Florian Zinnecker © Maria Feck für DIE ZEIT

Liebe Leserin, lieber Leser,

"heut wird immer gesagt, man muss über den Tellerrand schauen. Ich sag: Es wäre besser, man würde auch mal in den Teller hineinschauen." Es kommt nicht häufig vor, dass ich mir einen Satz notiere, nur weil es schön wäre, ihn nicht zu vergessen, bei diesem war es so – er stammt von Gerhard Polt, genauer: aus einem Interview, das mein Kollege Johannes Gernert für die gerade noch aktuelle Ausgabe der ZEIT geführt hat. Polt schaute auf den Schliersee, als er den Satz sagte, er ist aber auch in Hamburg – und er bringt auch sehr schön das auf den Punkt, was wir hier im Büro der Elbvertiefung tun. Um die eigene Stadt besser zu verstehen, hilft es aber manchmal doch, in andere Städte zu schauen (am besten hat das zuletzt der Kollege Frank Drieschner vorgeführt, als er die Verkehrsdaten deutscher Großstädte verglich und feststellte, dass ein schlimmer Tag auf den Hamburger Straßen einem normalen bis guten Tag in München entspricht. Deshalb müssen wir kurz über Rom sprechen. Denn Rom hat – nein, keine Lösung für unser gestriges Problem mit den Hundekotbeutelchen, von dem hier gestern die Rede war, herzlichen Dank an dieser Stelle für all die Zuschriften! Rom jedenfalls ist gerade dabei, eine unkonventionelle Idee im Nachverkehrsticket-Vertrieb zu testen: An drei Stationen stehen dort Automaten, die nicht nur Geld, sondern auch Leergut annehmen – ein Ticket kostet 30 Flaschen. Klar, das ist nichts für den täglichen Gebrauch (die Schlangen vor dem Pfandautomaten würde etwa den Hamburger Hauptbahnhof endgültig zum Platzen bringen). Aber die Idee ist gut – und in Hamburg längst angekommen. Im Sommer konnte man sich auf der Alster kostenlos ein Kajak mieten, wenn man dafür Müll aus dem Wasser fischte. Ich finde, das könnte Schule machen. Vielleicht fällt uns ja auch noch etwas ein, gegen das man defekte E-Scooter eintauschen könnte oder als unrealistisch enttarnte Wahlversprechen. Dass man schon jetzt ab und an auf die Idee kommen könnte, Ideen und Pläne wären den Müll nicht wert, der gegen sie mutmaßlich eingetauscht worden ist, will ich damit natürlich nicht sagen – diese Pointe wäre wirklich zu billig.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihr

Florian Zinnecker

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Aktuelles

© Jakob Boerner für DIE ZEIT

Hamburgs Wirtschaft stellt sich gegen autofreie Innenstadt

Sieben Hamburger Wirtschaftsverbände – darunter das Citymanagement, der Hotel- und Gaststätten-Verband und der Tourismusverband – haben sich unter der Leitung der Handelskammer zu einem "Bündnis für die Innenstadt" zusammengeschlossen und positionieren sich gegen eine autofreie Innenstadt. Stattdessen verlangen die Wirtschaftsvertreter von der Hamburger Politik mehr Investitionen in die City – darunter eine Anbindung an die U5, eine bessere Baustellenkoordinierung, mehr Polizeipräsenz sowie attraktivere Plätze und Wege sowohl für Radfahrer als auch für Fußgänger. Bei der gestrigen Vorstellung der Forderungen zeigte sich das Bündnis offen für eine Umleitung des Busverkehrs in die Steinstraße und plädierte dafür, den ruhenden Verkehr zu verringern, etwa durch den Bau neuer Tiefgaragen; jedoch müsse die Innenstadt für Autos erreichbar bleiben. Insgesamt würden die geforderten Maßnahmen schätzungsweise 80 bis 100 Millionen Euro kosten. "Die Hamburger City muss mehr bieten als bisher", sagte Handelskammer Vize-Präses André Mücke. Andernfalls gerate der dort ansässige Einzelhandel unter Druck, vor allem durch das geplante Einkaufszentrum im Überseequartier in der HafenCity. Das Shoppingcenter soll 2022 eröffnet werden und wird die Hamburger Einzelhandelsflächen auf einen Schlag um rund ein Fünftel erhöhen. Inwiefern das Projekt tatsächlich die Innenstadt bedroht, hat unsere Wirtschaftsredakteurin Hanna Grabbe für die gedruckte Ausgabe der ZEIT:Hamburg recherchiert, ihren Text können Sie als Digitalabonnent hier kostenfrei lesen.

