So klingt der Klimawandel – Seite 1

Die "Vier Jahreszeiten" von Antonio Vivaldi gehören zu den bekanntesten Werken im klassischen Repertoire. In den fast 300 Jahren, die seit der Komposition vergangen sind, hat sich das Klima allerdings merklich verändert. Das NDR Elbphilharmonie Orchester hat das Werk von Vivaldi darum mithilfe von Wetterdaten aktualisiert und führt es am Samstag, 16. November, in der Elbphilharmonie auf – um ein Zeichen für besseren Klimaschutz zu setzen. Wie klingen die neuen Jahreszeiten? Und gäbe es für ein weltweit gastierendes Orchester nicht viel wirkungsvollere Maßnahmen zum Schutz des Klimas? Ein Interview mit Chefdirigent Alan Gilbert und Posaunist Simone Candotto, von dem das Arrangement stammt

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich mit einem Neuarrangement von Vivaldis Vier Jahreszeiten der Klimawandel bekämpfen?

Alan Gilbert: Bei dem Projekt handelt es sich natürlich nicht um eine konkrete Maßnahme. Es basiert aber auf dem aufrichtigen Wunsch, die Menschen zu erreichen und dadurch etwas zu verändern.

ZEIT ONLINE: Wie genau soll das gehen?

Gilbert: Die Idee ist, ein Musikstück, das viele Menschen kennen und lieben, so zu verändern, dass die Menschen durch die Musik erahnen, was mit dem Klima geschehen ist. Es mag nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Aber wir wollen unser Können, unsere Sprache – die Musik –, die Konzertbühne nutzen, um die Aufmerksamkeit für das Thema zu erhöhen.

ZEIT ONLINE: Herr Candotto, Sie haben beim Arrangieren mit den meteorologischen Daten der vergangenen 200 Jahre gearbeitet. Wie entsteht aus Zahlen Musik?

Simone Candotto: Bei den Daten handelt es sich um Tabellen, Statistiken und Temperaturkurven, die wir zunächst mit der Musikagentur Klinklangklong aus Berlin ausgewertet und auf Auffälligkeiten hin untersucht haben. Dabei ist uns etwa ein deutlicher Anstieg der Höchsttemperaturen aufgefallen, eine wachsende Häufigkeit von Naturkatastrophen im Herbst und Winter, aber beispielsweise auch ein Niedergang der Vogelpopulation. Anschließend haben wir uns gefragt, wie wir diese Veränderungen in der Partitur von Vivaldi sichtbar machen können.

ZEIT ONLINE: Welche Lösung haben Sie gefunden?

Candotto: Bleiben wir vielleicht gleich bei der Vogelpopulation. In jedem Satz nutzt Vivaldi bestimmte Instrumente, um Tierstimmen zu imitieren. Er schreibt Triller in die Geigenstimmen. Da nun die Population der Vögel im Frühling von Jahr zu Jahr weniger wurde, haben wir uns entschieden, die Trillerfiguren zu kürzen.

ZEIT ONLINE: Wie klingt in Ihrer Fassung der Sommer?

Candotto: Da der Sommer heute viel früher beginnt als im Jahr der Uraufführung 1732, ertönt auch das musikalische Thema des Sommers in unserer Version sehr viel früher. Die Jahreszeiten verschieben sich immer mehr, also überlagern sich auch die einzelnen musikalischen Themen immer mehr. Gleichzeitig sind die Höchsttemperaturen immer weiter gestiegen, also brauchen wir mehr Stimmen, mehr Instrumente. Die Masse der Stimmgruppen wird üppiger, als Zeichen, dass es immer heißer wird. Die Jahreszeit, die nach unseren Beobachtungen am meisten verändert werden musste, war aber gar nicht der Sommer, sondern der Winter. Hier klingt alles sehr viel schräger als bei Vivaldi.

Gäbe es für ein Symphonieorchester nicht wirkungsvollere Methoden?

ZEIT ONLINE: Die Vier Jahreszeiten von Vivaldi sind vor allem deshalb so populär, weil sie so fröhlich und leicht klingen. Der Klimawandel dagegen ist eine existenzielle Bedrohung – ändert das den Charakter des Werks insgesamt?

