Félice Gritti © Maria Feck

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir kennen uns noch nicht: Ab heute darf auch ich Sie an dieser Stelle begrüßen, im Wechsel mit Annika Lasarzik und Florian Zinnecker. Ich hatte erwogen, mich zu meinem Einstand ein wenig anzubiedern, indem ich mich hier als echter Hamburger verkaufe. Das habe ich verworfen, als ich gestern las, das Komitee der Alster-Schleusenwärter küre einen neuen Ehren-Schleusenwärter.

Zwar bin ich wirklich gebürtiger Hamburger (wenn auch nicht geborener). Aber beim Lesen dieser Nachricht beschlichen mich Zweifel, ob ich genug über diese Stadt weiß, um mich mit echten Lokalpatriotinnen und -patrioten zu verbrüdern. Auf die Gefahr hin, den Spott der Wissenden auf mich zu ziehen: Ich hatte bis gestern keine Ahnung, was ein Ehren-Schleusenwärter sein soll.

Auf der Internetseite der "Congregation der Alsterschleusenwärter", die übrigens von der Alster-Touristik GmbH betrieben wird, steht: "Die Ehren-Schleusenwärter sind Persönlichkeiten, die als heimliche Botschafter das Ansehen der Freien und Hansestadt Hamburg in aller Welt gemehrt haben." Das derzeit sechsköpfige "Comitee" der Congregation verlieh die Auszeichnung seit 1981 an Menschen wie Uwe Seeler, Heidi Kabel, John Neumeier, Annemarie Dose oder Siegfried Lenz.

Der neue Ehren-Schleusenwärter wurde nun gestern im Alsterpavillon am Jungfernstieg ernannt. Er ist erfolgreicher Gastronom, erfolgreicher Fernsehkoch, erfolgreicher Kochbuchautor, und er heißt Tim Mälzer.

Kulturpessimisten könnten sicher schöne Polemiken darüber verfassen, was das jetzt für das Ansehen Hamburgs in der Welt bedeutet: früher Lenz, heute Mälzer! Ich glaube, man sollte den guten Einfluss guter Gastronomen nicht unterschätzen. Mälzer sagte gestern: "Alle Menschen, die in der Hotellerie, der Gastronomie, den Bars und Restaurants, Kneipen und Imbissen arbeiten, haben den Preis verdient, weil ich glaube, dass wir alle zusammen die beste Visitenkarte für diese Stadt sind." Das mag Preisverleihungsrhetorik sein – aber ganz unrecht hat er nicht.

Vielleicht mögen Sie heute noch einmal das Interview lesen, das meine Kollegen Marc Widmann und Stefan Schirmer im Sommer mit drei Hamburger Starköchen geführt haben: Christian Rach, Cornelia Poletto – und Tim Mälzer.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihr Félice Gritti

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns: hamburg@zeit.de.

Aktuelles

© Daniel Bockwoldt/​dpa

Radentscheid nimmt erste Hürde

Der Senat hat das Zustandekommen der Volksinitiative für einen Radentscheid bestätigt. Nachdem die Rad-Aktivisten mehr als 10.000 Unterschriften gesammelt haben, muss sich jetzt also die Bürgerschaft mit ihren Forderungen befassen. Die lauten, in Auszügen: breite und baulich abgetrennte Radwege an allen Hauptstraßen, rad- und fußgängerfreundliche Ampeln, ein Ausbau des Radwegenetzes und Schulradwege, entlang derer Tempo 30 gelten soll. Das Ziel: die Infrastruktur für Radfahrer in der Stadt sicherer gestalten, um so mehr Menschen zum Umsteigen aufs Rad zu bewegen. Vier Monate hat die Bürgerschaft Zeit, um über den Forderungskatalog abzustimmen. Die Initiative will nun mit Vertretern aller Fraktionen verhandeln, sie könnte die Frist bis zur Abstimmung allerdings auch bis in die nächste Legislaturperiode hinein verlängern. Übernimmt die Bürgerschaft das Anliegen nicht, könnte die Initiative ein Volksbegehren einleiten – und wieder Unterschriften sammeln, für einen Volksentscheid. 