                                                                                                      Félice Gritti

In einem Satz

Das Museum für Kunst und Gewerbe hat ein Wandpaneel aus Marmor an den afghanischen Staat zurückgegeben +++ In der Nacht zu Dienstag ist in einer Hohenfelder Druckerei ein Großbrand ausgebrochen; Teile Hamburgs waren in Rauch gehüllt und 130 Feuerwehrleute über Stunden gefordert +++ Der spanische Großaktionär Acciona will den Hamburger Windanlagenbauer Nordex übernehmen, an dem er schon jetzt als größter Einzelaktionär beteiligt ist +++ Der FC St. Pauli holt seinen zuletzt vereinslosen Ex-Keeper Korbinian Müller bis zum Saisonende zurück und reagiert damit auf die Verletzung des bisherigen Ersatztorwarts Svend Brodersen +++ HSV-Trainer Dieter Hecking hat die hohen Gehälter und Ablösesummen im Profifußball kritisiert: "Mit ein bisschen weniger könnten wir Fußballer immer noch gut leben"

© Christian Chasirius/​dpa

Bürgermeister Peter Tschentscher meldet Durchbruch beim Landstrom

Die Stadt Hamburg will bis 2022 zehn neue Landstrom-Anschlüsse bauen und die Schiffe im Hafen künftig verstärkt mit Ökostrom versorgen. Acht der zehn Anschlüsse seien für Containerschiffe vorgesehen, zwei für Kreuzfahrtschiffe, sagte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) dazu in der Landespressekonferenz. Die notwendigen Investitionen von 76 Millionen Euro sollen etwa zur Hälfte vom Bund getragen werden – doch diese Vereinbarung ist noch nicht unterschrieben. Sollten die Anlagen insgesamt 300-mal pro Jahr genutzt werden, ließen sich damit rund 43.000 Tonnen CO2 sowie erhebliche Mengen sonstiger Schadstoffe einsparen. Hamburg hat bereits seit 2016 eine Landstromanlage am Kreuzfahrtterminal Altona in Betrieb, die jedoch bislang wenig genutzt wird. Landstrom ist rund dreimal so teuer wie der Bordstrom, den die schiffseigenen Dieselmotoren erzeugen. Der Kostennachteil kann sich für ein Kreuzfahrtschiff während der Liegezeit auf sechsstellige Beträge summieren. Wie dieser Wettbewerbsnachteil verringert werden könnte, das will Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) mit den Nord-Ländern morgen in Kiel erklären. Denkbar sind eine Kürzung der EEG-Umlage für Landstrom um 80 Prozent, Vergünstigungen beim Hafengeld oder auch – auf europäischer Ebene – ein Anschlusszwang.

Was heute auf der Agenda steht

Der Blinden- und Sehbehindertenverein protestiert auf dem Rathausmarkt gegen öffentliche Mittel für E-Fahrzeuge ohne Warngeräusch +++ Die Schauspielerin Nicole Heesters bekommt bei einer Aufführung von "Marias Testament" an den Hamburger Kammerspielen die Ehrenmitgliedschaft der Volksbühne Hamburg verliehen

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Der Mitarbeiter der Sperrmüllabfuhr

Wir machen auch ganze Häuser und Wohnungen leer. Erst unlängst hatte ich eine Villa, die haben wir mit fünf Mann über zwei Tage picobello entleert. Gardinen ab, gefegt, Nägel raus. Außer Strom und Wasser machen wir alles. Das waren schlappe acht Tonnen an Gewicht. Die Villa war verkauft worden und sollte abgerissen werden. Für uns ist das dann ein bisschen einfacher, dann muss man beim Raustragen nicht so vorsichtig sein.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

