnecker © Maria Feck für DIE ZEIT

Liebe Leserin, lieber Leser,

zu den vielen Vorzügen meines Jobs, Ihnen jeden Tag aufs Neue diesen Newsletter zu bereiten, gehört zweifellos der Bildungseffekt für mich selbst. Sie erfahren Neues, ich auch. Häufig Dinge, von denen ich vorher nie geahnt hätte, dass sie mich interessieren. Heute etwa: Hunde in Hamburg – ein Thema, das auch vor meiner Zeit hier schon oft verhandelt wurde. Im Stadtgebiet, so meldet heute das Statistikamt Nord, leben aktuell 51.000 Hundebesitzer. Klingt nach wenig, entspricht aber etwa der Einwohnerzahl von Wilhelmsburg oder, wenn Ihnen das lieber ist, der doppelten von Eppendorf. Vor zehn Jahren waren es noch weitaus weniger, aber wir leben nun mal in einer wachsenden Stadt; das merkt man. 4,2 Millionen Euro an Hundesteuer, so das Statistikamt weiter, nahm die Stadt im vergangenen Jahr ein. Das klingt viel, entspricht aber – das Statistikamt war so freundlich, dies bereits auszurechnen – nur dem Gegenwert eines (!) einfachen HVV-Nahbereichtickets pro Hamburgerin und Hamburger. Pro Jahr! Es geht aber noch weiter: Um mit den Hinterlassenschaften der Hunde zurecht zu kommen, gab die Hamburger Stadtreinigung vergangenes Jahr rund 34 Millionen Polyethylen-Beutelchen aus. Das macht, dies nur der Vollständigkeit halber, 666 Beutelchen pro Hundebesitzer (und also, geht man davon aus, dass viele Hundebesitzer nicht nur einen Hund haben, ungefähr einem Beutelchen pro Hund pro Tag), und acht Beutelchen pro Euro Hundesteuer. Wieviel die Beseitigung jener Beutelchen die Stadt kostet, ging aus der Meldung leider nicht hervor, und leider auch nicht, wie viele Hamburger Nichthundebesitzer sich über jeden nicht beseitigten Beutel ärgern. Ich kann da nur für mich sprechen: Ich ärgere mich über ein Beutelchen pro Tag, es liegt stets neben meiner Haustürtreppe. Ich würde nicht wagen, hier nun Hochrechnungen anzustellen – aber wenn es nur jedem zehnten Hamburger Nichthundebesitzer ähnlich geht, kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis das Thema im Wahlkampf auftaucht, hier scheint es wirklich etwas zu gewinnen zu geben.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihr

Florian Zinnecker

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Aktuelles

© Daniel Bockwoldt/​dpa

Zwölfeinhalb Jahre Haft für reuelosen Bankräuber

Das Hamburger Landgericht hat den Serienbankräuber Michael Jauernik zu zwölfeinhalb Jahren Gefängnis und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Der 71-Jährige hatte drei Banken überfallen und in einer Altonaer Filiale einen Haspa-Mitarbeiter angeschossen. "Die Show ist vorbei", schreibt unsere Autorin Elke Spanner dazu in ihrer Anaylse auf Zeit Online. "Jauernkis Auftritt vor dem Landgericht, wo er wegen drei Banküberfällen und versuchten Mordes auf der Anklagebank saß, war eine Zumutung. Das darf man so sagen, denn ein Angeklagter darf eine Zumutung sein. Ein Gericht muss auch Nerver aushalten und anhören, sonst setzt es sich der Gefahr der Befangenheit aus. Jauernik hat das bis zur Grenze des Erträglichen ausgereizt. Befangenheitsanträge in fast jeder Sitzung. Reden vor dem Publikum. Und zuletzt: fünf Tage Epilog im sogenannten letzten Wort. Die Kammer hat ihm lange zugehört, mit gelegentlichen Ermahnungen und viel Geduld. Ganz zum Schluss erst, nach fünf Tagen, hat sie ihm dann doch das Mikrofon wegen andauernder Wiederholungsschleifen abgestellt." Elke Spanners Text können Sie hier lesen

