Die Mutter ist wieder schwanger. Im Februar erwartet sie ihr nächstes Kind. Wenn es ein Junge wird, soll er Mohamed heißen – so wie das Baby, das sie verhungern ließ. Dieser Mohamed wurde nur zehn Wochen alt. Dann starb er. Ausgemergelt, dehydriert, mit faltigem Greisengesicht.

Das Hamburger Landgericht hat die Eltern zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Es sprach sie des Totschlags durch Unterlassen schuldig. Ein schwieriges Urteil, das sich die Kammer nicht leicht gemacht habe, wie der Vorsitzende Richter sagt. Schwierig, weil darin nicht nur die Schuld der Eltern zu bemessen war. Sondern auch die weitreichenden Folgen, die eine Gefängnisstrafe mit sich gebracht hätte. Die Eltern haben nämlich noch sechs weitere Kinder. Die hätten dann wohl in Pflegefamilien gemusst. "Die Kinder hätten unverschuldet unter dem krassen Fürsorgeversagen ihrer Eltern zu leiden gehabt", so der Richter. Jetzt bleiben sie in der Familie.

Alles ist widersprüchlich in dieser Familie. Die Eltern haben ihr Baby verhungern lassen. Unvorstellbar grausam. Aber als der Vater nach Mohameds Tod den Notruf rief, schluchzte er verzweifelt und laut. Oder die anderen Kinder: Laut dem Jugendamt sind sie gesundheitlich in guter Verfassung, Spuren von Vernachlässigung oder Verwahrlosung gibt es äußerlich nicht. In der Schule gelten sie aber als lernverzögert und verhaltensauffällig. Kann das nicht auch Symptom einer Vernachlässigung sein? Auch das emotionale Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern befremdet. Die Mutter hat vor Gericht – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – offenbar von Wunschkindern gesprochen. Aber als sie Mohamed vor zwei Jahren morgens tot in seinem Bett fand, weckte sie ihren Mann mit den Worten: "Dein Sohn ist tot." Dein Sohn. Viermal spricht der Richter dieses Zitat in der Urteilsbegründung aus. So fassungslos ist er über die Distanz, die daraus spricht.