Wohnungsnot, Verkehrschaos, Klimawandel – Städte geraten weltweit unter Druck, sich zu verändern. Die Lösung sehen Wissenschaftler in digitalen Technologien: Mithilfe von Big Data und computergesteuerter Technik sollen wir unseren Alltag besser managen und uns für die Herausforderungen der Zukunft wappnen können. Wie das funktionieren kann und wo Chancen und Risiken liegen, ist Thema beim City Science Summit der Hafencity Universität. Eingeladen zu der internationalen Konferenz sind Fachleute aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, aber auch interessierte Laien, die mögliche Zukunftsszenarien für Hamburg einmal durchspielen wollen. Professorin Gesa Ziemer vom City Science Lab der HCU erklärt im Interview, welche Innovationen dabei erprobt werden und wie Wissenschaftler überhaupt darauf kommen.

ZEIT Online: Der City Science Summit dreht sich um die Frage, wie Städte mittels digitaler Technologie zukunftsfähiger gemacht werden können. Was bedeutet das konkret?

Gesa Ziemer: Das größte Thema der Stadtentwicklung ist derzeit Mobilität. Eine Frage, die uns dabei umtreibt: Wie kann man die Stadt organisieren, wenn man die Autos aus der Innenstadt nimmt? Welche Fahrzeuge bräuchten wir, damit wir uns in den Städten weiterhin gut fortbewegen können? Das MIT Media Lab präsentiert dazu eine Art autonom fahrendes Transportfahrrad mit Elektroantrieb. Autonom fahrende Autos kennen wir ja schon ein bisschen, aber dieses Gefährt ist noch kleiner und beweglicher. Man kann sich selbst draufsetzen, man kann aber auch Sachen durch die Stadt transportieren lassen.

Gesa Ziemer ist Professorin für Kulturtheorie und Direktorin des City Science Lab an der HCU. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Digitalisierung von Städten. © Benno Tobler

ZEIT Online: Thema der Konferenz ist "Cities without", also "Städte ohne". Was ist damit gemeint?

Ziemer: Der Titel geht zurück auf die These von Norman Foster, der sich als Architekt viel mit Slums beschäftigt hat, also Quartieren, in denen es kaum Infrastruktur gibt. Ein Großteil der Menschen auf der Welt lebt ja inzwischen in Slums. Da stellen sich die Fragen, die uns beschäftigen, in extremer Form. Ein konkretes Beispiel: Wenn es kein funktionierendes Verkehrssystem gibt, was macht man dann, wenn jemand einen Herzinfarkt hat?

ZEIT Online: Wie lösen das die Leute in den Slums?

Ziemer: Norman Foster berichtet von Städten, in denen Drohnen eingesetzt werden, um Medikamente zu den Leuten zu bringen. Über die Drohne kann man dann per Skype mit dem Arzt kommunizieren, der dann eine Ferndiagnose stellt. Die Grundthese von Fosters Eröffnungsrede ist: Wir müssen uns Slums angucken, um davon zu lernen und deren Ideen auf unsere Städte zu übertragen, weil wir im Kern ganz ähnliche Probleme haben, wenn auch nicht so drastisch ausgeprägt.

ZEIT Online: Das klingt fast so, als würde man den Niedergang der Städte erwarten und sich nur noch auf das Ergebnis vorbereiten.

Ziemer: So negativ würde ich es nicht ausdrücken. Aber es ist immer gut, sich die Entwicklung in Megastädten wie Mumbai, Tokio oder Shanghai anzugucken, wo mehr als 10 Millionen Menschen leben. Wir sind in Europa davon natürlich weit von diesen Größenordnungen entfernt, in Hamburg sowieso. Wenn wir die Autos aus der Innenstadt schaffen wollen, dann eher aus CO2-Gründen. Aber trotzdem können wir von Megastädten lernen. Nicht nur bei der Mobilität, auch beim Thema Bildung: Wie können Kinder unterrichtet werden, wenn es keine Schulen gibt? Welche digitalen Tools kann man für den Fernunterricht entwickeln? Das sind Innovationen, die andernorts aus der Not heraus entstehen. Aber es ist interessant, zu schauen, was wir auch bei uns einführen können oder sollten, auch wenn bei uns fast jedes Kind zur Schule geht.

ZEIT Online: Akut zum Umdenken gezwungen werden wir zurzeit durch den Klimawandel. Wie helfen digitale Technologien dabei, diese Krise abzuwenden?

Ziemer: In den City Science Labs arbeiten wir vor allem mit Daten, die wir zum Beispiel an interaktiven Tischen visualisieren. An diesen sogenannten City Scopes kann man Zukunftsszenarien der Stadt modellieren. Also: Was würde passieren, wenn wir in einer Stadt wie Hamburg viel mehr Fahrradwege hätten und dafür viel weniger Autostraßen? Wie würde sich das auf unseren CO2-Ausstoß auswirken? Das kann man messen. In dem Sinne machen wir auch Politikberatung und arbeiten viel mit der Verwaltung zusammen. Es wird politisch immer wichtiger, Daten so darzustellen, dass möglichst viele Leute sie verstehen. Das bringt uns zu den Fakten zurück, weg von Populismus und Ideologie. So fällt es leichter, über konkrete Lösungen zu reden.

ZEIT Online: Ein Versprechen, mit dem digitale Technologien oft beworben werden: Wenn intelligente Programme und Geräte unser Leben managen, brauchen wir uns vielleicht gar nicht einzuschränken und entkommen der Klimakrise trotzdem. Wie sehen Sie das?

Ziemer: Ich glaube schon, dass man mit den richtigen Technologien optimieren kann. Smart Housing ist so ein Beispiel: Wenn in einem Single-Haushalt tagsüber niemand zu Hause ist, ist es schon sinnvoll, wenn die Heizung das registriert und automatisch runterfährt. Dann hängt es nicht von der Person ab, die dort lebt und das womöglich vergisst. Smart-City-Technologie ist im Prinzip dasselbe in Groß. Aber natürlich muss man sich auch fragen, was diese Technologien alles kosten, finanziell und für die Umwelt. Man sieht es an den Elektroautos: Die Herstellung der Batterien ist auch umweltschädlich. Wenn Sie mich persönlich fragen – ich glaube nicht, dass sich die Klimakrise nur mit solchen Technologien aufhalten lässt. Wir müssen uns auch einschränken.