Im vergangen Sommer hat der Hamburger SV beim Verkauf seines Verteidigers Douglas Santos einen Rekord erzielt: Für Santos' Wechel zum russischen Club Zenit Sankt Petersburg nahm der HSV 12 Millionen Euro ein. Diese Summe kann durch erfolgsabhängige Boni bis auf 14 Millionen steigen. Nie zuvor in der Geschichte der zweiten Liga wurde ein Spieler für mehr Geld transferiert als Santos. Um diesen Transfer ist jedoch ein Streit entbrannt, der sogar vor Gericht landen könnte.

Der Berliner Rechtsanwalt Marcus Haase hat den HSV nach dem erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen zur Zahlung einer Vermittlungsprovision von 1,2 Millionen Euro zuzüglich Umsatzsteuer aufgefordert. Diese Rechnung, datiert auf den 19. Juli 2019, hat der HSV bis heute nicht bezahlt. "Ein Anspruch auf Honorar seitens des HSV ist für Herrn Haase weder entstanden noch vereinbart", sagt der HSV-Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann auf Nachfrage der ZEIT.  

Haase schildert den Vorgang anders. "Die HSV-Verantwortlichen haben mich gebeten, einen Abnehmer für Douglas Santos zu suchen, und Leistungen in Auftrag gegeben, die ich dem HSV gegenüber erbracht habe", sagt er. "Daher erwarte ich auch eine Vergütung, über die wir konkret im Vorfeld des Transfers gesprochen haben. Ich habe den HSV anwaltlich zur Zahlung dieser Vergütung auffordern lassen." Das anwaltliche Forderungsschreiben ist dem HSV am Mittwochnachmittag per Fax zugestellt worden. Eine Reaktion darauf steht noch aus. Sollte der HSV weiter bei seiner Haltung bleiben und die Zahlung verweigern, will Haase beim Landgericht Klage gegen den Vorstand des HSV einreichen. 

Fakt ist, dass die Verantwortlichen des Zweitligisten bei der Vermittlung von Douglas Santos tatsächlich mit Haase zusammengearbeitet haben. Der Berliner ist neben seiner Tätigkeit als Anwalt Geschäftsführer der "macospo GmbH", die vor allem auf dem deutschen und brasilianischen Spielermarkt spezialisiert ist. Beim Transfer von Santos hat Haase mit der brasilianischen Agentur "TFM Agency" zusammengearbeitet, die Santos auf ihrer Homepage als ihren Klienten zählt.

Die Rechtsabteilung des HSV wiederum argumentiert, dass Haase der Berater des Spielers sei – und die Vergütungen im Zuge des Transfers daher vom aufnehmenden Verein Zenit Sankt Petersburg erbracht werden müssten. "Der Berater des Spielers Douglas Santos heißt Roberto Dantas", sagt Haase dazu. "Er ist für die Belange des Spielers zuständig. Ich hingegen habe dem HSV das Angebot von Zenit Sankt Petersburg vermittelt und nachverhandelt", sagt Haase. Der HSV habe ihn bereits im Sommer 2018 nach dem erstmaligen Abstieg aus der Bundesliga kontaktiert, um Angebote für Santos einzuholen. Der Spieler und der damalige Sportvorstand Ralf Becker entschieden sich dann aber gegen einen vorzeitigen Wechsel. Santos wollte mithelfen, den Wiederaufstieg zu erreichen.

Nie mehr zweite Liga

Eine zweite Saison in der zweiten Liga kam für den 25-Jährigen aber nicht infrage. Im Februar 2019 wandte sich Sportvorstand Becker erneut an Haase. Der HSV wollte Santos unabhängig vom Ausgang der Saison verkaufen, um mit dem eingenommenen Geld neue Spieler verpflichten zu können. Haase besorgte dem HSV ein Angebot aus Russland. Das bestätigt ein entsprechendes Schreiben, in das die ZEIT Einsicht hatte. 

Der Transfer von Santos hat aber nicht nur zu einem Streit zwischen dem HSV und Haase geführt. Auch intern sorgten die Verhandlungen mit Zenit für Diskussionen. Jonas Boldt, der Nachfolger des im Mai entlassenen Sportvorstandes Becker, war mit dem ursprünglichen Angebot in Höhe von 9 Millionen Euro plus Boni unzufrieden und bestand auf eine Ablösesumme von 15 Millionen. Boldts Eingriff hätte beinahe zum Abbruch der Verhandlungen geführt. Am Ende einigten sich die Clubs auf 12 Millionen Euro als fixe Sofortzahlung, weitere 2 Millionen können beim Erreichen bestimmter sportlicher Ziele hinzukommen. Der HSV hat die Ablöse kurz nach der Einigung am 4. Juli überwiesen bekommen. Haase wartet noch immer auf seine Provision.