Candotto: Vivaldi schrieb die Vier Jahreszeiten für Streichorchester und Cembalo. In unserer Fassung besetzten wir einige Instrumentengruppen neu. Für die Naturkatastrophen im Herbst und Winter haben wir Blechbläser hinzugefügt. Die Posaunen dienten schon früher der Gestaltung von katastrophalen Momenten und traurigen Passagen. Und auch die Hörner, die hier zum Einsatz kommen, sollen auf die Bedrohlichkeit der Situation aufmerksam machen.

ZEIT ONLINE: So nett die Idee auch sein mag – gäbe es für ein Symphonieorchester nicht wesentlich wirkungsvollere Methoden, um das Klima tatsächlich zu schonen? Wie viele Orchestermusiker sind beispielsweise für die heutige Probe nach Hamburg geflogen?

Gilbert: Zur Probe? Keiner. Die Kolleginnen und Kollegen fahren Rad und mit der Bahn, wenige mit dem Auto. Viele von uns haben in den vergangenen Wochen überlegt, was wir als Musiker konkret gegen den Klimawandel tun können. Im Moment trägt jeder von uns dieses starke Gefühl in sich: Wir wollen etwas tun! Ich selbst versuche meinen Zeitplan neu zu gestalten. Nicht mehr so viel zu fliegen, mehr in der Nähe meiner Familie zu arbeiten. Mit so einem Konzert und einer solchen öffentlichen Erklärung versuchen wir als Orchester auch, Druck auf uns selbst auszuüben.

ZEIT ONLINE: Sie leben mit ihrer Familie in Stockholm. Sind Sie heute Morgen mit dem Zug angereist?

Gilbert: Nein, sehen Sie, ich bin mit dem Flugzeug gekommen. Allerdings nicht für eine Probe, sondern für eine Arbeitsphase – diese dauern in der Regel eine Woche. Es ist nicht so einfach, mit dem Zug von Stockholm nach Hamburg zu kommen. Das kann bis zu einem ganzen Tag dauern. Das Flugzeug ist da sehr viel bequemer. Ich versuche gar nicht, das nicht zu entschuldigen. Aber da ich schon so wenig Zeit mit meiner Familie habe, versuche ich, so oft wie möglich zu Hause zu sein. Für meine Arbeitsphasen in Hamburg habe ich mir gerade ein Fahrrad gekauft.

ZEIT ONLINE: Als neuer Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters könnten Sie sogar zum Pionier der ganzen Branche werden, indem Sie Konzertreisen einschränken und nur noch in der Region auftreten.

Gilbert: Ich denke nicht, dass das die beste Antwort auf die derzeitige Lage ist. Natürlich haben wir mit den Orchestermusikern konkret über bestimmte Maßnahmen gesprochen. Wir nehmen, wenn wir innerhalb Europas reisen, so oft es geht den Zug. Früher sind wir immer nach München geflogen, heute nutzen wir die Bahn. Und natürlich fragen sich die Orchester auf der ganzen Welt nun viel häufiger: Warum sollen wir auf Tour gehen? Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass dies nicht nur aus Gründen von Eitelkeiten geschieht. Es gibt wichtige künstlerische Gründe für Konzertreisen, sie sind nicht nur eine liebgewordene Gewohnheit.

ZEIT ONLINE: Herr Candotto, glauben Sie, dass ein Neuarrangement den Hörer zum Klimaschützer machen kann?

Candotto: Ich hoffe es sehr. Die Leute kennen die Melodien, die neue Version klingt erst einmal fremd, man wird sich fragen: Was ist los? So klingt dieses Stück doch nicht. Wieso klingt es so? Und genau das ist es. Auf einmal klingen die Jahreszeiten so ungewohnt und fremd, wie sie sich derzeit schon anfühlen.

Gilbert: Es geht uns nicht nur um das Klima. Sondern auch um die Frage, was wir als Orchester tun können, um Menschen näher zusammenzubringen. Menschlichkeit zu teilen, zwischen den verschiedenen Ländern dieser Welt zu vermitteln. Wir erheben nicht den Anspruch, Heilige zu sein. Wir versuchen nur, das Thema mit den Fähigkeiten, die wir als Musiker haben, so gut wie möglich in der Öffentlichkeit präsent zu halten. Dieses Konzert ist nur ein Schritt, aber ich denke, es ist ein würdiger Schritt.