© Michele Bancilhon/​AFP/​Getty Images

Was der Philosoph Michel Foucault auf der Reeperbahn erlebte

Man denkt an Paris, vielleicht auch an San Francisco oder an seine Geburtsstadt Poitiers, aber wer assoziiert Michel Foucault schon mit Hamburg? Dass einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts ein bewegtes Jahr lang in der Hansestadt gelebt und gearbeitet hat, ist kaum bekannt; selbst in den umfangreichen Foucault-Biografien finden sich Hinweise auf diesen Lebensabschnitt allenfalls am Rande. Tatsächlich war der einjährige Aufenthalt als Direktor des Institut français de Hambourg vor genau sechzig Jahren nur eine kurze Etappe im Leben des Philosophen, doch retrospektiv erweist sich diese Zeit kurz vor seinem Durchbruch als Wissenschaftler als bemerkenswertes Jahr: In Hamburg schloss Foucault das Manuskript seines ersten großen, bis heute berühmten Buches "Histoire de la folie" ab, das  als "Wahnsinn und Gesellschaft" auf Deutsch erschien. Das Vorwort ist datiert: "Hambourg, le 5 février 1960", Hamburg, 5. Februar 1960. Ergänzt wurden die durch Institutstätigkeit und wissenschaftliche Arbeit ausgefüllten Tage durch Foucaults nächtliche Ausflüge, die ihn von seiner Direktorenwohnung im zweiten Stock des alsternahen Institutsgebäudes immer wieder in die schwule Kultur von St. Pauli führten. Diese Erkundungen zählten fest zu Foucaults Alltag in Hamburg und fanden Niederschlag in seinem wissenschaftlichen Werk. Wie Foucault die feine Hamburger Gesellschaft mit seinen nächtlichen Vorlieben konfrontierte und wie die Nachwelt von diesem Kapitel seines Lebens überhaupt erfuhr, schreibt der Hamburger Historiker Rainer Nicolaysen in einem sehr lesenswerten Stück in der jünsten Ausgabe der ZEIT:Hamburg, das Sie als Digitalabonnent auch online kostenlos lesen können.

© Ulrich Perrey/​dpa

"Schmidtwochabend" im Helmut-Schmidt-Forum

Mit einer neuen Veranstaltungsreihe will die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung tiefere Einblicke in das Leben des Staatsmannes, Hamburger Ehrenbürgers und ZEIT-Herausgebers vermitteln. Der "Schmidtwochabend" soll sich von November bis März kommenden Jahres als Themenabend einmal im Monat im Helmut-Schmidt-Forum mit den Leidenschaften und besonderen Momenten im Leben des 2015 gestorbenen Altkanzlers befassen. Pünktlich zum fünften Todestag am 10. November kommenden Jahres soll zudem eine Dauerausstellung im Helmut-Schmidt-Forum eröffnet werden. Die aktuelle Fotoausstellung "100 Jahre in 100 Bildern" bleibt ebenfalls bis März 2020 bestehen.

Was Sie heute erleben können

Mittagstisch:

Essen im Personalrestaurant

Die Nahrungsaufnahme mit dem Studium großflächiger Modellbauten von Hamburg und Wilhelmsburg kombinieren – das kann man wohl nur im farbenfrohen Bau der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen am nördlichen Ende des Wilhelmsburger Inselparks. Bevor man sich in dem »Personalrestaurant« genannten Saal an der Essensausgabe einfindet, gilt es, sein Gewissen zu befragen: Mit dem »Klimateller« wählt man unter vier Speisen eine, deren Zutaten mindestens 50 Prozent weniger CO2-Emissionen eines durchschnittlichen Gerichts verursachen. Das sind am Testtag Pannfisch mit Bratkartoffeln (5,75 Euro) und gebackener Feta auf Paprika-Tomatengemüse und Reis (4,60). Was bei Letzterem positiv auffällt: Die Sauce ist selbstgemacht und schmeckt nicht nach Convenience-Food. Feta und Reis gehen auch in Ordnung. Die weniger klimafreundlichen Gerichte waren Flammkuchen mit Speck (3,85) und Moussaka (3,85). Ansonsten gibt es eine Salatbar, zwei Nachspeisen und eine Suppe. Fazit: Wer auf Gemütlichkeit und Haute Cuisine keinen Wert legt, findet hier eine sehr preiswerte Art, den mittäglichen Hunger zu befriedigen. Einen Menüplan gibt es online.

