Félice Gritti © Maria Feck

Liebe Leserin, lieber Leser,

jetzt ist es so weit, es wird wieder besinnlich: Seit gestern laufen am Rathaus die Aufbauarbeiten für den Weihnachtsmarkt. Es gibt im Deutschen ein, wie ich finde, sehr schönes Wort, es lautet "Budenzauber". Laut Duden bezeichnet es unter anderem den "traumhaft-unwirklichen Effekt", den ein Weihnachtsmarkt erzeugt: all die Lichter, all die Glöckchen, Sie wissen schon.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Duden richtigliegt. Bei mir jedenfalls entsteht der traumhaft-unwirkliche Effekt eher im Kopf als in der Wirklichkeit: Tatsächlich freue ich mich jedes Jahr wieder auf den Weihnachtsmarkt, jedes Jahr wieder stelle ich mir das sehr schön vor.

Es ist dann bloß immer ein bisschen anders als in meiner Vorstellung. Wenn ich zehn Minuten in der Glühweinschlange schlottere, mich kurz über die Preise erschrecke, dann doch verhältnismäßig viel Geld für ein nur mittelmäßig heißes Getränk ausgebe, mich anschließend in eine ruhige Ecke rette und dort schließlich die feuchte Kälte aus dem Rindenmulch (noch so ein schönes Wort!) durch meine Schuhsohle kriechen spüre, bin ich ungefähr so besinnlich wie auf dem Hafengeburtstag.

Ich hoffe, dass es Ihnen anders geht und Sie den Weihnachtsmarkt genießen können. In zwei Wochen geht es los, allerdings mit ein bisschen weniger Zauberei als in den vorigen Jahren: Diesmal wird kein Weihnachtsmann mit Schlitten über den Rathausmarkt schweben. Schuld ist eine Baustelle an der Rathauspassage.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihr Félice Gritti

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Aktuelles

Internetprovider sollen rechtsextreme Äußerungen melden

Im Kampf gegen Rechtsextremismus will Hamburg Internetanbieter stärker in die Pflicht nehmen. Die Provider sollen helfen, rechtsextreme Strukturen aufzudecken, indem sie Nutzerdaten an die Ermittlungsbehörden weitergeben. "Wenn ich Hasskriminalität intensiver bekämpfen will, dann bedeutet das auch die Verpflichtung der Provider und Plattformanbieter, strafrechtlich relevante Inhalte auszuleiten und den Sicherheitsbehörden zur Verfügung zu stellen, auch mit der IP-Adresse", erklärte Innensenator Andy Grote (SPD) nach der Konferenz der norddeutschen Innenminister am Montag in Hamburg. Grote zufolge berichtete der Präsident des Bundeskriminalamts Holger Münch auf der Konferenz von einer "demokratiegefährdenden Bedrohungslage". Die Eskalation von rechtsextremen Äußerungen im Netz leiste dabei auch Gewalttaten Vorschub, sagte Grote. Den aktuellen Verfassungsschutzberichten zufolge hat die rechtsextreme Szene in allen norddeutschen Bundesländern stagniert oder ist geschrumpft – außer in Hamburg. Das Landesamt für Verfassungsschutz geht derzeit von 340 Rechtsextremisten aus, das sind 20 mehr als im Vorjahr. Bei der Zahl der rechtsextremen Gewalttaten verzeichneten die Behörden dagegen einen Rückgang von 15 auf 11 Delikte.

