Félice Gritti © Maria Feck

Liebe Leserin, lieber Leser,

Hamburg möchte bekanntlich "Fahrradstadt" werden, und auf dem Weg dorthin lässt die Stadt nichts unversucht. Heute verkündet sie ihre nächste Maßnahme. Nein, keine Sorge, der motorisierte Individualverkehr wird nicht abgeschafft und es droht auch keine flächendeckende Vorfahrtsregelung für Radler. Heute, zum bundesweiten Vorlesetag, präsentiert die Stadt: ein neues Pixi-Buch.

Die städtische Radkampagne "Fahr ein schöneres Hamburg" hat es in einer Auflage von 30.000 Stück drucken lassen und will mit dem Bilderbuch dazu anregen, "dass sich Kinder mit ihren Eltern beim abendlichen Vorlesen gemeinsam mit dem Thema Radfahren auseinandersetzen". Es trägt den Titel "Ein Tag in Hamburg mit Fiete und Finchen" (ich darf verraten: Fiete und Finchen sind sprechende Fahrräder) und kann ab heute Mittag kostenlos bestellt werden, auf der Website der Radkampagne.

Ich finde, dass man gar nicht früh genug damit anfangen kann, Kinder fürs Radfahren zu begeistern, gerne auch mit einem Bilderbuch. Nur bin ich mir nicht ganz sicher, ob die Botschaft des Buches überall Anklang findet. Laut Radkampagne soll es unterstreichen, dass man in Hamburg "mit dem Rad immer noch am besten mobil" sei. Das mag einerseits stimmen, zumal wenn wie gestern 3500 Traktoren durch die Stadt rollen. Andererseits gehört zu guter Mobilität auch Sicherheit, und ich wage zu behaupten: Davon würden sich viele Radfahrer in Hamburg mehr wünschen. Das dürfte auch mit tragischen Fällen wie jenem zu tun haben, über den wir weiter unten berichten.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Ihr Félice Gritti

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns: hamburg@zeit.de.

Aktuelles

© Daniel Bockwoldt/​dpa

Tausende Bauern protestieren gegen Umweltauflagen

3500 Trecker hat die Polizei gestern auf Hamburgs Straßen gezählt. Landwirtinnen und Landwirte aus ganz Norddeutschland demonstrierten anlässlich der Umweltministerkonferenz gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung. Laut hupend bahnten sie sich ihren Weg durch die Stadt und versammelten sich am Mittag zu einer Kundgebung auf dem Gänsemarkt. Einige Straßen in der Innenstadt wurden gesperrt, zeitweise kam es zu Staus, das große Verkehrschaos blieb laut Polizei jedoch aus: Viele Pendlerinnen und Pendler hätten sich offenbar auf den Protest eingestellt und seien auf die Bahn umgestiegen. Der Protest richtete sich unter anderem gegen das geplante Agrarpaket, das neue Maßnahmen für Tier- und Umweltschutz vorsieht. Ein Aktionsbündnis aus Bauern, Schäfern und Jägern forderte die Umweltminister auf, mehr auf Freiwilligkeit zu setzen. Er sehe, dass viele Betriebe ums Überleben kämpften, sagte Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne). Allerdings sei die Landwirtschaft für Probleme wie Insektenschwund, Rückgang der Artenvielfalt und hohe Stickstoff- und Phosphatwerte im Wasser mitverantwortlich – und müsse daher auch ein Teil der Lösung sein.

Annika Lasarzik

In einem Satz

Bei einer ganztägigen Großkontrolle am Mittwoch hat die Polizei 155 Auto- und fünf Radfahrer dabei erwischt, bei Rot über die Ampel zu fahren +++ Der Senat will die Lärmschutzmaßnahmen an der geplanten Hafenautobahn A26 Ost mit knapp 63 Millionen Euro bezuschussen +++ Die Autoreisezug-Anlage der Deutschen Bahn soll vom Bahnhof Altona an die S-Bahn-Station Elbgaustraße umziehen +++ Der Bund fördert Hamburgs Kultur in den kommenden Jahren mit vielen Millionen Euro, nach einem Beschluss des Haushaltsausschusses erhält allein Kampnagel 60 Millionen Euro für eine Modernisierung +++ Mit einem Minus von acht Millionen Euro hat der HSV zum neunten Mal in Folge einen Verlust erwirtschaftet +++ In der HafenCity hat Bürgermeister Peter Tschentscher einen nach seinem Vorgänger Henning Voscherau (beide SPD) benannten Platz eingeweiht +++ Fast 17 Jahre nach seiner Premiere kehrt das Musical "Mamma Mia" 2020 nach Hamburg zurück, das "Tina Turner"-Musical zieht um nach Stuttgart