Wilhelmsburg, Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, Neuenfelder Straße 19,

Mo–Fr, 11.30–14.00 Uhr

 

Thomas Worthmann

Verlosung

Das NDR-Kultur-Foyerkonzert ist wieder on Tour in Hamburg. Diesmal im Michel. Kurz bevor er sich in den Ruhestand begibt, stellt Organist und Kirchenmusikdirektor Christoph Schoener musikalisch die verschiedenen Orgeln seiner Wirkungsstätte vor. Ludwig Hartmann, Musikredakteur bei NDR Kultur, moderiert den Wechsel zwischen Musik und Publikumsgespräch. Wir verlosen dreimal zwei Karten für das Foyerkonzert am Mittwoch, dem 16. Oktober, um 18 Uhr in der Hauptkirche St. Michaelis. Senden Sie uns bis morgen um 12 Uhr eine E-Mail mit dem Betreff "Michel" an hamburg@zeit.de. Viel Glück!

Was geht

Star-Schnecke: Früher liebte der Bierschnegel das kühle Leben in St. Paulis Brauerei-Kellern. Marco Neiber löste 2018 einen Medienhype aus, als er die Nacktschnecke wiederentdeckte; sie galt in Hamburg als ausgestorben. Im Vortrag stellt Neiber das kleine Tier vor, erklärt, wie sich die Zwitterwesen paaren, wovon sie sich ernähren und wie einige Schnegel sogar Schädlinge vertreiben. Öffentliche Vorlesung: "Bierschnegel – Nützliche Nacktschnecken in St. Paulis Brauereien und auf der ganzen Welt".

Ratsherrn Diele, Lagerstraße 30A, heute, 18.30 Uhr, Eintritt frei, Anmeldung online

Kabarett auf Planken: Thomas Kreimeyer gleiche Till Eulenspiegel, urteilen Kritiker; sein Kabarett "Der rote Stuhl" nehme das Leben wörtlich, werfe Fragen auf, wo das Publikum sie am wenigsten erwarte. "An einem einzigen Kreimeyer-Abend kann vom Lustspiel übers Drama alles geschehen", verspricht das Theaterschiff. "Und das tut es auch."

Das Schiff, Nikolaifleet, Holzbrücke 2, heute, 19.30 Uhr, ab 21 Euro

Singen vom Glück: "Von nun an nur noch glücklich sein, das muss doch irgendwie möglich sein", singen Aren & Chima. Das Duo aus Frankfurt sucht in deutschsprachigen Popsongs nach diesem Gefühl unbeschwerter Zweisamkeit, stößt in seinen Texten aber immer wieder melancholisch auf das eigene Unvermögen.

Häkken, Spielbudenplatz 21–22, heute, 20 Uhr, 22 Euro

Hamburger Schnack

Ein siebzigjähriger guter Freund, er ist aufs Land gezogen, betrachtet die überall herumstehenden E-Roller und gibt entschieden zu bedenken: »Eigentlich müsste es hier zuerst elektrische Rollatoren geben. Schließlich sind wir in der Mehrheit!«

Seine Frau kommentiert: »Das wäre ein Spaß auf den Fahrradwegen!«

Gehört von Cornelia Spengler

Meine Stadt

Kleine Einlage beim Abriss des Deutschlandhauses © Norbert Fliether

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Wächst hier eine Gefahr für die Innenstadt? Ein Weltkonzern baut in der HafenCity ein ganzes Viertel mit Büros, Hotels und einem riesigen Einkaufszentrum. Das zwingt die Händler im Zentrum zu Veränderungen.

"Ich muss nicht wohin, ich bin schon da" – Der bayerische Kabarettist Gerhard Polt ist ein Meister im Einfach-nur-Dasitzen. Auf der Bühne und in seiner Heimat am Schliersee. Eine Plauderei auf dem Bootssteg.

Die Wahrheit liegt auf der Straße – Verursachen die Baustellen Chaos? Schaden neue Radwege den Autofahrern? Leidet die Wirtschaft? Die Navis moderner Fahrzeuge liefern Daten, die Antworten ermöglichen. Hier sind sie.

Foucault ging auf die Reeperbahn – Vor sechzig Jahren zog der französische Philosoph Michel Foucault nach Hamburg. Und entdeckte begeistert die Schwulenbars auf St. Pauli.