Die Idee entstand im Mai 2018 bei einem Workshop in der Patriotischen Gesellschaft, wo Hamburger gemeinsam überlegten, wie sie die Altstadt lebenswerter machen könnten. "Die Aufenthaltsqualität erhöhen", heißt das in der Sprache der Stadtplaner. Straßen gleich dauerhaft für Autos zu sperren erschien den Vordenkern zu tollkühn, der Widerstand wurde als zu massiv eingeschätzt. Also ein zeitlich begrenztes Experiment. Um zu zeigen, wie das Leben in der Stadt auch aussehen könnte. Im August 2019 schließlich wurden zwei Straßen im Rathausquartier tagsüber für den normalen Autoverkehr gesperrt, diese Woche endet das Experiment. Mario Bloem gehört zu den Initiatoren des Projekts.  

ZEIT ONLINE: Herr Bloem, hat sich das Experiment gelohnt?

Mario Bloem: Es hat sich gelohnt. Das heißt aber nicht, dass wir alles richtig gemacht hätten. Wir mussten mehrfach nachsteuern. Zum Beispiel haben am Anfang viele Privatleute trotz Verbots in den gesperrten Straßen geparkt. 

ZEIT ONLINE: Was haben Sie dagegen unternommen?

Bloem: Wir haben uns an die Zugänge gestellt und die Fahrer über das Parkverbot informiert. Das half auch noch nicht. Als Nächstes haben wir Schranken aufgestellt. Das war dann deutlich genug. 

ZEIT ONLINE: Wie haben die Anlieger die Sperrung aufgenommen? 

Mario Bloem: Wir haben so viel Feedback bekommen wie noch nie. Das Niveau der Antworten ist erstaunlich hoch; viele Leute haben sich hingesetzt und lange Texte geschrieben. Selbst Kritik wurde nicht giftig formuliert. 

ZEIT ONLINE: Das Rathausquartier ist kein Wohnquartier, dort bewegen sich vor allem Touristen und Hamburger, die dort arbeiten. War deshalb die Stimmung ruhiger?

Bloem: Das glaube ich nicht. Eine große Rolle spielte sicherlich, dass täglich jemand von uns für drei Stunden vor Ort war. Wenn etwas nicht funktioniert hat oder jemand unzufrieden war, konnte er uns direkt ansprechen. Das hat sehr viel Spannung rausgenommen. Wir mussten nie ein Auto abschleppen lassen, die Stimmung ist friedlich geblieben. 

ZEIT ONLINE: Die Gastwirte haben sich im Vorfeld eine Steigerung des Umsatzes erhofft. Hat das geklappt?

Bloem: Ich kann nicht in die Kassen gucken. Aber die Gastronomen haben uns berichtet, dass sie noch nie so viele Gäste auf ihren Außenflächen hatten. Die Mittagszeiten haben sich ausgeweitet, die Leute sind länger geblieben. Einige Wirte mussten deshalb sogar neues Personal einstellen.  

ZEIT ONLINE: Sie hatten im Vorfeld Wert darauf gelegt, den öffentlichen Raum nicht zu kommerzialisieren. Es sollten nicht zu viele Events stattfinden. Hat sich das bewährt?

Bloem: Es gab zu Anfang verschiedene Bedenken. Wird es nicht zu leer? Muss der Raum bespielt werden? Meine Position war: erst mal abwarten und dann schrittweise nachlegen, wenn es nötig ist. Mein Fazit ist: Die Menschen genügen sich selbst. Die Mittagspause mit den Kollegen ist für sich schon eine sehr wichtige Zeit, da braucht es nicht auch noch Straßenmusik. Wichtig waren die öffentlichen Sitzgelegenheiten, auf denen man verweilen konnte, ohne etwas zu konsumieren. Davon hätte es noch mehr gegeben können, da haben viele Menschen gesessen und gelesen oder  ihre Butterstulle gegessen. 

ZEIT ONLINE: So viele Menschen waren gar nicht immer auf den Straßen zu sehen …

Bloem: Dazu müssten wir einmal diskutieren, was eine Fußgängerzone auszeichnet. Müssen sich dort unbedingt viele Menschen bewegen oder ist sie auch als Ruheraum und entschleunigter Stadtbereich wertvoll? Reicht es auch schon, wenn die Büronutzer über die Straßen gehen können, ohne Angst haben zu müssen, von einem Auto angefahren zu werden?

ZEIT ONLINE: Welche Faktoren haben Sie unterschätzt?

Bloem: Den privaten Autoverkehr. Der Lieferverkehr, auf den immer alle schimpfen, ist gar nicht so schlimm. Den kann man in drei Stunden locker abwickeln, wenn der private Verkehr nicht die Abladeflächen blockiert. Aber private Fahrer setzen sich gern mal über Regeln hinweg.

ZEIT ONLINE: Angenommen, ein anderes Quartier möchte ein ähnliches Experiment wagen. Was könnten sich die Organisatoren von Ihnen abschauen?

Bloem: Den Ansatz. Wir sind angetreten mit der Haltung: Wir machen ein Experiment. Und nicht: Wir wissen schon alles. Ein Geschäftsquartier ist anders als ein Wohnquartiert, das Rathausquartier anders als Ottensen. Die erste Frage muss lauten: Besteht überhaupt Interesse, das mal auszuprobieren? Und wenn die Leute es wollen, probiert man es in einer begrenzten Zeit einfach mal aus. Dafür sind drei Monate gut. Man muss regelmäßige Feedbackschleifen einbauen und abfragen, was funktioniert. Wir haben das sehr detailliert gemacht: Waren die Sitzmöbel gut? Wie war die Kunst? Es ist wie bei einer Speisekarte, man muss immer gucken, welches Gericht ankommt und welches nicht.