In einem Satz

Bei der Entwicklung und Nutzung erneuerbarer Energien wollen Hamburg und das japanische Fukushima künftig kooperieren: Hamburg will von der japanischen Erfahrung mit Wasserstoff lernen, Fukushima von den norddeutschen Erfahrungen mit Windenergie +++ Der Airbus-Zulieferer Diehl Aviation baut bis 2023 rund 240 Arbeitsplätze in Hamburg ab +++ In einem Hafenbecken beim Kraftwerk Tiefstack ist ein unterernährter junger Seehund gefunden worden, der nun auf der Seehundstation in Friedrichskoog wieder zu Kräften kommen soll +++ Der Hamburger Unternehmer und Mäzen Günter Powalla, der unter anderem die Renovierung des Michels mit mehreren Millionen Euro unterstützte, ist am Freitag im Alter von 99 Jahren gestorben +++

© Daniel Bockwoldt/​dpa

Douglas Santos: Wie der HSV sich fast verspekuliert hätte

Der Verkauf des HSV-Verteidigers Douglas Santos an Zenit St. Petersburg im vergangenen Sommer hatte vor allem ein Motiv: die große Geldnot des Vereins. Dies belegen zahlreiche interne Dokumente und Nachrichten, mit deren Hilfe unser Autor Daniel Jovanov die Anbahnung und den Verlauf des Rekord-Transfers rekonstruierte. Santos galt als bester und wertvollster Mann im HSV-Kader, er war 2016 nach Hamburg gewechselt und sollte nun helfen, den Wiederaufstieg des Vereins zu schaffen. Doch dann beschloss die Vereinsspitze Santos’ Verkauf – und musste ernüchtert feststellen, dass kein Verein bereit war, die erhoffte Summe zu zahlen. Doch der Verein stand finanziell so unter Druck, dass den Verantwortlichen keine Wahl blieb – sodass in letzter Minute doch noch eine Einigung mit Zenit St. Petersburg gelang. Welches Bild der HSV bei den Verhandlungen abgab und was der Spielervermittler nun plant, der den Deal einfädelte, aber noch keine Provision bekam, lesen Sie (als Digitalabonnenten kostenlos) in Daniel Jovanovs Text.

Was heute auf der Agenda steht

Als eines der ersten deutschen Museen gibt das Museum für Kunst und Gewerbe heute um 11 Uhr ein Kunstwerk an Afghanistan zurück, das als Raubkunst identifiziert wurde +++ Ebenfalls um 11 Uhr präsentiert das "Bündnis für die Innenstadt", ein Zusammenschluss von Wirtschaftsakteuren, seine Forderungen an die Hamburger Politik und mischt sich damit in die Debatte um die Zukunft der City ein +++ Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) informiert auf einer Pressekonferenz über den Ausbau der Landstromversorgung im Hafen

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Die Grundschullehrerin

Wir haben einmal Märchen-Plakate gestaltet. Ein Junge aus einer Flüchtlingsfamilie, der neu in der Klasse war, hatte das Thema Aschenputtel. Sprachlich konnte er damit noch nicht viel anfangen. Wir haben ihn einbezogen, indem wir viel ausgeschnitten, gebastelt und geklebt haben. Dann kam hoher Besuch, der Schulrat. Die Kinder waren ganz ehrfürchtig. Der Junge kam zu mir und sagte, dass er sein Plakat auch so gerne jemanden zeigen würde. Ein wenig aus Spaß sagte ich dann zu ihm: "Geh doch mal zum Schulrat." Und der Junge stellte sich tatsächlich vor ihn hin und legte los: "Mein Märchen heißt Aschebusche!" Ich war begeistert und dachte: Wie schön, dass er sich das getraut hat.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

© Daniel Reinhardt/​dpa

Interview: "Die Stadt sollte sich nicht nur um die Sahnestücke kümmern"

Auf dem Harvestehuder Weg am Westufer der Außenalster haben Radfahrer bereits seit Jahren freie Fahrt, nun sollen auch am Ostufer sogenannte Fahrradstraßen entstehen. Im März 2020 beginnt der Ausbau der Schönen Aussicht samt Fährhausstraße und Eduard-Rhein-Ufer, ein Jahr später soll die Bellevue folgen. Das heißt: Die Straßen werden in ihrer ganzen Breite als Radweg ausgewiesen, sodass Radler auch nebeneinander fahren können. Autofahrer werden die Strecken nur noch als Anlieger befahren dürfen und mit höchstens 30 Stundenkilometern, wobei sie sich in jedem Fall dem Radverkehr unterordnen müssen. Dirk Lau, stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs in Hamburg, hat mit uns darüber gesprochen, wie viel Sinn in den Plänen steckt – und wie viel Schaufensterpolitik.

