Die Entscheidung des Hamburger SV, den Vertrag mit seinem Finanzvorstand Frank Wettstein bis 2022 zu verlängern, ist für den Verein richtungsweisend. Wettstein ist es, der als Einziger im Vorstand den Gesamtüberblick hat über die komplizierte wirtschaftliche Lage, in der der HSV steckt. Er war es auch, der dem Club in kritischen Phasen immer wieder neues Geld von außen beschafft hat.

Vor allem aber ist er die Brücke zum mächtigen Investor Klaus-Michael Kühne, der sich kürzlich gegenüber der ZEIT für seine Vertragsverlängerung starkmachte: "Einen Verbleib von Frank Wettstein als Finanzvorstand der HSV Fußball AG würde ich begrüßen." Aus gutem Grund: Denn der HSV muss dringend eine Antwort auf die Frage finden, wie eine konkurrenzfähige Mannschaft für die Erste Bundesliga finanziert werden könnte.

Wettsteins neuer Vertrag ist ein zentraler Teil dieser Antwort. Jedoch nicht, weil er in den letzten Jahren durch gute Finanzergebnisse in Erscheinung getreten wäre – im Gegenteil. Seit seinem Amtsbeginn im Herbst 2014 hat der HSV Verluste von 36,3 Millionen Euro erwirtschaftet. Seine eigenen Zielvorgaben hat er kontinuierlich verfehlt. Doch seine Aufgabe war eine andere: Er hat einem Klub, der abhängig ist von Geld, mit vielen Maßnahmen Geld besorgt. Zum Beispiel durch den Verkauf von Anteilen an der ausgegliederten HSV Fußball AG, indem er sich zukünftige Einnahmen aus der Vermarktung im Voraus ausbezahlen ließ oder alte Darlehen durch neue ersetzt hat. Schulden wurden mit neuen Schulden ausgetauscht, um dem Club Luft zum Atmen zu verschaffen. 

Wettstein hat dafür gesorgt, dass das brüchige Kartenhaus nicht in sich zusammengefallen ist. Nur durch großzügige Forderungsverzichte von Investor Klaus-Michael Kühne ist der HSV finanziell überhaupt noch handlungsfähig. Im Gegenzug bekam der Milliardär mit Markus Frömming einen zweiten Mann im Aufsichtsrat. Wettstein ist aus vereinspolitischer Sicht wichtig für den HSV, weil er Kühnes erster und einziger Ansprechpartner ist.

Das Verhältnis zum Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann hingegen, der den HSV unabhängiger vom Geld des 82-jährigen Investors machen will, ist vorbelastet. Wettstein ist auf der Vorstandsebene so etwas wie das Gegengewicht zu Hoffmann. Zumindest in dieser Saison ist Hoffmanns Vorhaben allerdings aufgegangen. Der HSV hat sich kein neues Geld von Kühne geliehen.

Die Verantwortlichen müssen sich trotzdem eine Tür zum Investor offenhalten, weil sie wissen, dass die Konstellation im Club für andere Investoren unattraktiv ist.