In einem Satz

Ein Unbekannter hat in der Nacht zu Montag eine tote Frau vor einem Bramfelder Wohnhaus abgelegt, Hinweise auf ein Gewaltverbrechen fand die Polizei jedoch nicht +++ Da die Universität Hamburg ihn nicht hereinlassen wollte, sprach der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner am Montag vor dem Uni-Gebäude, wobei er mehr Debatten mit Politikern in den Hochschulen forderte +++ Nach Misshandlungsvorwürfen hat das umstrittene Tierversuchslabor LPT dem Landkreis Harburg zufolge 76 Affen in die Niederlande zurückgebracht +++ Das Atomkraftwerk Brokdorf soll wegen Reparaturen am Kühlwasserauslaufbauwerk vom 17. November an für fünf Tage vom Netz genommen werden +++ Der Unternehmensverband der Groß- und Außenhändler verzeichnet eine Stagnation, nur ein Viertel der Mitglieder im Norden rechnet noch mit einem Umsatzplus bis März 2020

Sie schwärmt, sie stichelt: Wie Katharina Fegebank in den Wahlkampf zieht

© Bertold Fabricius

Sie könnte im kommenden Februar als erste Frau in der Stadtgeschichte zur Ersten Bürgermeisterin gewählt werden – und damit auch die erste Grüne sein, die Hamburg regiert. Wie will Katharina Fegebank ihr Ziel erreichen? Unser Redakteur Frank Drieschner kennt die 42-Jährige seit vielen Jahren, er hat ihren Auftritt auf dem Parteitag Ende September beobachtet und sich lange mit ihr unterhalten. Am Wochenende nun haben die Grünen ihre Landesliste für die Bürgerschaftswahl beschlossen und Fegebank mit knapp 97 Prozent auf Platz eins gewählt. Gestern lobte sogar Alt-Bürgermeister Ole von Beust (CDU) die Spitzenkandidatin: "Wenn man Bürgermeister ist, muss man auf die Menschen zugehen können und auch den Eindruck vermitteln, dass man emotional für die Menschen da ist. Ich glaube, das kann sie gut." In der aktuellen Ausgabe der ZEIT:Hamburg schildert Drieschner seine Eindrücke von Fegebank in einem Porträt, das sie als Überfliegerin darstellt. Warum das nicht nur positiv ist, lesen Sie hier.

Was heute auf der Agenda steht

Bürgermeister Peter Tschentscher, Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (beide SPD) und Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) stellen auf der Landespressekonferenz einen Senatsbeschluss zum neuen Stadtteil Grasbrook vor +++ Am Amtsgericht Harburg beginnt der Prozess gegen eine 61-Jährige, die Hakenkreuze an Häuser in Wilstorf, Rönneburg und Langenbek gesprüht haben soll +++ Die wissenschaftspolitischen Sprecher der Fraktionen von SPD, Grünen, CDU, Linken und FDP diskutieren um 18 Uhr im Curiohaus über den Koalitionsvertrag und Beschäftigungsbedingungen an Hochschulen

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Die Stadtführerin

Eine meiner liebsten Touren führt durch St. Georg. Start am Hotel Reichshof, Ende am Hansaplatz. Beides ist so nah beieinander und doch so unterschiedlich. Am Reichshof schwärmen die Gäste noch: "Oh wie toll, das ist aber schön." Am Hansaplatz fragen sie mich dann, ob ich sie nicht vielleicht doch noch mal eben zurück zum Bahnhof begleiten könnte.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

"Der Mietpreis ist nur ein Indikator"

© flinte&korn

Weg mit der Mietpreisbremse, dafür mehr neue Wohnungen: Das fordert die Initiative IMSWB, in der sich mehrere privatwirtschaftliche Wohnungsunternehmen zusammengeschlossen haben. Wie sie sich Lösungen für eine sozial gerechte Wohnraumversorgung vorstellen, erläutert ihr Sprecher Hauke Wagner im Interview.

Elbvertiefung: Wenn die Mietpreise nicht mehr reguliert werden sollen, wie sollen Bestandsmieter dann geschützt werden?

Hauke Wagner: Die Initiatoren haben den Eindruck, dass die jetzige Art der Regulierung am eigentlichen Thema vorbeigeht. Die soziale Erhaltensverordnung etwa wirkt sich als Hemmnis für Investitionen aus. Am Ende verändert das den Markt innerhalb eines bestimmten Gebiets so, dass der Bestandshalter an zahlungskräftige Bewerber vermieten muss, weil die Margen so eng sind.