Annika Lasarzik

"Alstermord": Noch immer kein Tatverdächtiger

Der Mord an dem 16-jährigen Victor Elling nahe der Kennedybrücke jährt sich heute zum dritten Mal – und der Täter ist noch immer flüchtig. Wie eine Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft gestern erklärte, gibt es bislang keinen Tatverdächtigen. Ein Sachverständiger arbeite derzeit an einem psychologischen Täterprofil. "Wir hoffen, dass sich dadurch neue Ermittlungsansätze ergeben", sagte die Sprecherin. Bisher seien die Ermittler 4500 Hinweisen nachgegangen; unter anderem hätten sie sämtliche Personen überprüft, die zum Tatzeitpunkt mit ihrem Handy im örtlichen Sendemast eingeloggt waren – ohne Ergebnis. Victor war am Abend des 16. Oktober 2016 mit einer Freundin an die Alster gegangen. Während die beiden nahe der Kennedybrücke am Ufer saßen, näherte sich plötzlich ein Unbekannter von hinten und stach mehrfach mit einem Messer auf den Gymnasiasten ein. Der Täter stieß die damals 15 Jahre alte Freundin ins Wasser, sie konnte sich unverletzt aus der Alster retten. Victor starb wenig später im Krankenhaus. Kilian Trotier, Ressortleiter der ZEIT:Hamburg, hat Victors Mutter über zwei Jahre zehnmal getroffen. Seinen Text aus dem Frühjahr finden Sie hier.

Félice Gritti

In einem Satz

Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) will bei der Bürgerschaftswahl im Februar 2020 nicht kandidieren  +++ Moia zieht Bilanz: 770.000 Fahrgäste zählt der Sammeltaxi-Fahrdienst ein halbes Jahr nach seinem Start, rund 60 Prozent der Fahrten wurden geteilt +++ Hamburg testet in dieser Woche ein neues Kita-Prüfverfahren und nimmt damit die Qualität der Betreuung in 20 Kitas unter die Lupe +++ Mit einem "Bündnis für Wohnstifte" wollen Hamburgs gemeinnützige Wohn-Stiftungen günstigen Wohnraum für die meist älteren Mieter dauerhaft erhalten +++ Die Zahl der Patienten im Maßregelvollzug ist gestiegen, 2018 waren es 282, in diesem Jahr sind es 304 +++ Nachdem er vom FC St. Pauli freigestellt wurde, wird der türkische Fußballprofi Cenk Sahin bei seinem ehemaligen Club Basaksehir Istanbul trainieren +++ Die Hamburger SPD-Politikerin und frühere Bundesgesundheitsministerin Anke Fuchs ist gestorben

Lombardsbrücke: "Absolute Ausnahme"

Die kurzfristige Verschiebung der Sanierungsarbeiten auf der Lombardsbrücke kann sich die Verkehrsbehörde selbst auch nicht erklären. "Wir wissen bis heute nur von fehlenden Kapazitäten", sagt Christian Füldner, Sprecher der Verkehrsbehörde. Dies könne theoretisch alles bedeuten – Personalausfall durch Krankheit zum Beispiel. Wie berichtet, hatte die Baufirma, die Teile der Brücke am Samstagmorgen um fünf Uhr eigentlich hätte absperren sollen, am späten Freitagnachmittag abgesagt. Als Symptom für das oft beklagte Baustellenchaos in der Stadt sieht Füldner den Fall nicht: Zwar seien viele Firmen in Zeiten des Baubooms ausgebucht, eine solch kurzfristige Absage sei aber die absolute Ausnahme. Die Baustelle sei lange geplant gewesen, bei der Ausschreibung würden die Firmen gründlich geprüft und man könne "noch so gut koordinieren, wenn die Leute nicht zur Arbeit kommen". Mit der Sanierung der Krugkoppelbrücke, die sich seit Monaten hinzieht, sei der Fall daher nicht vergleichbar. In etwa drei Wochen sollen auf der rechten Fahrbahn dann wirklich ein paar Barrikaden aufgebaut werden – ein früherer Termin fand sich nicht. Die Infos dazu finden Sie auf Hamburgs Baustellen-Karte, unter der neuen Baustellen-Hotline 040/428 28 2020 – und, klar, bei uns.

Annika Lasarzik

Was heute auf der Agenda steht

AfD-Mitgründer Bernd Lucke hält seine erste Vorlesung nach seiner Rückkehr an der Universität Hamburg, Studierende haben Proteste angekündigt +++ Die Barmer-Krankenkasse präsentiert am UKE ihren Gesundheitsreport 2019 zum Thema Schlafstörungen