Elbvertiefung: Herr Lau, sind Fahrradstraßen am östlichen Alsterufer wirklich nötig? Gibt es nicht viele andere Strecken in Hamburg, wo sie nötiger wären?

Dirk Lau: Die Situation an der Bellevue ist derzeit echt schlecht. Die Strecke gehört für Radfahrer zu den wichtigen Verbindungen in den Hamburger Norden und Westen, trotzdem haben sie dort kaum Platz. Stadteinwärts kann man zwar die Fahrbahn nutzen, stadtauswärts aber muss man auf einen engen Rumpelradweg ausweichen, weil die Bellevue eine Einbahnstraße ist.

EV: Und die Schöne Aussicht? Dort fahren doch jetzt schon wenig Autos, wozu braucht es noch eine Fahrradstraße?

Lau: Tatsächlich ist es da für Radfahrer weniger brenzlig als an der Bellevue, weshalb es aus Radfahrersicht mehr Sinn machen würde, zuerst diese Straße statt der Schönen Aussicht auszubauen. Trotzdem verbessert eine Fahrradstraße auch an der Schönen Aussicht die Situation: Der Kfz-Verkehr wird weniger und die Straße ruhiger und attraktiver. Das verbessert ja auch die Lebensqualität der Leute, die dort wohnen. Voraussetzung ist, dass Kfz-Durchgangsverkehr in solchen Fahrradstraßen verhindert wird.

EV: Aber hilft es wirklich, den Radverkehr in Hamburg zu verbessern?

Lau: An der Alster ballt sich der Radverkehr von allen Seiten – da irgendetwas zu tun, ist schon der richtige Ansatz. Aber es stimmt schon: Die Schöne Aussicht ist nicht das drängendste Problem. Wichtig wäre aus unserer Sicht, auch die Herbert-Weichmann-Straße fahrrradfreundlicher zu gestalten, zum Beispiel als Tempo-30-Strecke oder durch breite Radspuren in beide Richtungen. Wer mit dem Rad von der Uhlenhorst nach Winterhude will, könnte dann den direkten Weg nehmen – statt den touristischen Schlenker über die Schöne Aussicht. Für Radpendler wäre das schneller.

EV: Also doch hauptsächlich Schaufensterpolitik?

Lau: Das würde ich so nicht sagen, jede neue Fahrradstraße ist gut und von einer so prominenten Strecke kann ja auch eine positive Signalwirkung ausgehen. Trotzdem sollte sich die Stadt nicht nur um die Sahnestücke an der Außenalster kümmern, sondern auch mal um die Kieler Straße oder Stresemannstraße. Von Wilhelmsburg und Harburg ganz zu schweigen. 

                                                                       Die Fragen stellte Félice Gritti

© Julia Steinigeweg für DIE ZEIT

Was wird nun aus dem Gängeviertel?

Zehn Jahre lang drehte sich im Gängeviertel alles um eine Frage: Wie können die Häuser zwischen Laeiszhalle und Gänsemarkt nach ihrer öffentlichkeitswirksamen Besetzung erhalten bleiben – als ein Ort für Kultur, der sich der Mechanik des Marktes entzieht? Inzwischen gibt es eine Antwort, die Stadt hat eine Bestandsgarantie für 75 Jahre gegeben. Aber wie das so ist mit den Fragen: Kaum ist die eine beantwortet, stellt sich die nächste. Unser Autor Moritz Herrmann hat sich umgehört in einem Viertel, das damit fremdelt, dass es plötzlich von Senatoren und Senioren besucht wird – und deren Bewohner darüber nachdenken, was ihr Viertel eigentlich ist und was es sein will. Was er herausgefunden hat, können Sie als Digitalabonnent hier lesen.

Was Sie heute erleben können

Kaffeepause:

