Annika Lasarzik © Melina Mörsdorf

Liebe Leserin, lieber Leser,

als ich neulich mit Kollegen über Online-Shopping und seine Folgen sprach, ließ sich eine Bandbreite an Emotionen beobachten: Empörung, Ratlosigkeit, Scham. Die meisten in der Runde konnten sich gar nicht für ein Gefühl entscheiden. Ähnlich gespalten war das Stimmungsbild in den vielen Lesermails zur "Paketflut":  Während wenige Leserinnen und Leser stolz verkündeten, niemals etwas online zu bestellen ("Ich kaufe IMMER nur lokal!"), gaben viele etwas zerknirscht zu, es doch öfter mal zu tun: "Ist bequem", "Woanders ist es nicht so schnell zu haben", "Man spart Benzinkosten" – und weil der schlechte Service im Einzelhandel einem praktisch keine Wahl lasse. Und es immer weniger Fachgeschäfte gebe. Ob da wohl ein Zusammenhang mit dem Online-Versand…? Egal, weiter: Sehr viele sorgen sich um die Paketboten, nur ein Leser schrieb: "Es ist doch ihre Arbeit! Auch Maurer arbeiten schwer, Altenpflegerinnen auch. Und es ist ein Segen, dass es noch Jobs gibt, für die man keine Ausbildung braucht." (Ich glaube ja, menschenwürdige Arbeitsbedingungen fänden Nicht-Ausgebildete auch ganz gut.)

Aus fast allen Mails sprach allerdings auch eine große Resignation. Insofern haben wir uns besonders gefreut über konstruktive Tipps, eine kleine Auswahl: Selbst die Treppe runterlaufen, dem Boten Trinkgeld geben und mindestens ein Glas Wasser anbieten (oder gleich eine Box mit Snacks und Getränken hinstellen). Sammelbestellungen vorziehen, Verpackungen wiederverwenden. Schauen, welche fairen Shops und Second-Hand-Läden es in der Nähe so gibt (die Auswahl in Hamburg ist groß).

Eine Leserin geht öfter auf einen virtuellen Schaufensterbummel: "Ich lege schöne Dinge in Warenkörbe, aber kaufe sie dann nicht. Weil ich vor dem finalen Klick warte und überlege, ob ich das wirklich brauche." Eigentlich laute die Antwort immer: Nein.

Ich verabschiede mich an dieser Stelle, ab morgen begrüßt Sie hier wieder Florian Zinnecker – kommen Sie gut durch die Woche!

Ihre Annika Lasarzik

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Aktuelles

Donald Tusk und Fridays for Future mit Dönhoff Preis geehrt

Der bisherige EU-Ratspräsident Donald Tusk ist gestern mit dem Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung ausgezeichnet worden. In seiner Laudatio im Hamburger Schauspielhaus würdigte Altbundespräsident Joachim Gauck Tusks Kampf für die Freiheit in Polen und für die Einheit der Europäischen Union. Der Förderpreis ging an die Klimaschutzbewegung Fridays for Future. "Wir ehren sie dafür, dass sie es schaffen, global und solidarisch zu denken in Zeiten, in denen der eigene Fuhrpark und das Schnitzel gar nicht groß und billig genug sein können", sagte die Laudatorin Maja Göpel, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen.

© Axel Heimken/​dpa

SPD-Wahlprogramm: "Grüner wird’s nicht"

Es war ein bewegtes Wochenende für die SPD: Während Ex-Bürgermeister Olaf Scholz im Ringen um den Bundesparteivorsitz eine Niederlage einstecken musste, stimmten sich die Hamburger Sozialdemokraten einmal mehr auf den Wahlkampf ein. Knapp drei Monate vor der Bürgerschaftswahl verabschiedeten sie ein 90-seitiges Wahlprogramm, die Schwerpunkte darin: Wohnen, Verkehr, Klimaschutz und Digitalisierung. Unter anderem versprach Peter Tschentscher (SPD) 4000 statt 300 städtisch geförderter Wohnungen im Jahr und 500 neue Bushaltestellen. Der Bürgermeister bemühte sich um eine deutliche Abgrenzung zum grünen Koalitionspartner: Seit 2012 seien alle Senatsentscheidungen bereits auf mögliche Folgen fürs Klima hin überprüft und CO2-Emissionen reduziert worden. Mit dem Hamburger Klimaplan, der am Dienstag beschlossen werden soll, könne man die Pariser Ziele gar noch übertreffen – und CO2 bis 2030 um mehr als 55 Prozent verringern, versprach Tschentscher, denn: "Grüner wird’s nicht." Und wie geht es nun mit Olaf Scholz weiter? Die verlorene Wahl werde ihn seine Karriere kosten, schreibt Peter Dausend auf ZEIT ONLINE: "Sein gesamtes politisches Schaffen hat Scholz stets an jener Frage ausgerichtet, die ihn am Ende scheitern ließ: Ist das vernünftig?" Die ganze Analyse finden Sie hier.