Tödlicher Unfall beim Rechtsabbiegen: Lkw-Fahrer verurteilt

Anderthalb Jahre nach dem Unfalltod einer Radfahrerin in Eimsbüttel hat das Hamburger Amtsgericht den verantwortlichen Lkw-Fahrer wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Der 49-jährige Mann hatte die 33-jährige Radfahrerin beim Rechtsabbiegen übersehen und überrollt. Noch am Abend des Unfalls hatten Radfahrer auf der Kreuzung eine Mahnwache abgehalten und besseren Schutz gefordert, es folgte eine Debatte über Rechtsabbiege-Assistenten. Der Lkw-Fahrer erhielt nun eine Freiheitsstrafe von acht Monaten zur Bewährung. Zwei Jahre lang muss er zudem jeden Monat 200 Euro an eine Organisation zahlen, die trauernde Kinder betreut; die verstorbene Radfahrerin hatte zwei Kinder hinterlassen. Laut Urteil hätte der Lkw-Fahrer die Radfahrerin nicht nur sehen können, sondern sehen müssen. Wer einen unübersichtlichen Lkw fahre, müsse vorsichtiger als alle anderen sein. Unsere Gerichtsreporterin Elke Spanner hat für uns die Verhandlung beobachtet, in der ein Angeklagter saß, der vor allem ratlos wirkte. Ihren Bericht können Sie als Digitalabonnent hier lesen. Bereits im Frühjahr hat unsere Redakteurin Annika Lasarzik mit einem Lkw-Fahrer darüber gesprochen, warum Rechtsabbiegen für ihn "eine der stressigsten Situationen" ist. Das Protokoll finden Sie hier.

Was heute und am Wochenende auf der Agenda steht

Kurz vor dem Abschluss der Umweltministerkonferenz demonstriert Fridays for Future ab 12 Uhr in der Innenstadt +++ Am Samstagnachmittag demonstrieren Tierschützer gegen das Versuchslabor LPT, sie fordern dessen Schließung +++ Am Sonntag ist Volkstrauertag: In der Hauptkirche St. Jacobi wird der toten Geflüchteten im Mittelmeer gedacht, in der KZ Gedenkstätte Neuengamme wird Bischöfin Kerstin Fehrs einen Kranz niederlegen

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Der Verkäufer auf dem Fischmarkt

Von meiner frühesten Kindheitserinnerung an den Fischmarkt erzähle ich gerne. Schon mit fünf Jahren bin ich mit meinem Vater und einem älteren Bruder sonntags auf den Markt gefahren. Mein Vater und mein Bruder verkauften dort vom Lkw runter Aale. Ich hockte, in eine Wolldecke gehüllt, auf dem Lastwagen und sah zu. Das fand ich schon damals toll – und heute noch immer. Ich glaube, ich werde auch mit 75 Jahren noch gerne meine Fische auf dem Markt verkaufen.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

"Es wird Endzeitstimmung geben, aber auch Hoffnung"

© Christian Charisius/​dpa

Am Samstag präsentiert Jan Plewka sein neues Programm auf Kampnagel: "Jan Plewka singt Ton Steine Scherben & Rio Reiser (2)". Der Sänger und Songwriter der Band Selig interpretiert die Songs des 1996 verstorbenen Rio Reiser, der mit Liedern wie "Keine Macht für Niemand" in den Siebzigern zur linken Ikone wurde. Im Gespräch mit unserem Autor Jan Paersch sprach Plewka darüber, wie es war, als junger Mann nach Hamburg zu kommen – und warum Hamburg noch heute das "Nonplusultra" für ihn ist.

Elbvertiefung: Herr Plewka, Sie wuchsen im Hamburger Umland auf. Aber Sie sind ein Kind der Großstadt, oder?

Jan Plewka: Ja, ich bin ein Marienkäferchen. Ich wurde im Marienkrankenhaus in Wandsbek geboren, in Großhansdorf bei Ahrensburg bin ich groß geworden. Die Wiesen begannen hinterm Haus, aber wenn ich aus dem Fenster schaute, konnte ich den Hamburger Fernsehturm sehen. Die Silhouette der Stadt hinter den Feldern! Sehr romantisch.