Weit im Osten Hamburgs

Gelangweilt lassen die Schafe ihren Blick über die Menschen gleiten, die am Zaun stehen, dann senken sie wieder ihren Kopf und grasen. Sie sind die Besucher gewohnt: Kreischende Kinder und Eltern, die dem Nachwuchs die Natur näher zu bringen suchen. Das nämlich bietet sich hier an, in Vierlanden, auf dem Bio-Hof Eggers: Kühe, Schweine, Kaninchen und Schafe besichtigen, durch Pfützen hüpfen und sich auf der Schaukel vergnügen, die an langen Seilen von einer Eiche hängt. Schon 1548 wurde der Hof erstmals urkundlich erwähnt, seit mehr als 390 Jahren befindet er sich in Familienbesitz. In der großen Fachwerkscheune befindet sich ein Café. Neben herzhaften Speisen gibt es hier eine große Auswahl an Kuchen (pro Stück um die 3,50 Euro). Während der Blaubeerkuchen wenig überzeugt, mundet die erfrischende Frischkäse-Joghurt-Maracuja-Torte ebenso wie die mit einem ordentlichen Schuss Kirschwasser versehene Schwarzwälderkirschtorte. Der Cappuccino schmeckt gut, bei der heißen Schokolade fehlt allerdings eine ordentliche Portion Kakao (jeweils 2,80 Euro). Noch bis Weihnachten hat der Hof am Wochenende geöffnet.

Kirchwerder, Hof Eggers in der Ohe, Kirchwerder Mühlendamm 5, bis Weihnachten: Sa 12-18, So und Feiertag 10-18 Uhr

 

Elisabeth Knoblauch

 

Was geht

Deichkind und die Deichtorhallen: Ihre Videos spalten das Publikum ebenso wie ihre Musik; viele finden sie "Leider Geil", andere fragen augenrollend: "Wer sagt denn das"?! Längst ist Deichkind aufgestiegen in den Olymp deutscher Musikvideos, ebenso wie andere Videos aus der Ausstellung "Fuzzy Dark Spot – Videokunst aus Hamburg" (Deichtorhallen). Kurator Wolfgang Oelze und Filmemacher Timo Schierhorn zeigen heute eine exquisite Playlist, gefolgt von einem Gespräch mit Künstlerin Katharina Duve.

Metropolis Kino, Saal 1, Kleine Theaterstrasse 10, heute, 19.15 Uhr, 7,50 Euro

Schwebend lesen: Der Autor Mircea Cărtărescu habe "die Phantasie eines großen Kindes und die Sprachfertigkeit eines alten Meisters", schwärmen Kritiker. Sein Roman "Solenoid" beschreibt das Leben eines erfolglosen, rumänischen Schriftstellers, der ein Haus in Form eines Schiffes kauft. Darunter soll sich eine eingegrabene Magnetspule befinden, die alles im Umfeld anhebt. Und tatsächlich: Eines Abends schwebt die Freundin des Protagonisten im Schlafzimmer.

Literaturhaus, Schwanenwik 38, heute, 19.30 Uhr, 14 Euro

Mission Malaria: "Ich bin mir sicher, dass wir Malaria ausrotten können", verkündet Bill Gates. Seine Mission ist so alt wie der Kolonialismus, und doch sterben jährlich eine halbe Million Menschen an den Folgen eines Mückenstichs. Inspiriert von Diskussionen über Krankheit, Glauben und Medizin, untersuchen Flinn Works (Berlin) und Asedeva (Dar es Salaam) die ungleiche Welt der Malaria in einem Theatre-Science-Lab: "Fear & Fever".

Markk, Rothenbaumchaussee 64, heute/morgen, je 20 Uhr, 10 Euro inkl. Eintritt in die Ausstellung "Amani. Auf den Spuren einer kolonialen Forschungsstation"

Hamburger Schnack

Im Regionalzug von Hamburg nach Sylt: eine Schulklasse, die wohl auf Klassenfahrt auf die Insel unterwegs ist. Ein Junge fragt seine Nebensitzerin, wie Sylt denn so sei. Ihre Antwort: "Eigentlich ganz cool, ich weiß nur nicht, wie das Internet da ist."

Gehört von Nina Faecke

 

Meine Stadt

Der steinerne Gast – gesehen am Goldbekplatz, neben dem Eingang zum Wochenmarkt © Katharina Juhl

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Die Show ist vorbei – Befangenheitsanträge, Rechtfertigungsreden, ein fünftägiges letztes Wort: Mit dem Urteil gegen den Serienbankräuber Michael Jauernik geht ein skurriler Prozess zu Ende.

Das Spiel um die Millionenchance – Douglas Santos war der beste Mann im HSV-Kader. Bei seinem Verkauf nach Russland pokert der Verein hoch – bis heute. Rekonstruktion eines von langer Hand geplanten Deals

Jetzt nicht einschlafen – Das Gängeviertel hat eine Bestandsgarantie für 75 Jahre bekommen, als Ort für Kultur. Doch was haben die ehemaligen Besetzer damit vor?