Igel sind nachtaktiv und halten Winterschlaf. So viel wissen die meisten Menschen über die Tiere. Doch wenn die stacheligen Insektenfresser auch mal tagsüber oder gar im Winter unterwegs sind, glauben gerade Stadtbewohnerinnen und -bewohner, dass sie helfen müssen. Die Hälfte von ihnen liegt damit falsch. Wie man erkennt, wann ein Igel wirklich nicht allein über den Winter kommt oder tierärztliche Hilfe braucht, erklärt Sven Fraaß vom Hamburger Tierschutzverein von 1841. 

ZEIT ONLINE: Wenn man jetzt auf der Straße einen Igel sitzen sieht, wann sollte man eingreifen?

Sven Fraaß: Erst einmal kommt es darauf an, ob es sich um einen Gefahrenbereich handelt. Der Igel ist ja mit der Überlebensstrategie "ich roll mich zusammen" Jahrmillionen gut gefahren, da kommt kaum jemand an ihn ran. Aber in der Stadt hat er meiner Beobachtung nach gelernt, dass er vielleicht doch größere Chancen hat, wenn er wegläuft, auch wenn ihn das mehr Energie kostet.

Sven Fraaß ist Diplombiologe und seit 1999 beim Hamburger Tierschutzverein von 1841. Dort war er auch im Notdienst in der Tieraufnahme und Erstversorgung aktiv. © privat

ZEIT ONLINE: Wenn also mitten in Hamburg-Eimsbüttel ein kleiner Igel nachts auf dem Radweg sitzt und sich weder einrollt noch mit gutem Zureden und Anstupsen zum Abhauen zu überreden ist, sollte man tätig werden?

Fraaß: Dann stimmt tatsächlich etwas nicht. Ein junger, unbedarfter Igel wird nicht so schnell panisch wegrennen, aber er sollte sich zusammenrollen oder wenigstens fauchen, wenn man ihm zu nahekommt oder ihn gar anstupst. Er muss eine Reaktion zeigen. Gerade die Unterseite ist wie bei allen Lebewesen der gefährdetste Bereich, da würde ein Igel sich nicht einfach anfassen lassen.

ZEIT ONLINE: Darf man einen Igel hochheben, um ihn sich genauer anzusehen?

Fraaß: Dazu müsste man Fakirhände haben. Der Igel ist ein Bodentier, der hat auch Parasiten, und wenn er Sie piekst, kann sich die Wunde durch den Schmutz eher infizieren. Oder Sie lassen ihn fallen. Nehmen Sie ihn lieber mit dicken Bauhandschuhen auf oder mit einer Decke. Bei einem Handtuch sollte man aufpassen, dass er darin nicht mit seinen Stacheln oder Krallen hängen bleibt.

ZEIT ONLINE: Wie transportiert man Igel am besten?

Fraaß: Am besten dunkel, warm und ruhig. Ein abgedeckter Karton ist immer gut, vielleicht mit Küchenpapier drin, damit er nicht hängen bleibt. Man sollte ihn warmhalten, aber nicht die ganze Zeit schützend an sich drücken!


ZEIT ONLINE: Also lieber nicht unter den Pullover stecken?

Fraaß: Wenn es ein geschwächter Igel ist, braucht er schon ein bisschen mehr Temperaturzufuhr, aber besser mit einer Decke auf dem Karton oder ihn ins warme Auto setzen. Aber auf keinen Fall direkt vor die Heizung stellen. Einmal bekamen wir einen Igel, der auf eine heiße Wärmflasche gelegt worden war. Und beim Transport auch ja nicht gut zureden! Manchmal bringen uns Menschen Igel und erzählen: "Ja, und dann hab' ich ihm gut zugesprochen!" Aber das kann bei Kleintieren ein Todesurteil sein, die können vor Panik sterben! Ein Tier muss zur Ruhe kommen.

ZEIT ONLINE: Ab welchen Außentemperaturen muss man sich denn Sorgen um die Igel machen?

