Kurz vor der Abfahrt holt sich Bernd Grawert noch einen Kaffee in der Kantine. Es riecht nach Bratkartoffeln und Speck. Grawert, Mitte 50, Glatze, kantiges Gesicht, steht in der Tür, in der rechten Hand den Kaffee, in der linken eine Nylonstrumpfhose, er soll sie für seine Kollegin Oda Thormeyer mitnehmen. Dann verabschiedet er sich halblaut: "Wir fahr’n jetzt in den Knast."

Thormeyer und Grawert sind Schauspieler, in ein paar Stunden werden sie in der Justizvollzugsanstalt Neumünster auftreten, mit dem Stück "Blind Date". Es ist nicht das erste Gastspiel des Hamburger Theaters in einem Gefängnis, vor vielen Jahren gastierten die Schauspieler schon einmal in Fuhlsbüttel, in in der JVA Neumünster waren sie noch nie. "Blind Date" ist ein Zweipersonenstück nach dem gleichnamigen Film von Theo van Gogh, im Thalia-Repertoire ist es seit 2011.

Vor dem Hinterausgang des Theaters steht der hauseigene Transporter, beladen mit Koffern, Kisten und einem Keyboard, Mikrofonen, Kabeln und Adaptern. Am Steuer sitzt Heidi Stoffers vom Technischen Betriebsbüro, neben ihr Tim Burchardt, der ab und an im Nachtasyl hinterm Tresen steht und so an die Rolle des Barkeepers in "Blind Date" geraten ist – die Produktion ist eigentlich in der Theaterbar zu sehen. In der Mitte sitzen die Maskenbildnerin und zwei Tontechniker, ganz hinten Grawert und Thormeyer, sie nutzen die Fahrt und repetieren den Text. Eine diffuse Aufregung liegt über der Reisegruppe. Befremden mischt sich mit Neugier. Für wen wird man in der JVA Neumünster spielen? Wer ist dort inhaftiert – und warum?

So sieht die JVA Neumünster von außen aus – drinnen wurde ein Teil des Gefängnisses zur Theaterbühne. © Fabian Hammerl/​Thalia Theater

Dass bei diesem besonderen Gastspiel sowohl Gefangene als auch Zuschauer von außen dabei sein können, ist für die JVA eine absolute Premiere. "Das war der ausdrückliche Wunsch des Theaters", sagt die Dramaturgin Christine Ratka, die sich um die Stoffauswahl im Rahmen der "Thalia Kulturlandschaften" kümmert.

Es gab schon harmlosere Spielorte

Seit 2013 kooperiert das Theater mit der "Metropolregion Hamburg". Sie soll, so heißt es auf der Theater-Website, "den Kulturaustausch zwischen der Stadt Hamburg und dem ländlichen Bereich mit neuen Ideen beleben". Die bisherigen Aufführungen, meist szenische Lesungen, fanden an deutlich harmloseren Orten statt, in einer alten Ziegelei etwa oder in einer Kirche. Jetzt ist ein Männergefängnis der Spielort, genauer: der Besucherraum.

Nach Neumünster sind es knapp 70 Kilometer. Souverän steuert Heidi Stoffers den weißen VW Crafter durch das innerstädtische Baustellenlabyrinth auf die A7. Bei einer kurzen Pause teilen wir fröstelnd Reiswaffeln und Zigaretten. Über die abgeernteten Äcker und Stoppelfelder hat sich ein schwerer wolkenverhangener Himmel gelegt.

Die JVA liegt mitten im Zentrum von Neumünster. Das Haupthaus ist ein eindrucksvolles Gebäude, ein schöner, denkmalgeschützter und gerade frisch sanierter Bau. Von 1901 bis 1905 wurde die JVA als Zentralgefängnis in panoptischer Bauweise errichtet, ein für Haftanstalten übliches architektonisches Ordnungsprinzip, das – von einem zentralen Punkt aus – die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch einen Einzelnen möglich macht. Heute verfügt die JVA über 460 Haftplätze, ein zusätzliches Hafthaus wird gerade gebaut.