Der Vater hat seine Tochter angefleht, zurückzukommen. "Nalan", schrieb er ihr Ende November 2016 im Familienchat, "mein Herz brennt. Jedes Gespräch mit Dir kann das letzte sein." Er fügte hinzu: "Bitte komm von dort zurück, meine Kleine."

Die Liebe, die aus diesen Zeilen spricht, hat Osman B. auf die Anklagebank des hanseatischen Oberlandesgerichts gebracht. Der 55-Jährige sitzt dort mit seiner Ehefrau und den beiden weiteren erwachsenen Kindern. Die Familie ist zu einer Gruppe Terrorunterstützer geworden – aus Liebe. Die vier haben zur jüngsten der Familie, Nalan B., Geld ins syrische Rakka geschickt. Dadurch haben sie sich der Unterstützung der Terrormiliz "Islamischer Staat" schuldig gemacht. So hat der Staatsschutzsenat des OLG heute entschieden. "Sie sind keine Überzeugungstäter," sagte der Vorsitzende Richter zu den Angeklagten. "Sie handelten aus familiärer Verpflichtung."

Nalan B., die jüngste Tochter, war eine glühende Verfechterin des "Islamischen Staates". Einen ersten Versuch, ins sogenannte Kalifat auszureisen, brach sie 2013 ab. Im Frühjahr 2016 aber machte sie sich erneut Richtung Syrien auf – ohne Wissen ihrer Eltern und Geschwister. Die wähnten Nalan mit ihrem kleinen Sohn in der Türkei. Dann kam die WhatsApp, die alles verändern sollte. Sie sei in Syrien, schrieb Nalan darin. Und: "Endlich kann ich meine Religion frei leben."

In Deutschland gebe ihr niemand eine Chance, sagt sie

Das Leben der Familie war zuvor vom Willen geprägt, es in Deutschland zu etwas zu bringen: Die Eltern waren vor über 30 Jahren aus der Türkei gekommen. Die drei Kinder sind in Neumünster zur Schule gegangen. Die älteren beiden haben Abitur und studieren, Nalan hat den Realschulabschluss mit Mühe geschafft.

Mit dem Schulabschluss aber wuchsen die Zweifel bei Nalan B. Sie fand keine Lehrstelle. In Deutschland, sagte sie, gebe ihr niemand eine Chance. Sie radikalisierte sich, trug plötzlich den Hijab, mit dem sie auch ihr Gesicht verdeckte. Die Eltern, selbst Muslime, waren dagegen. Nalan würde sich damit beruflich selbst schaden, warnten sie. Die Mahnung verhallte – wie so viele weitere in den kommenden Monaten.

Plötzlich, seit der WhatsApp aus Syrien, wurde alles von der Sorge um Nalan bestimmt. Sie schrieb Nachrichten aus Syrien, in denen sie vom Leben im IS-Gebiet schwärmte. Im Internet betrieb sie eine Seite, auf der sie andere Frauen dazu aufforderte, ebenfalls ins Kalifat zu kommen. "Wenn Rakka erobert wird, zünde ich meinen Sprengstoffgürtel," schrieb sie direkt an ihre Schwester Canan. Und sie bat: "Keine Fotos mit Waffen an Papa. Er verkraftet so was nicht."

"Sie ist doch meine Tochter!"

Im Frühjahr 2017 dann beließ es Nalan nicht dabei, ihre Familie über das Leben in Rakka zu informieren. Sie forderte deren Unterstützung ein. Sie brauche dringend Geld, schrieb sie nach Hause. Inzwischen hat die 26-Jährige zwei kleine Kinder bekommen. Die Eltern und Geschwister sollten ihr alles Geld schicken, das sie ihr noch schulden würden. Das war der Punkt, an dem die Familie nach Überzeugung des Gerichts selbst in die Illegalität abglitt. Es sei klar gewesen, dass das Geld beim IS landen würde, so der Vorsitzende Richter. Und dennoch taten die Eltern und Geschwister diesen Schritt. Mehr als 27.000 Euro sammelten sie zusammen. Der älteste Sohn übergab die Summe einem Kurier. 

"Sie ist doch meine Tochter!", hat die Mutter im Prozess gesagt. "Ich konnte sie doch nicht hängen lassen, nur weil sie einen Fehler begangen hat." Doch dieser Fehler hat nicht nur die gesamte Familie erst ins Untersuchungsgefängnis und dann vor Gericht gebracht. Nalan B. hat selbst einen unermesslich hohen Preis dafür bezahlt. Ihre beiden kleinen Kinder sind in Syrien ums Leben gekommen. Sie selbst ist inzwischen offenbar in einem Gefangenenlager – vermutlich in ebenjenem Lager, aus dem am Wochenende eine Frau aus Hessen mit ihren drei Kindern zurück nach Deutschland gekommen ist. Gut möglich also, dass auch Nalan B. demnächst wieder nach Neumünster zurückkehrt. Dann landet sie womöglich auch vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht – wie ihre ganze Familie.