Fraaß: Im Oktober ist es nicht ungewöhnlich, dass man draußen noch Igel sieht. Unter dem Laub finden sie immer noch Würmer, Schnecken und Asseln. Im Prinzip finden Igel sogar noch im Winter etwas zu fressen, solange es nicht mehrere Tage hindurch eine geschlossene Schneedecke oder Frost gibt. Aber wenn es tiefster Dezember ist, und der Igel nur 300 Gramm wiegt, dann bitte zu uns bringen!

ZEIT ONLINE: Wie erkennt man das auf der Straße ohne Küchenwaage?

Fraaß: Das kann man bei Igeln ganz gut sehen! Wenn er zu dünn ist, ist der Kopf abgesetzt, dann gibt es eine Nackenfurche. Selbst wenn er zusammengerollt ist, kann man manchmal die Schultern oder die Hüftknochen sehen. Aber man sollte auch gucken: Wie fit ist der Igel und wie ist die Witterung? Um über den Winter zu kommen, braucht er 500 Gramm, 700 Gramm sind noch sicherer. Wenn es ein sehr milder Winter in der Stadt ist, wo er immer noch etwas zu fressen findet, dann können auch 300 Gramm genügen.

ZEIT ONLINE: Was darf man ihm als erste Notration geben, wenn er eindeutig unterernährt ist?

Fraaß: Bloß keine Milch! Davon bekommt er starke Durchfälle. Auch keine rohen Eier oder rohes Hack! Mit einer Pfütze Wasser kann man ihm schon Gutes tun, außer, er ist zu schwach und kann die Nase nicht aus der Schüssel heben. Zur Not ginge ein bisschen Avocado, Banane, ein mehliger Apfel oder sogar Katzendosenfutter.

ZEIT ONLINE: Stimmt es, dass jede Polizeidienststelle Igel annehmen muss?

Fraaß: Sie müssen es nicht, aber in Hamburg ist es Usus, dass die Polizei alle Wildtiere aufnimmt. Leider gibt es einige Beamte und Beamtinnen, die sich weigern. Andere wiederum bringen sie sogar zu uns. In den meisten Dienststellen steht dafür ein Metallkäfig mit einer weichen Unterlage bereit.

ZEIT ONLINE: Wie viele Tiere werden pro Jahr bei Ihnen abgegeben?

Fraaß: 2018 sind 329 Tiere zu uns gekommen, 2015 waren es sogar 448. In härteren Wintern haben die Leute eher Sorge um die Igel. Im September und Oktober sind die Zahlen höher als sonst, da die Menschen glauben, dass der Igel schon populationsübergreifend im Winterschlaf zu sein hat. Aber die Igel gehen schlafen, wenn sie fett genug sind. Die Igelfrau muss erst einmal den Nachwuchs großziehen. Der Igelmann ist deshalb schneller fett und dadurch für das körperliche Signal bereit, dass es jetzt Zeit für Ruhe ist. Die Jungigel sieht man tatsächlich bei frühem Schnee noch gesund und munter herumlaufen.

ZEIT ONLINE: Von wo kamen die meisten Tiere?

Fraaß: Eigentlich aus ganz Hamburg, aber je großstädtischer die Menschen leben, desto eher neigen sie dazu einzugreifen. Im Prinzip wird jedes zweite Wildtier voreiligerweise zu uns gebracht. Deshalb sagen wir: Im Zweifel nicht mitnehmen, sondern in der Natur belassen!

ZEIT ONLINE: Den größten Gefallen kann man Igeln ja mit viel Laub im Garten machen. In Hamburgs Parks sieht man aber keine Laubhaufen. Haben Sie dazu schon einmal mit der Stadtreinigung gesprochen?

Fraaß: Wir haben zumindest einmal unsere Fachmeinung geäußert. Die Stadt weiß Bescheid. Aber bei Menschen mit Privatgärten haben wir mehr Aussicht auf Erfolg. Dort soll es am besten ein bisschen unordentlich aussehen. Ein schöner großer Laubhaufen sorgt für ein warmes Mikroklima darin, da überwintern auch Insekten. In einem Holzhaufen mit Laub kann der Igel den ganzen Winter verbringen. Aber der deutsche Klischeeschrebergarten ist jedenfalls kein Igelparadies.