Der Text mit der Überschrift "Mehr Mütter die Kunst" steht seit Ende Oktober im Netz – und kursiert mit großer Resonanz in den sozialen Netzwerken. "Bekommt eine berufstätige Frau Kinder, so hat dies, allen Beteuerungen zum Trotz (...), in der Regel relevante Konsequenzen für ihr weiteres Berufsleben", heißt es darin. Und weiter: "Bekommt eine Künstlerin Kinder, so führt sie das in eine Situation, die einen Fortlauf der künstlerischen Karriere beinahe gänzlich unmöglich macht." Geschrieben hat dies Marcia Breuer, Jahrgang 1978, Künstlerin, Fotografin und Mutter zweier Kinder, die in Hamburg lebt und arbeitet. Warum enden künstlerische Karrieren für Frauen oft, wenn sie Kinder bekommen? Und was lässt sich dagegen tun? Vor allem zum zweiten Teil dieser Frage hat Marcia Breuer ein paar sehr konkrete Vorschläge entwickelt.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie veranlasst, den Text zu schreiben?

Marcia Breuer: Ach, der lag schon eine Weile auf der Festplatte. Aber ich habe ziemlich lang gebraucht, ihn öffentlich zu machen. Ich hab' ihn geschrieben, weil ich festgestellt habe, dass es nicht nur mein persönliches Problem ist, die Kinder und die Kunst unter einen Hut zu bekommen. Es gibt da ein strukturelles Problem. Wenn Künstlerinnen Mutter werden, heißt es sofort: Ach, die kann ja nicht mehr so viel machen. Dir wird nichts mehr zugetraut.

ZEIT ONLINE: Was wollen Sie mit Mehr Mütter für die Kunst erreichen?

Breuer: Erst mal Aufmerksamkeit erzeugen. Und Frauen Mut machen, offensiver mit dem Thema umzugehen. Künstlerinnen kehren ihr Muttersein gerne unter den Tisch, weil es als Makel wahrgenommen wird. Männer müssen sich nie fragen lassen, wie sie Kinder und Beruf zusammenbringen.

ZEIT ONLINE: Das Problem existiert aber doch branchenübergreifend. Braucht es einen extra Künstlerinnenfeminismus?

Marcia Breuer: Kunst- und Kulturschaffende brauchen oft einen Nebenjob, um überleben zu können. Künstlerinnen mit Kind haben also keine Doppel-, sondern eine Dreifachbelastung. Und die Fördermöglichkeiten und Stipendien sind oft sehr mager und für Frauen mit Kindern nicht zu machen. Mir hat gerade eine Künstlerin aus Paris geschrieben, wo sie ein Atelierstipendium hat und ihr zweijähriges Kind mitgenommen hat. Es gibt dort  keine Kinderbetreuung und sie kommt wenig zum Arbeiten. Das ist typisch.

ZEIT ONLINE: Bekommen Sie viele Reaktionen auf Mehr Mütter für die Kunst?

Marcia Breuer: Ja, ich bin extrem geflasht. Der Run auf das Manifest hat mich echt überrascht, mich aber auch darin bestätigt, dass da wirklich ein Missstand vorliegt. Mir schreiben unter anderem junge Künstlerinnen mit Kind, die total erleichtert sind, dass sowas gestartet wird – weil sie sich durch das Manifest ernst genommen fühlen. Ich glaube, früher hatten Frauen eher das Gefühl, sie müssten sich entscheiden zwischen Kind und Kunst. Viele Künstlerinnen meiner Generation haben Kinder bekommen und stören sich nun an den schlechten Bedingungen.

ZEIT ONLINE: Womöglich passen halbtags arbeitende Künstlerinnen-Mums nicht in das immer noch herrschende Bild vom Künstlergenie, das mit Haut und Haaren der Kunst verschrieben ist?

Marcia Breuer: Ich weiß nicht, in wieweit das Bild noch in den Köpfen präsent ist. Aber es ist offensichtlich, dass der Anteil der Mütter drastisch abnimmt, je höher man in der Kunstwelt kommt. Die Möglichkeiten, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, schwinden, wenn man als Mutter weniger präsent ist.

ZEIT ONLINE: Das allerdings lässt wahrscheinlich nicht so leicht durch politische Maßnahmen verändern, oder? Was halten sie von Quotierungsmodellen, wie sie für die Musikbranche die Initiative Keychange vorschlägt, die ein Fifty-fifty-Verhältnis auf Popfestivals und im Orchestergraben erreichen will?

Marcia Breuer: Ich weiß nicht, ob das in der Kunst das richtige Instrument ist. Aber wenn Frauen qua Fördermöglichkeiten mehr aufschließen würden, wären sie sichtbarer und könnten nicht so einfach außen vorgelassen werden.

ZEIT ONLINE: Ihnen geht es also um Fördermöglichkeiten speziell für Mütter?

Marcia Breuer: Ja. In Hamburg gibt es das Arbeitsstipendium für Bildende Kunst, das es zehn Stipendiatinnen und Stipendiaten ermöglicht, ein Jahr lang zum Teil auf den Broterwerb zu verzichten und sich sehr konzentriert der künstlerischen Arbeit zu widmen. So etwas bräuchten wir zusätzlich für Künstlerinnen mit Kind. Und die Reise- und Residenzstipendien müssten so angelegt sein, dass auch Mütter sie antreten können. 

ZEIT ONLINE: Den Vater Ihrer Kinder beschäftigt das Dilemma Kinder versus Beruf nicht so sehr?

Marcia Breuer: Doch, den beschäftigt das auch, er ist auch Freiberufler. Wir teilen uns die Arbeit – und das heißt: Ich kann und will nicht einfach drei Monate als Stipendiatin irgendwohin verschwinden.

ZEIT ONLINE: Ihr Manifest ist allerdings nur im Namen der Mütter geschrieben.

Marcia Breuer: Ich denke, die Frauen sind hier im Hintertreffen, die müssen erst mal ein bisschen aufholen. Dann können wir sehr gerne Mehr Eltern für die Kunst fordern.