EV: Wann haben Sie es raus aus Großhansdorf geschafft?

Plewka: Mit 14 war ich zum ersten Mal auf St. Pauli, als ich mit einem Kumpel die Schule schwänzte. Auf dem Kiez kamen uns zwei Typen in unserem Alter entgegen. Ich habe sie lässig mit "Na Jungs, auch am Schwänzen?" begrüßt – aber das waren echte Kiezjungs. Da haben wir richtig auf die Fresse bekommen, die haben uns windelweich gehauen. Danach zog uns erst mal nichts mehr nach St. Pauli. Später waren wir natürlich oft in den großen Clubs: im Docks und in der Großen Freiheit 36. Ich sagte mir: "Da will ich mal spielen! "

EV: Der Traum hat sich erfüllt, Mitte der Neunziger war Selig wohl die bekannteste Hamburger Band. Sie selbst haben aber auch die Schattenseiten des Ruhms erlebt.

Plewka: Teilweise haben die Leute vor unseren Häusern gecampt, Mädchen wollten uns ihre Tagebücher schenken. Der Zeitgeist damals war Grunge, Personenkult war für uns uncool. Wir waren Stars, wollten es aber nicht sein. Wir standen auf der Bühne, und in den ersten Reihen waren nur Teenies, die uns sexy fanden. Mit Schildern wie: "Jan, ich will ein Kind von dir". Die komplette Beatle-Mania! Aber anstatt damit zu spielen, sind wir zynisch geworden. Wir waren zu jung: Mit Anfang zwanzig ist die Seele noch nicht fertig.

EV: Am Samstag werden Sie nun Ihr neues Programm auf Kampnagel präsentieren, mit Songs von Rio Reiser. Warum kommen Sie immer wieder auf das Œuvre des Sängers von Ton Steine Scherben zurück?

Plewka: Er ist der Grund dafür, dass ich deutsche Texte schreibe. Als ich Rio mit 14 Jahren das erste Mal gehört habe, war das wie eine Injektion. Er ist ein Soundtrack-Engel meines Lebens. Ich habe damals versucht, ihn zu imitieren. Noch immer bin ich ein glühender Verehrer: seiner Kunst, seiner Melodien, seiner Lieder. Aber auch seines Traumes von Gerechtigkeit.

EV: Was kann man von dem Abend am Samstag erwarten?

Plewka: Das erste Programm hat die charmante und liebevolle Seite Rios betont. Aber unsere Zeit ist so krass, dass der zweite Abend deutlich politischer werden musste, und um einiges morbider. Es wird Endzeitstimmung geben, aber auch Hoffnung.

Was Plewka damit meint, warum er die Bewegung Extinction Rebellion unterstützt und wieso er einst in einer schweren Krise aus Hamburg in ein Häuschen mit Plumpsklo floh, lesen Sie als Digitalabonnent in der ausführlichen Fassung des Interviews auf ZEIT ONLINE

Vorlesetag macht Lust auf Geschichten

Um Kindern den Reiz des Lesens näherzubringen, lesen heute deutschlandweit Literaten, Journalisten, Eltern, Großeltern und andere Lesefreudige vor. DIE ZEIT zählt – neben der Stiftung Lesen und der Deutsche Bahn Stiftung – zu den Initiatoren des bundesweiten Vorlesetags, der bereits zum 16. Mal stattfindet. Das Motto in diesem Jahr: Sport und Bewegung. Sie haben Lust, den Tag mitzugestalten? Spontane Vorleserinnen und Vorleser können sich hier anmelden (andere Themen als Sport und Bewegung sind übrigens auch erlaubt). Und hier finden Sie eine Übersicht aller Vorleseorte.

Was Sie heute erleben können

Lesevertiefung

Drei Buchempfehlungen fürs Wochenende ...