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Der Rohrreiniger

Wieder mal ein Kunde, der zu lange mit seinem Anruf gewartet hat: Das Leitungssystem des Hauses war komplett kollabiert, das stinkende Schmutzwasser drückte bereits durch den Beton der Kellertreppe. Das Reinigen der Leitungen entpuppte sich aufgrund einer – vorsichtig ausgedrückt – suboptimalen Leitungsführung als völlig unmöglich. Selbstverständlich geschah all das völlig unerwartet und unbemerkt. Ich versuche ja, jedem Menschen freundlich zu begegnen. Aber manchmal höre ich Geschichten, die mir jeglichen Respekt austreiben. Dann tut es mir nicht leid, wenn die Herrschaften vorübergehend eine Dixi-Toilette vor das Haus gestellt bekommen, die auf unbestimmte Zeit ihr vertrautes WC ersetzen muss.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

Straßenname erinnert an jüdischen Schriftsteller Arie Goral

© Thea Siedler-Prinz/​Archiv Michael K. Nathan

Der Kreisel im Grindelhof trägt von heute an einen neuen Namen: Um 17.15 Uhr enthüllt Kultur-Staatsrätin Jana Schiedeck das Straßenschild des künftigen Arie-Goral-Platzes. Der Hamburger Schriftsteller, Maler und Journalist Goral war von seiner Jugend an eng mit der jüdischen Geschichte Hamburgs verbunden. Bis zuletzt warnte er vergeblich vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten; 1933 emigrierte er nach Palästina. Nach seiner Rückkehr 1953 setzte er sich dafür ein, dass das jüdische Leben der Stadt nicht vollends dem Vergessen anheimfällt, und kämpfte gegen Rassismus und Antisemitismus. Heute jährt sich sein Geburtstag zum 110. Mal. Die Hamburger Historikerin und Sozialwissenschaftlerin Brigitta Huhnke erinnert in einem lesenswerten Porträt auf ZEIT ONLINE an Goral – ihren Text lesen Sie hier.

Florian Zinnecker

"Wir verzeichnen in diesem Jahr bislang weniger Unfälle mit Personenschäden"

© Patrick Seeger/​dpa

Es scheint, als vergehe in Hamburg keine Woche ohne schweren Unfall: In der Nacht zu Sonntag wurden sechs Menschen bei einem Unfall in Horn verletzt, mutmaßlich bei einem illegalen Autorennen. Zwei von ihnen schweben noch in Lebensgefahr. Zwei Tage vorher, am Freitagvormittag, starb ein Autofahrer in Altona, nachdem er in den Gegenverkehr geraten war. Wir haben mit Polizeisprecher Ulf Wundrack darüber gesprochen, ob die Unfallzahlen steigen und wer besonders gefährdet ist.

Elbvertiefung: Herr Wundrack, täuscht der Eindruck, oder häufen sich gerade die Unfälle?

Ulf Wundrack: Wir verzeichnen in diesem Jahr bei Verkehrsunfällen mit Personenschäden bisher rückläufige Zahlen. Nur die Anzahl der Sachschadensunfälle steigt leicht an. Eine umfassende Bewertung können wir aber erst vornehmen, wenn die Ganzjahresstatistik vorliegt.

EV: Wie viele Menschen sind dieses Jahr denn schon auf Hamburgs Straßen gestorben?

Wundrack: Bis zum 15. Oktober gab es 22 Verkehrstote.

EV: Und im gesamten Jahr davor?

Wundrack: 29.

EV: Welche Verkehrsteilnehmer sind besonders gefährdet?

Wundrack: In erster Linie Fußgänger und Radfahrer. Denn die sind im Straßenverkehr per se natürlich weniger geschützt.

EV: Wo ereignen sich die meisten Unfälle?

Wundrack: Hier ist eine allgemeingültige Aussage schwierig. Klar ist aber: Je höher die Verkehrsdichte, desto höher das Unfallrisiko. Eine Unfallursache ist auch das Nichtbeachten des Verkehrs, der beim Abbiegen in gleicher Richtung fließt. Außerdem kommt es immer wieder zu schwersten Verkehrsunfällen, wenn Fußgänger die Fahrbahn überqueren ohne auf den Verkehr zu achten, oft bei schlechten Sichtverhältnissen, etwa bei Dunkelheit oder Regen, und in unauffälliger, also nicht reflektierender Kleidung.

EV: Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, damit der Straßenverkehr sicherer wird?

Wundrack: Jeder Verkehrsteilnehmer kann durch Rücksichtnahme im Straßenverkehr und natürlich Einhaltung der Verkehrsregeln einen wichtigen Beitrag dazu leisten – insbesondere durch die Einhaltung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit.

