Die Show ist vorbei. Der letzte Vorhang ist gefallen. Ein letztes Mal Sonnenbrille, Schlips, Ansprachen an die Zuschauer. Michael Jauernik hat keine Bühne mehr. Der 71-Jährige wird sein weiteres Leben hinter Gittern verbringen, weggeschlossen für zwölfeinhalb Jahre. Danach kommt der Serienbankräuber zur Sicherungsverwahrung in die forensische Psychiatrie. Er sei eine Gefahr für die Allgemeinheit, sagt die Vorsitzende Richterin der Landgerichtskammer.

Jauerniks Auftritt vor dem Landgericht, wo er wegen drei Banküberfällen und versuchten Mordes auf der Anklagebank saß, war eine Zumutung. Das darf man so sagen, denn ein Angeklagter darf eine Zumutung sein. Ein Gericht muss auch Nerver aushalten und anhören, sonst setzt es sich der Gefahr der Befangenheit aus. Jauernik hat das bis zur Grenze des Erträglichen ausgereizt. Befangenheitsanträge in fast jeder Sitzung. Reden vor dem Publikum. Und zuletzt: fünf Tage Epilog im sogenannten letzten Wort. Die Kammer hat ihm lange zugehört, mit gelegentlichen Ermahnungen und viel Geduld. Ganz zum Schluss erst, nach fünf Tagen letztem Wort, hat sie ihm dann doch das Mikrofon wegen andauernder Wiederholungsschleifen abgestellt.

Im Urteil hält die Vorsitzende Richterin dem Angeklagten vor, dass er die Verbrechen, für die er nun ins Gefängnis kommt, im Prozess zum Randthema gemacht habe. Jauernik habe sich fortwährend selbst inszeniert. Er sei ein Überzeugungstäter, halte Banküberfälle gar für ehrenhaft. Deshalb auch die Sicherungsverwahrung: "Sie haben einen Hang zu erheblichen Straftaten," sagt sie.

Der angeschossene Mitarbeiter? Selbst schuld

Seit seiner späten Jugend hatte der heute 71-Jährige immer wieder Banken überfallen. Er hat dafür schon über 13 Jahre in Haft verbracht. Und trotzdem zog er sich auch vor zwei Jahren wieder eine Strumpfmaske über, stürmte mit einer Pistole in die Haspa-Filiale in der Altonaer Holstenstrasse – und drückte diesmal ab, deshalb jetzt die Verurteilung wegen versuchten Mordes. Jauernik schoss einem Schaltermitarbeiter in den Bauch, die Geldübergabe ging ihm nicht schnell genug. Dieser Schuss "war wie ein Abschiedsgruß", sagte der Haspa-Mitarbeiter Mitte Juli als Zeuge vor Gericht. Er hat nach einer Notoperation überlebt.

Der psychiatrische Sachverständige hat dem Angeklagten eine narzisstische Störung attestiert. Dieser Narzissmus zeigt sich auch darin, dass Jauernik die Welt nur von seinem eigenen Standpunkt aus betrachten kann. Seine Banküberfälle und auch den Schuss hat er gestanden. Er beschreibt seine Taten aber so, als folge ein Bankraub festen Regeln, und wer sich nicht daran halte, sei selber schuld. Bankmitarbeiter würden darauf geschult, dass sie dem Räuber das Geld unverzüglich aushändigen, um niemanden in Gefahr zu bringen, belehrte Jauernik das Gericht in seiner Einlassung  zu Beginn des Prozesses. Dieser Altonaer Haspa-Mitarbeiter aber habe gezögert, als Jauernik seine Pistole auf die Belegschaft hinter dem Kassenschalter richtete. Damit habe er den Bauchschuss selbst provoziert.

Am 15. Juli sitzt der Haspa-Mitarbeiter vor ihm auf der Zeugenbank in Saal 138 des Landgerichts. Ein Mittvierziger, der beeindruckend ruhig dafür ist, dass er einen Mordversuch überlebte. Als er fertig ist, ergreift Jauernik das Wort. Alle erwarten eine Entschuldigung. Doch der Angeklagte stellt eine Frage. "Sie wissen schon, dass Sie das hätten verhindern können, oder?", will er wissen. Es ist einer der Momente, in denen die Vorsitzende Richterin den Angeklagten dann doch einmal mit entschiedener Geste stoppt. "So etwas," sagt sie, "braucht sich hier niemand anzuhören."

1990 führte Jauernik eine Gefangenenrevolte an

In der Urteilsbegründung erinnert die Richterin an solche Szenen. Der Angeklagte habe keine Reue gezeigt, hält sie ihm vor. Es sei offenkundig, dass er schwer persönlichkeitsgestört sei. "Um das zu erkennen," so die Richterin, "hätten wir nicht einmal einen psychiatrischen Sachverständigen gebraucht." 

Jauernik ist in der Hamburger Justiz schon lange bekannt. Seit den 80er-Jahren saß er viele Jahre im Gefängnis. Im Fuhlsbütteler Männerknast Santa Fu hatte er im Mai 1990 eine Gefangenenrevolte angeführt. Die Fotos aus der damaligen Zeit zeigen zwei Insassen auf dem Dach der Haftanstalt. Einer von ihnen ist Jauernik. Anschliessend verlegte er sich auf andere Methoden der Rebellion. Er las Gesetzesbücher plagte die Justiz fortan mit Schriftsätzen, Anträgen und Klagen. Teilweise durchaus mit Erfolg. Selbst vor dem Bundesverfassungsgericht hat er gewonnen.

Darauf ist er stolz. "Ich bin derjenige, der die meisten Verfassungsbeschwerden vor dem Bundesverfassungsgericht gewonnen hat," ruft er den Zuschauern vor der Urteilsverkündung zu. Die Vorsitzende Richterin greift das in ihrer Urteilsverkündung auf. "Sie verkennen, dass Sie hier nicht sitzen, weil Sie der Justizfeind Nr. 1 sind,", sagt sie. "Sie sind hier, weil Sie drei Banküberfälle begangen und einen Mann angeschossen haben."