Im Hamburger Grindelviertel, nahe der Universität, stand einst die größte Synagoge Norddeutschlands – ein selbstbewusster Bau im neoromanischen Stil. Während der Reichspogromnacht 1938 wurde das Gebäude schwer beschädigt und später auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgerissen. Seit dem versuchten Anschlag auf eine Synagoge in Halle diskutiert Hamburg über einen Wiederaufbau, nun werden die Pläne immer konkreter. Es wäre ein millionenschweres Bauprojekt mit Signalwirkung. Denn heute gibt es nur wenige sichtbare Zeichen jüdischen Lebens in der Stadt.  Ein Shoa-Museum sollte jedoch keinesfalls entstehen, sagt Philipp Stricharz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg, auch einen "Hochsicherheitstrakt" lehnt er ab – obschon die Gemeinde sich dringend mehr Schutz seitens der Stadt wünscht. 

ZEIT ONLINE: Für eine Machbarkeitsstudie zum Wiederaufbau der Synagoge stellt der Bund 600.000 Euro zur Verfügung. Warum ist das so teuer?

Philipp Stricharz: Wir stehen ganz am Anfang. Welche Untersuchungen im Rahmen der Studie nötig sind, wird sich daher noch zeigen. Dies hängt auch davon ab, wie wir die freie Fläche im Grindelviertel konkret nutzen wollen.

ZEIT ONLINE: Welche Fragen müssen denn nun jetzt geklärt werden?

Stricharz: Erst einmal geht es um ganz praktische Aspekte: Kann die Synagoge wirklich an genau derselben Stelle wie früher stehen? Wo wären Parkmöglichkeiten, ließe sich eine Tiefgarage bauen, was spielt sich unterirdisch ab? Wo wären Zufahrtswege für Lieferanten? Die Machbarkeitsstudie soll die Optionen aufzeigen, die insoweit bestehen, und natürlich auch eine Kostenprognose beinhalten. Wer konkret die Studie in Auftrag gibt und wie das Verfahren abläuft, besprechen wir gerade mit dem Rathaus.

Philipp Stricharz ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg. © privat

ZEIT ONLINE: Wann starten die Vorbereitungen?

Stricharz: Wir haben schon angefangen. Eine Planungsgruppe in der Gemeinde diskutiert gerade erste Ideen und Wünsche, demnächst werden auch Vertreter der Senatskanzlei dazustoßen. Schließlich ist der Wiederaufbau ein sehr großes Projekt. Und es ist die Initiative der Stadt Hamburg, unserer Gemeinde die zerstörte Synagoge zurückzugeben. Der Input zur Gestaltung im Inneren wird aus unserer Gemeinde kommen, zuständig für die Umsetzung und Finanzierung ist aber voraussichtlich die Stadt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie schon einen Zeitplan vor Augen?

Stricharz: Ja, in einem Jahr wollen wir die Machbarkeitsstudie abschließen, binnen fünf Jahren sollte die Synagoge fertig gebaut sein. Das wäre unser Wunsch. Wie er sich realisieren lässt, wird die Machbarkeitsstudie zeigen.

ZEIT ONLINE: Die neue Synagoge soll dem neoromanischen Sakralbau von 1906 nachempfunden werden. Lässt der sich denn anhand von alten Fotos rekonstruieren?

Stricharz: Das müssen wir gar nicht! Die Baupläne der alten Synagoge galten bis vor Kurzem noch als verschollen, doch der Hamburger Historiker Jürgen Sielemann hat sie wieder ausfindig gemacht. Als Vorsitzender der Hamburger Gesellschaft für jüdische Genealogie hat er im Staatsarchiv Hamburg Unterlagen für eine Computer-Rekonstruktion der alten Synagoge zusammengetragen, nachdem ihn die Landeszentrale für politische Bildung um einen Vortrag über das Thema gebeten hatte. Das Staatsarchiv hat dann die Reproduktion der Außenansichten übernommen, das Vermessungsamt hat CD-ROMs von den Bauplänen angefertigt. Sicher wird man mit den heutigen Baumaterialien manches anders machen, doch die Grundrisse und einige wichtige Details liegen jetzt schwarz auf weiß vor uns. Daran können wir uns orientieren, das hilft uns sehr.

ZEIT ONLINE: Warum ist es so wichtig, dass die Synagoge äußerlich der alten gleicht?

Stricharz: Weil es bei diesem Bauprojekt der Stadt nicht einfach nur darum geht, ein neues Gotteshaus zu bauen.

ZEIT ONLINE: Sondern?

Stricharz: Der Anspruch ist ein anderer, denn dieser Neubau ist ein deutliches Signal: Wir bauen wieder auf, was die Nazis einst zerstörten, was sie an ebenjener Stelle nicht mehr sehen wollten. Und zwar so, wie es damals war. Die in Hamburg lebenden Juden werden damit wieder sichtbar in der Stadtgesellschaft. Und das an einem zentralen Ort, den die Jüdische Gemeinde einst der Stadt abgekauft hat und auf dem sie auf ihre Kosten die Bornplatzsynagoge gebaut hat. Welche sie dann nach dem Brand von 1938 in den beiden Folgejahren – wiederum auf eigene Kosten – auf staatliche Anordnung hin abtragen musste.

ZEIT ONLINE: Der Innenraum soll anders gestaltet sein als damals. Der frühere Betsaal hatte 1.200 Plätze – ist das eine Größenordnung, die Ihnen auch heute vorschwebt?

Stricharz: Nein, wir peilen 500 Plätze an. An hohen Feiertagen wie Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, oder Rosch ha-Schana, dem Neujahrfest, werden die auch sicher voll. Darüber hinaus brauchen wir aber Gemeinschaftsräume für Feiern, an denen wir keine Gottesdienste abhalten, aber dennoch als Gemeinde zusammenkommen. Die bisherige Synagoge in der Hohen Weide ist dafür schlicht zu klein, zum Pessachfest zum Beispiel müssen wir schon jetzt häufig externe Veranstaltungsräume mieten.