Die Fragen stellte Félice Gritti

Was Sie heute erleben können

Mittagstisch

Feine Speisen und Getränke

Schmeckt gut, diese Bio-Brombeerlimonade, denkt man und gönnt sich noch einen kräftigen Schluck. Nimmt die Flasche zur Hand und studiert das Etikett. Elbler heißt die Marke, und darunter steht in feinen Lettern: "Craft Cidre 4 Prozent" (3 Euro). In dem Moment wird das Essen serviert, das man zuvor am Tresen bei einem fröhlichen Mann ausgesucht, bestellt und bezahlt hat: Chili con Carne (8,25 Euro) von der wöchentlich wechselnden Mittagstischkarte, die heute auch Burger bietet (Mittwochs ist Burger-Tag). Man ist zu Gast im mozzer’s finest – finest culinary art, neben Backmischungen, Dressings und Gewürzen kann man hier Frühstücken und mittags speisen. Herrlich aromatisch mit feiner scharfer Note ist das Chili mit knusprigen Tacos und frischer Sour Cream. Der Raum ist groß, die Tische stehen eng nebeneinander, aber an diesem späten Mittag sind nicht mehr viele Gäste anwesend, die Singer-Songwriter-Musik sorgt für eine gute Atmosphäre – und vielleicht hat auch der Alkohol zur Entspannung beigetragen.

mozzer’s finest; Mitte, Cremon 11, Mittagstisch 11–15 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Verlosung

Es ist nie zu früh zu fragen: Haben Sie schon Pläne für Silvester? In seinem Silvester Special bietet das AMERON Hamburg Hotel Speicherstadt ein Fünf-Gänge-Menü inklusive Aperitif und Digestif. Ab 23.00 Uhr können Sie dann ein Glas Rosé-Champagner auf der Dachterrasse mit Blick auf das Hamburger Feuerwerk genießen beziehungsweise der Einladung des DJs zum Tanzen folgen. Wir verlosen zwei Tickets für den San Silvestro Abend 2019 am 31. Dezember ab 18.00 Uhr in der cantinetta ristorante & bar im Gesamtwert von 238 Euro. Senden Sie uns bis morgen 12 Uhr eine E-Mail mit dem Betreff "San Silvestro" an hamburg@zeit.de. Viel Glück!

Was geht

Lieblings-Lounge: Das Opernloft gleicht einer Wundertüte, bietet in der Lieblingslieder-Lounge eine Genrevielfalt, die von Opernarie über Jazz bis zu Chanson reicht. Heute stellt Mezzosopranistin Franziska Buchner ihre persönlichen musikalischen Highlights vor.

Opernloft, Altes Fährterminal Altona, Van-der-Smissen-Straße 4, heute, 19 Uhr, ab 10 Euro

Indie-Schweiz: Diese Musiker malten "das Bild einer Welt, die wir schon lange nicht mehr so reflektiert wahrgenommen haben", schreiben Kritiker. Das erste Album "Cheers" der Indie-Folk-Popband Steiner & Madlaina erzählt Geschichten aus dem schweizerischen Leben, vorgetragen auf Deutsch, Englisch und Schweizerdeutsch.

Molotow, Nobistor 14, heute, 19 Uhr, VVK 18 Euro

Liebes-Leinwand: Eine Insel in der Bretagne im 18. Jahrhundert. Die Malerin Marianne reist an, um das Hochzeitsporträt der jungen Héloïse zu malen. Die beiden verlieben sich – wohl wissend, dass die Vollendung des Porträts das Ende ihrer Liebe bedeutet. Lesbisch Schwule Filmtage: "Porträt einer jungen Frau in Flammen", "ein Film von einer seltenen Schönheit, wie eine karge Insel in der Bretagne", urteilen Kritiker.

Metropolis-Kino, Kleine Theaterstraße 10, heute, 19.45 Uhr, 8,50 Euro

Hamburger Schnack

Zwei junge Frauen kommen mir, ins Gespräch vertieft, auf der Straße entgegen. Die eine, wild gestikulierend: "Das ist dann eben göttliche Schiebung..."

Gehört von Rebecca Wulf

Meine Stadt

Auch diese Verkehrsteilnehmer wollen beachtet werden. Eine Wollhandkrabbe (vermutlich), gesehen nahe der S-Bahn-Station Veddel © David Parduhn

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

"Härter, härter, härter! Cornelia Poletto, Tim Mälzer und Christian Rach sprechen über Exzesse am Herd und die baldige Ankunft der Kochroboter. (Abo)

Vor drei Jahren wurde ihr Sohn Victor an der Kennedybrücke von einem Unbekannten erstochen. Seither versucht Véronique Elling, damit leben zu lernen. (Archiv)

Die Stadt saniert an der Außenalster eine Brücke und verlegt Fahrradwege auf die Straße. Aktueller Stand der Verzögerung: 13 Monate (Abo)