EV: Das ist aus Sicht eines renditeorientierten Unternehmens nachvollziehbar – aber wie soll bezahlbarer Wohnraum erhalten bleiben?

Wagner: Wir haben folgenden Lösungsvorschlag: einen Drittelmix auch für den Bestand, also auch hier jeweils ein Drittel Eigentum, frei vermieteten und öffentlich geförderten Wohnraum. Damit würde man den Vermietern abringen, zum Teil weniger bonitätsstarke Mieter anzunehmen – weil sie wichtig sind für die kulturelle Zusammensetzung des Quartiers.

EV: Das heißt also konkret: Eigentumswohnungen sollen künftig als freie Mietwohnungen oder Sozialwohnungen angeboten werden?

Wagner: Die Kampagne ist noch ganz am Anfang. Aber die Idee ist, dass bei Kauf einer Bestandsimmobilie der Vermieter verpflichtet wird, auch ein Drittel Mieter mit Bezugsberechtigungsschein anzunehmen.

EV: Die Initiative sagt: Die Mietpreisbremse gehört abgeschafft, weil sie nicht wirkt. Aber sollte eine Bremse, die nicht greift, nicht eher repariert werden?

Wagner: Der Mietpreis ist kein Instrument zur Regulierung, er ist nur ein Indikator für Angebot und Nachfrage. Er zeigt eine Entwicklung an, die vorher stattgefunden hat: eine gestiegene Nachfrage.

EV: Was schlägt die Initiative denn vor, um der Wohnungsknappheit zu begegnen?

Wagner: Wir brauchen viel mehr Wohnungsneubau. Dann geht der Mietpreis auch wieder runter.

EV: Laut Statistik sind die Durchschnittsmieten in Hamburg seit 2011 deutlich gestiegen – trotz Wohnungsbauinitiative.

Wagner: Wir haben ja immer noch mehr Zuzug, als wir neue Wohnungen bieten können. Eine Stabilisierung kriegen wir hin, wenn wir den Überhang an Nachfrage ausgleichen. Wir müssten jedes Jahr knapp 20.000 neue Wohnungen bauen.

Die Fragen stellte Annabel Trautwein

Warhol, Pollock, Disney: "Amerika!" im Bucerius Kunst Forum

© 2019 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. /​ Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York

Beinahe seit einem Monat ist die Ausstellung "Amerika!" im Bucerius Kunst Forum schon zu sehen. Hier prallen Welten aufeinander. Zeichnungen von Walt Disney hängen in einem Raum mit Gemälden von Jackson Pollock (und auf einmal sieht man auch in dessen abstrakten Action-Paintings konkrete Figuren). Unweit von Pollocks Bildern hängen die berühmten Campbell’s-Dosen von Andy Warhol, gegenüber die Studien von Norman Rockwell – die wären eine eigene Ausstellung wert, sein kluger Blick, mit dem er seine Landsleute porträtiert, ist manchmal entlarvend, ab und an böse und meist einfach lustig. Lustig? Dieses Wort in einer Kunstkritik? Mit voller Absicht – denn diese Ausstellung erklärt nicht nur ein schwer fassbares Land, sie schaut auch ihre Betrachter an und fragt: Muss Kunst eigentlich immer so schwer sein? Hier hängen nicht nur Bilder, sondern auch verschiedene Anspruchshaltungen nebeneinander. Nehmen Sie’s leicht. Oder schwer. Diese Schau hat für beides genug Substanz. Geöffnet ist sie täglich von 11 bis 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr.

