Glitzerndes Gold ist die Farbe des Netzwerks "Die Vielen". Deutschlandweit haben sich Kulturinstitutionen zusammengeschlossen, um ein Zeichen für Vielfalt und Diversität zu setzen. Allein in Hamburg unterzeichneten mehr als 250 Museen, Theater, Musikfestivals, Kinos und andere kreative Organisationen die "Erklärung der Vielen". "Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung sind Alltag. Die extreme Rechte ist ein Symptom davon. Dieses Bündnis will nicht nur Symptome bekämpfen, sondern in die Tiefe wirken. Wir setzen uns deswegen mit den eigenen Strukturen auseinander und stellen diese zur Verhandlung", heißt es in dem Manifest, das vor einem Jahr aufgesetzt wurde. Was das Netzwerk seitdem getan hat und warum ein solches Bündnis wichtig ist, erklärt Anne Sonnenfroh. Sie ist Referentin der Intendanz am Ernst-Deutsch-Theaters leitet dort das Künstlerische Betriebsbüro und engagiert sich bei "Die Vielen".

ZEIT ONLINE: Wie merken Sie als Kulturschaffende den wachsenden Einfluss von rechts?

Anne Sonnenfroh: Museen, Theater und Kulturzentren erhalten Hassmails, zum Teil sogar mit Morddrohungen. Die AfD stellt Anfragen in der Bürgerschaft, bei denen man merkt, dass sie auf bestimmte Themen abzielen. Da geht es zum Beispiel um die Förderung der interkulturellen Kunstszene oder warum bestimmte Bücher von rechtspopulistischen Autoren nicht mehr im Bestand der Bücherhallen sind. Das sind nur zwei Beispiele. 

ZEIT ONLINE: Was tun Sie bei "Die Vielen" gegen diese Stimmung?

Sonnenfroh: Erst einmal geht es darum, dass wir eben zeigen, dass wir viele sind und an einem Strang gegen rechts ziehen. Das Netzwerk gibt es inzwischen in mehr als 30 Städten und Regionen in Deutschland. In Hamburg haben 257 Kulturinstitutionen und Einzelpersonen eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet. Damit wollen wir ein Zeichen für Vielfalt, Toleranz und Solidarität setzen.

ZEIT ONLINE: Ist so ein Manifest nicht vor allem Symbolpolitik?

Sonnenfroh: Die einzelnen Punkte der Erklärung sind vielleicht eine Selbstverständlichkeit, aber man vergisst sie im Alltag leicht. Wenn man so einen Text formuliert und aufschreibt, bewirkt das eine Reflektion. Wir machen unsere Motive sichtbar – nach innen und nach außen. Die Freiheit der Kunst war lange selbstverständlich, jetzt steht sie auf dem Spiel. Das verdeutlicht so ein Manifest.

ZEIT ONLINE: Die einzelnen Städte und Regionen haben jeweils eigene Manifeste. Hätte eine gemeinsame Erklärung nicht mehr Schlagkraft?

Sonnenfroh: Die Kulturlandschaft ist regional unterschiedlich, das zeigt sich auch in den Erklärungen. Der ursprüngliche Text kommt aus Berlin. Wir haben uns vor einem Jahr auf Kampnagel getroffen und das Manifest für Hamburg formuliert. Wir sind den Text Satz für Satz durchgegangen und haben zum Beispiel den elf Selbstverpflichtungen noch einen zwölften Punkt hinzugefügt. Darin verpflichten wir uns zur Stärkung der Diversität im eigenen Arbeitsumfeld.

ZEIT ONLINE: Wie schwer war es, all diese Kulturbetriebe zusammenzubekommen?

Sonnenfroh: Amelie Deuflhard, die Intendantin von Kampnagel, hat die Idee aus Berlin in Hamburg aufgegriffen. Sie ist quasi die Initiatorin hier. Ihr Aufruf ist sofort auf nahrhaften Boden gefallen. Schon bei der Auftaktveranstaltung waren viele Kulturinstitutionen mit ihren Leitungen vertreten.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch welche, die nicht mitmachen?

Sonnenfroh: Wir sind ein offenes Bündnis, das kontrolliert niemand. Die Liste der Unterzeichner*innen lässt sich auf der Website einsehen. Ich kann mich aber nicht an Kritik erinnern. Es gab nur Zustimmung.

ZEIT ONLINE: Warum ist es überhaupt wichtig, dass sich Kulturbetriebe politisch positionieren?

Sonnenfroh: Kunst und Kultur brechen vorhandene Denkschemata auf und stehen in der Tradition der Aufklärung. Kulturinstitutionen positionieren sich mit ihren Werken automatisch – oft auch in politischer Hinsicht. Aktuell ist das eben besonders nötig, weil die Rechtspopulisten versuchen, die Deutungshoheit von Kunst an sich zu reißen. Dabei ist Kunstfreiheit in der Verfassung verankert.

ZEIT ONLINE: Das klingt sehr theoretisch. Wie sieht die Arbeit von "Die Vielen" konkret aus?

Sonnenfroh: Wir treffen uns in Hamburg einmal im Quartal für ein offenes Netzwerktreffen. Im Mai haben wir uns mit einem goldenen Wagen bei der Demo "Ein Europa für alle" beteiligt. Außerdem gab es im Laufe des Jahres in den verschiedenen Häusern Veranstaltung wie Workshops und Podiumsdiskussionen, die im Rahmen des Netzwerks stattfanden. Für nächsten Mai sind zwei deutschlandweite Aktionstage geplant. Daneben geht es aber auch darum, das Selbstverständnis des Netzwerks in den Kulturinstitutionen zu verbreiten.

ZEIT ONLINE: Wie machen Sie das?

Sonnenfroh: Wir haben im Ernst-Deutsch-Theater zum Beispiel ein Leitbild veröffentlicht und im Foyer ausgehängt. Unsere Spielzeit steht unter dem Motto "Vielfalt". Außerdem gab es Workshops für die Mitarbeiterschaft, etwa zum Thema Diversität. Ähnliche Angebot haben auch andere Häuser und Institutionen umgesetzt.

ZEIT ONLINE: Heute Abend feiert das Netzwerk einjährige Bestehen. Was steht dabei im Fokus?

Sonnenfroh: Es geht um den Austausch untereinander, aber auch darum, die Problematik sichtbar zu machen. Die Veranstaltung ist – wie übrigens auch alle unsere Netzwerktreffen – öffentlich. Der Kultursenator Carsten Brosda hält eine Ansprache und wir haben eine Podiumsveranstaltung, bei der Kulturschaffende aus allen Sparten über ihre persönlichen Erfahrungen berichten, zum Beispiel Dan Thy Nguyen, Kurator am Eidelstedter Bürgerhaus. Er wird darüber sprechen, wie es ist, als Person angegriffen zu werden. Es stärkt einem den Rücken, wenn man weiß, dass man in so einer Situation nicht allein ist. Auch dafür ist ein Netzwerk gut.