Seit die Pianistin Ragna Schirmer als Teenager auf Clara Schumann aufmerksam wurde, spielt die berühmte Kollegin in ihrem Leben eine besondere Rolle. Clara Schumanns Geburtstag jährt sich in diesem Jahr zum 200. Mal – ein Anlass, den Ragna Schirmer für ein ungewöhnliches Projekt nutzt: Im Schumann-Archiv in Zwickau fand sie Hunderte Programmzettel der Pianistin. Nun reist sie in die Städte, in denen Clara Schumann spielte, und führt die historischen Konzerte ein weiteres Mal auf.  Am Freitag, 4. Oktober, spielt sie – zusammen mit Pia Davilla (Sopran) und Florian Sievers (Tenor) – im Kleinen Saal der Elbphilharmonie das Programm eines Konzerts, das Clara Schumann am 27. März 1878 in Hamburg gab. 

ZEIT ONLINE: Frau Schirmer, mochte Clara Schumann Hamburg?

Ragna Schirmer: Clara hat sehr oft und gerne in Hamburg gespielt, insgesamt 55-mal. Sie hat Hamburg auf Reisen in skandinavische Länder als Zwischenstation genutzt. Später reiste sie aber auch gezielt hierher, weil sie mit Johannes Brahms sehr gut befreundet war.

ZEIT ONLINE: Saß Brahms am 27. März 1878 im Publikum?

Schirmer: Nein, er war nicht da – ich konnte auch nicht herausfinden, ob er an dem Tag überhaupt in Hamburg war.

Clara Schumann, geboren am 13. September 1819 in Leipzig, gestorben am 20. Mai 1896 in Frankfurt am Main © dpa

ZEIT ONLINE: Sie gastieren in der Elbphilharmonie mit einem Programm, das Clara Schumann 1878 im Hamburger Conventgarten spielte. Wenn Sie die Auswahl aus 55 Programmen hatten: Warum haben Sie sich ausgerechnet für dieses entschieden?  

Schirmer: Zum einen, weil es mit einer relativ kleinen Besetzung auskommt: zwei Sänger, dazu ich als Pianistin, mehr nicht. Sehr viele Konzerte damals hatten riesige Besetzungen – Orchester, Chor, Solisten, oft noch ein Streichquartett. Das zu realisieren wäre schwierig geworden. Aber auch das Programm selbst ist sehr reizvoll: Es gibt mehrere Duette, Einzellieder und natürlich große Klaviersoloeinlagen. Wir wissen sogar, auf welchem Flügel Clara spielte, weil sie das notiert hat.

ZEIT ONLINE: Was ist das für ein Instrument?

Schirmer: Ein Grotrian-Helfferich-Schulz. Ich besitze ein baugleiches Instrument, das identisch aussieht, aus derselben Zeit stammt und auch so klingt wie das Instrument, auf dem Clara damals gespielt hat.  

ZEIT ONLINE: Kein normaler Konzertflügel also?

Schirmer: Der Klang ist etwas weicher, nicht ganz so hell und brillant wie bei heutigen Instrumenten. Außerdem klingt die Mittellage wärmer und präsenter. Nach unserem heutigen Klangideal sind eher der Bass und die hohen Register dominant, die mittleren Töne treten eher zurück. Claras Lebzeiten sind für den Klavierbau spannende Jahre – bis 1850 wurden Flügel ganz und gar aus Holz gebaut. Man konnte die Saiten also nicht so stark spannen wie heute, weil sonst der Rahmen gerissen wäre. Deshalb klangen die Flügel eher zarter. Man wollte aber natürlich große Säle füllen – der Hamburger Conventgarten hatte über 1.000 Plätze. Darum wurde im Klavierbau die Gusseisenplatte entwickelt, der Druck auf die Saiten wurde erhöht, was den Klang brillanter machte – das kam Clara natürlich sehr zupass.

ZEIT ONLINE: Was reizt Sie daran, das Konzert von damals zu rekonstruieren?

Schirmer: Clara war die berühmteste Pianistin des 19. Jahrhunderts, ihre Biografie faszinierend – nicht zuletzt durch die Konstellation mit ihrem komponierenden Mann. Ihr war aber sehr bewusst, dass der Ruhm einer Interpretin vergänglich ist. Ein Komponist bleibt berühmt, solange seine Werke gespielt werden. Nach Clara Schumann aber würden andere Pianistinnen dieselben Werke einfach wieder spielen. Insofern ist es mich als Pianistin spannend, diese besondere Pianistin zu ehren. Die schöpferische Kraft bei Clara ist die Gestaltung, die Architektur der Programme. Bei diesem Konzert in Hamburg beginnt sie mit der Waldsteinsonate, dem Stück, für das auch das Publikum die größte Konzentration braucht.

ZEIT ONLINE: Das würde man heute anders machen.

Schirmer: Oh ja. Wenn das Konzert um 19.30 Uhr beginnt, können wir ja davon ausgehen, dass einzelne Konzertbesucher noch um 19.27 Uhr einen Parkplatz gesucht und um 19.28 Uhr zwei E-Mails geschrieben haben – die Zuhörer sind um 19.30 Uhr noch gar nicht richtig da. Deshalb setzt man heute an den Anfang der Programme eher Stücke, die versammelnden und beruhigenden Charakter haben. So habe ich hoffentlich nach der Hälfte des ersten Teils einen gemeinsamen Atem im Saal und kann im zweiten Teil dann die großen Werke spielen, die kollektive Konzentration verlangen.

ZEIT ONLINE: Diese Umstände waren natürlich vor 150 Jahren anders.

Schirmer: Wir wissen, dass die Konzertkarten unfassbar teuer gewesen sein müssen – Clara generierte ihre Einkünfte nur über die Eintrittsgelder; von einer einmonatigen Konzerttournee konnte sie einmal drei Jahre lang Miete zahlen, wie sie schreibt. Das heißt: Die Menschen, die ins Konzert gingen, hatten sich dafür aufwendig zurechtgemacht, wurden zum Konzertsaal gebracht, hatten vielleicht noch eine Stunde flaniert und haben Konversation betrieben. Sie waren, wenn das Konzert begann, in voller Konzentration – und die konnte man dann mit der Waldsteinsonate auch gleich in Anspruch nehmen. Die "leichteren" Stücke kamen erst danach. Ich sehe das auch an den Programmen der Orchesterkonzerte mit Clara: Da steht die große Sinfonie am Anfang. Und am Ende des Abends kam die Ouvertüre.