Florian Zinnecker

Was Sie heute erleben können

Kaffeepause

Kaffee an der frischen Luft

Es gibt vielleicht keine zweite Stadt in Deutschland, in der so viele Frischluftfanatiker leben wie in Hamburg. Kaum ist ein Strahl Sonne zu erhaschen, sitzt der Hamburger auch bei einstelligen Temperaturen vor Cafés und Restaurants auf Terrassen und Bürgersteigen, in Decken eingemummelt, bisweilen von einem Heizstrahler erwärmt. Auch das Café im Park ist ein Frischluftcafé – drinnen gibt es nur einige wenige Sitzgelegenheiten. Vor der Tür sind die Stühle in Richtung Weiher ausgerichtet, so kann der Gast den Joggenden, den Spaziergängern, zahlreichen Familien mit kleinen Kindern, den Enten und Graugänsen zusehen, während er sich einen Kaffee (guter Cappuccino für 2,60 Euro), Tee oder einen heißen Ingwertee gönnt. Dieser (3,50 Euro) erwärmt bis in die Fußspitzen. Das Kuchenangebot wechselt, immer aber stammt es aus der Eppendorfer Confiserie Niko und mundet außerordentlich – der saftige Käsekuchen mit Mohn ebenso wie die zimtige Rüblitorte und die cremig-schokoladige Tarte au Chocolat (pro Stück 3,80 Euro).

Café im Park; Eimsbüttel, Im Gehölz 2,täglich 11–18 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Virtuell in Afrika: Viele afrikanische Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich mit Zukunftsthemen, Visionen, Utopien. Ihr Kontinent und modernste Technologien sind längst kein Widerspruch mehr. Das zeigt auch das Afrikanische Filmfestival: Es bietet unter anderem den Rahmen für Virtual-Reality-Produktionen aus Kenia, dem Senegal und Ghana – "New Dimensions – virtual reality".

Zentralbibliothek, Ebene 1, Hühnerposten 1, heute, 14–18 Uhr, Eintritt frei

Bühne für Schwestern: Wie soll das gehen, Baucheinziehen beim Sex? Ertrinken Feen in Absinth, oder strampeln sie ihn zu Butter? Die Kabarett-Show "Sisters of Comedy" klärt diese und andere lebenswichtige Fragen über "alle Facetten des Frau-Seins – für Sie & Ihn und alles dazwischen".

Goldbekhaus, Moorfuhrtweg 9, heute, 20 Uhr, 20 Euro

Stimmengewirr: Birte Villnow gehen die Männerwirtschaft der Popmusik und das Konkurrenzdenken mancher Musiker auf die Nerven. Deshalb lädt die Gesanglehrerin ein zur "Bühne für Ladies": Unter dem Motto "Stimmengewirr – Lass mal was singen, ohne zu ringen" tragen 16 Sängerinnen eigene und fremde Songs vor.

Grüner Jäger, Neuer Pferdemarkt 36, heute, 19.30 Uhr, 5 Euro

Korrektur

Unsere gestrige Meldung zur SPD-Kritik an den Grünen enthielt bedauerlicherweise ein falsches Zitat. Im Text hieß es, Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) habe gesagt: "Allein auf Abwegen kommen wir nicht ins 21. Jahrhundert." Das richtige Zitat lautet: "Allein auf Radwegen kommen wir nicht ins 21. Jahrhundert." Die dpa, auf die wir uns in diesem Fall verlassen hatten, korrigierte die Meldung bereits gestern Morgen, leider aber erst, nachdem die Elbvertiefung schon erschienen war. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Hamburger Schnack

Neulich am Frühstücksbuffet: Ein kleiner Junge von circa drei Jahren reckt und streckt sich, um mit einem Messer möglichst viel Nutella aus dem Glas auf seinen Teller zu befördern. Seine nur wenig ältere Schwester schaut sich das kritisch an und mahnt dann in nachdrücklichem Ton: "Das ist zu viel! Da müssen Bäume für sterben!"

Gehört von Jonas Versen

Meine Stadt

Der Abriss des City-Hofs schreitet voran und legt dabei offen, was ursprünglich war © Iris Mangold

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Katharina Fegebank will im Februar Erste Bürgermeisterin werden. Jetzt wird deutlich, mit welcher Strategie.