Um trotz Klimawandel langfristig bewohnbar zu bleiben, müsse Hamburg anders bauen – weniger Backstein und Beton, dafür mehr Vegetation am Bau. So lautet der Vorschlag von Grünen und SPD. Was können Rankpflanzen und Dachgesträuch ausrichten gegen die Wucht der globalen Erwärmung? Professor Jörg Knieling von der HafenCity Universität ist Experte für klimagerechte Stadtplanung. Im Interview erklärt er, was er von der Idee der Regierungsparteien hält – und worauf Hamburg noch achten muss.

 ZEIT ONLINE: Herr Professor Knieling, ärgern Sie sich über Neubauten in der Stadt, die nicht begrünt sind, obwohl sie es eigentlich sein könnten?

Jörg Knieling: Wir könnten jetzt alle Großprojekte durchgehen und würden überall ungenutzte Möglichkeiten finden. Das Thema Fassadengrün ist wirklich nicht besonders präsent in Hamburg – im Gegensatz zu Backstein, Beton und Glas. Sogar die HafenCity Universität hat große weiße Flächen, die man sicher auch mit Grün hätte gestalten können.

ZEIT ONLINE: SPD und Grüne setzen auf bepflanzte Fassaden, um die Stadt vor den Effekten des Klimawandels zu schützen. Wie wirkungsvoll sind solche Maßnahmen?

Knieling: Ich finde es richtig, dass darüber nachgedacht wird. Begrünte Fassaden haben tatsächlich nur positive Effekte für die Stadt. Sie kühlen die Umgebung, indem sie über die Blätter Feuchtigkeit abgeben – im Gegensatz zu versiegelten Flächen und Fassaden aus Stein, die tagsüber Hitze speichern und sie abends abstrahlen. Grünpflanzen filtern Feinstaub und tragen zu besserer Luftqualität bei. Zudem kann auch Fassadengrün Wasser speichern. Es macht Stadtteile attraktiver und steigert die Lebensqualität. Und es unterstützt die Biodiversität in der Stadt, weil es Raum für Vögel und Insekten bietet. Wir haben also ein ganzes Bündel an Vorteilen. Da kann man sich fragen: Warum ist das nicht längst Standard?

ZEIT ONLINE: Ja, warum eigentlich nicht?

Knieling: Sicherlich gab es pragmatische Gründe, Kostengründe – oder man hat einfach noch nicht ausreichend darüber nachgedacht, weil man keine Notwendigkeit gesehen hat. Umso wichtiger ist es, jetzt Bewusstsein dafür zu schaffen, auch in der Architektur. Bisher ist Fassadengrün nichts, wovon Architekten üblicherweise sagen: So was wollte ich immer schon machen. Es wäre schön, wenn das in zehn Jahren anders wäre und Fassadenbegrünung auch in der Baukultur als Qualitätsmerkmal gelten würde.

ZEIT ONLINE: Fassadengrün soll vor allem das Mikroklima verbessern – was ist damit gemeint?

Knieling: Für die Stadt das Klima in einzelnen Stadtteilen. Das kann in Eimsbüttel ganz anders sein als in St. Pauli, das nah an der Elbe liegt. Deshalb ist es wichtig, gezielte Strategien zu entwickeln. Wo es keine Kaltluftschneisen gibt, müssen zum Schutz gegen Hitze Lösungen gefunden werden, die direkt im Stadtteil wirken.

ZEIT ONLINE: Aber was nützt eine Verbesserung des Mikroklimas, wenn der Rest der Erde sich weiter aufheizt und weltweit die Meeresspiegel steigen?

Knieling: Diese Diskussion kommt tatsächlich immer wieder auf. In der Forschung diskutieren wir Klimaschutz und Klimaanpassung aber nicht als Entweder-oder, sondern als Sowohl-als-auch. Für die konkrete Lebensqualität der Stadtbewohner ist das Mikroklima sehr wichtig. Maßnahmen zur Verbesserung sollte man also keineswegs als wirkungslos abtun. Gleichzeitig wird immer auch geschaut, wie Klimaschutz auf globaler Ebene funktioniert. Das hat Hamburg mit dem letzten Klimaplan von 2015 auch schon ganz gut gemacht: Der Klimaschutz ist der Ausgangspunkt und die Maßnahmen zur Anpassung wurden nun integriert. Der neue Klimaplan, der für Ende des Jahres angekündigt ist, soll hier noch einige Schritte weiter gehen.