Roman Ein Hotel hoch oben im norwegischen Fjell in den 1980er-Jahren. Sedd wächst bei seinen Großeltern auf, die ihn auf seine Rolle als künftiger Hotelerbe vorbereiten. Doch das vermeintliche Idyll bekommt erste Risse. Ein hervorragend erzähltes bezauberndes Porträt inmitten der norwegischen Berge. Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben.Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Kiepenheuer und Witsch, 24 Euro

Kinderbuch Ganz erstaunliche Antworten auf die Frage, was Musik ist, finden sich in dieser illustrierten Geschichte der obskuren Musik. Klangkunst und experimentelle Töne aus aller Welt, darunter Klassiker wie John Cage oder die Beach Boys. Für große und kleine Freunde schräger Töne. Michal Libera, Michal Mendyk (Text), Aleksandra und Daniel Mizielinscy (Illustrationen): Wie das klingt! Ab acht Jahre. Aus dem Polnischen von Thomas Weiler. Moritz Verlag, 25 Euro

Bildband Was bleibt von Orten, wenn die Einwohner weg sind? Der Fotograf Thomas Windisch hat verlassene Orte in Bildern festgehalten, die auf eindringliche Art zeigen, dass die Erde sich auch ohne den Menschen weiterdreht. Eine Hommage an die Vergänglichkeit der Gattung Mensch. Thomas Windisch (Fotos), Ilja Trojanow und Thomas Macho (Texte): Wer hat hier gelebt? Brandstätter Verlag, 45 Euro

… ausgewählt von Daniela Dobernigg; cohen+dobernigg BUCHHANDEL; Karolinenviertel

Was geht

Pop-Polen: Im Osten sind Sylwia Greszczak, Slawomir und Kombii Superstars. Für das "Polonia Music Festival" reisen sie als ein Stück Pop-Polen nach Hamburg: "Strona nastrój! "

Barclaycard Arena, Sylvesterallee 10, heute, 18.30 Uhr, ab 51 Euro

Was bleibt

God Jul: Seemänner und -frauen stranden sogar in der Weihnachtszeit in fremden Häfen. Ihr Heimweh lindern die Seemannskirchen, etwa mithilfe der skandinavischen Weihnachtsbasare im Portugiesenviertel.

Norwegische, Schwedische, Dänische und Finnische Seemannskirche, Ditmar-Koel-Straße 6, 15.–17. und 22.–24.11., Fr/Sa, 12–19 Uhr; So, 12–18 Uhr

Was kommt

Konzertjubiläum: Am 16.11.1994 dirigierte Andreas Fischer sein Antrittskonzert als Kantor von St. Katharinen. Exakt 25 Jahre später erklingt zu seinem Dienstjubiläum Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Elias". Wie damals wirken, unter anderen, die Symphoniker Hamburg und die Sopranistin Katherina Müller mit.

Hauptkirche St. Katharinen, Katharinenkirchhof 1, Sa, 19 Uhr, ab 12 Euro

Grenzenlos lesen: Wer braucht Grenzen? Und wie überwindet man sie, wenn eine da ist? Birgitt Frey hat darüber viele Gespräche geführt und Autoren versammelt, die über Checkpoints und Schikanen, Tunnel und Türme, Flucht und Heimkehr schreiben. Lesung zugunsten des Ledigenheims: "Grenzen überwinden".

Ledigenheim, Rehhoffstraße 1–3, So, 18 Uhr, Spenden erbeten

Hamburger Schnack

In der Nähe vom Neuen Wall. Ein freundlicher Hamburger zu zwei Touristinnen: "Jetzt müsst ihr aber die Portemonnaies festhalten..." Die Handtaschen werden fest unter die Arme geklemmt. "...um die Ecke sind Chanel und Armani." Die Arme lockern sich erleichtert. Eine antwortet: "Ach, so meinst du das."

Gehört von Evelyn Holst

Meine Stadt

Nach der Elphi paddelnd nach Hause? © Wolfgang Eddelbüttel

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Eine Sekunde unaufmerksam: Ein Lkw erfasst eine Radfahrerin beim Abbiegen, die Frau stirbt. Der Unfall löste eine Debatte um Abbiegeassistenten aus. Nun fiel das Urteil. (Abo)

"Rechtsabbiegen ist eine der stressigsten Situationen": Immer wieder sterben Menschen, weil ein Lkw sie beim Abbiegen überrollt hat. Wir haben mit einem Lkw-Fahrer über die Gründe gesprochen. (Archiv)

Jan Plewka bringt eine neue Rio-Reiser-Hommage auf die Bühne. Im Interview spricht er über seine Anfänge in Hamburg, seinen Weg aus der Krise und sein Engagement bei Extinction Rebellion (Abo).