© Daniel Bockwoldt/​dpa

Religionsunterricht für alle wird ausgebaut

Hamburg führt als erstes Bundesland einen interreligiösen Religionsunterricht ein. Das heißt: Auch jüdische und alevitische Gemeinden sowie drei muslimische Verbände können künftig eigene Religionslehrer stellen. Die Inhalte verantworten alle beteiligten Religionen gleichberechtigt. Dies sei eine "wunderbare Idee für unsere religiös und kulturell vielfältige Stadt", sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD). Ein interreligiöser Modellversuch an der Kurt-Tucholsky-Schule in Altona sei positiv verlaufen, in den kommenden Jahren soll das Konzept schrittweise auf die ganze Stadt übertragen werden. Seit Jahrzehnten gibt es an Hamburger Schulen bereits den "Religionsunterricht für alle", der sich an alle Konfessionen und Religionen richtet. Doch bislang verantwortete die evangelische Nordkirche die Inhalte allein. Wie die katholische Kirche, die sich bisher nicht beteiligt, fortan eingebunden werden könnte, soll mit einem weiteren Modellversuch getestet werden.

Verhungertes Baby Mohamed: Sie haben nichts getan

Die Eltern des verhungerten Mohamed sind wegen Totschlags durch Unterlassen zu jeweils zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Von einem "krassen Betreuungs- und Fürsorgeversagen" sprach der Vorsitzende Richter. Das zweieinhalb Monate alte Kind aus Schnelsen war vom ersten Tag seiner Geburt an nicht richtig ernährt worden. Die Hilfe einer Hebamme lehnte die Mutter ab, Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt nahmen die Eltern nicht wahr. Es war das siebte Kind des Paares. Heute ist die Mutter wieder schwanger. Der Fall scheint klar – doch das Urteil fiel dem Gericht alles andere als leicht. Denn in dieser Familie ist alles widersprüchlich, schreibt Reporterin Elke Spanner. Wie konnte es so weit kommen? Die Hintergründe zum Fall Mohamed lesen Sie auf ZEIT ONLINE.

In einem Satz

Die Hamburg Commercial Bank, die ehemalige HSH Nordbank, streicht laut "Spiegel" bis Ende 2021 weitere 250 Stellen; von ursprünglich 1400 Stellen wären dann noch 700 übrig +++ Der HSV verlor am Freitagabend gegen den VfL Osnabrück 1:2 +++ Am Samstag unterlag der FC St. Pauli Hannover 96 mit 0:1 +++ Und auch die Hamburg Towers verloren am Samstag gegen Medi Bayreuth mit 81:95, nach der sechsten Niederlage in Folge sind die Basketballer Tabellenletzter +++ Am Freitag unterzeichneten Vertreter von Bund, Ländern und Bahn die Finanzierungsvereinbarung für die neue S4 von Altona nach Bad Oldesloe; die Strecke soll rund 1,8 Milliarden Euro kosten, wovon Hamburg knapp 210 Millionen übernimmt

Was heute auf der Agenda steht

Die Hamburger Hafen und Logistik (HHLA) stellt neue Klimaziele und -maßnahmen vor +++ Beim "Bürgerblick" im Hamburg Cruise Center HafenCity werden ab 17 Uhr Entwürfe für den neuen Stadtteil Grasbrook präsentiert +++ Mehr als 2000 Schülerinnen und Schüler backen in der Halle von "Hanseatic Help" Weihnachtskekse für Obdachlosen-Initiativen

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Der Busfahrer

Ein junger Mann mit Hoodie, Sonnenbrille, Vollbart und Stöpsel im Ohr bietet einer älteren Dame seinen Platz an. Er wäre eine der letzten Personen im Bus gewesen, bei der ich das gedacht hätte. Solche Momente sind für mich immer ein Lichtblick.

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburgerinnen und Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

In der Warteschleife: Geflüchtete auf Wohnungssuche

Vor vier Jahren gab es in der Stadt kaum ein anderes Thema als die vielen Geflüchteten. Über 22.000 waren es 2015. Unser Autor Sebastian Kempkens hat sich nun, vier Jahre später, angesehen, wie es mit ihrer Integration läuft. Zwei Monate lang hat er in der Stadt recherchiert und dabei festgestellt, dass vor allem in einem Bereich noch einiges im Argen liegt: 25.000 Geflüchtete haben noch immer keine Wohnung, in der sie bleiben können. Das liegt auch an einem Deal, den Bürgerinnen und Bürger mit der Politik gemacht haben. Was es damit auf sich hat, erzählt Sebastian Kempkens in der Titelgeschichte der aktuellen ZEIT:Hamburg-Ausgabe – zu finden am Kiosk oder mit Digitalabo gleich hier.

© Miguel Ferraz für ZEIT ONLINE

"Wir dürfen den Unterricht schwänzen!"

Ganz so viele wie beim Klimastreik im September waren es nicht: Rund 30.000 Menschen sind am Freitag dem Aufruf von Fridays for future gefolgt. Um fünf nach 12 setzte sich die Demo in Bewegung, zahlreiche Straßen in der Innenstadt wurden gesperrt, der Protest verlief friedlich. Wer sind die Menschen, die in Hamburg für den Klimaschutz auf die Straße gehen? Und wie versuchen sie ganz konkret, ihr Leben nachhaltiger zu gestalten? ZEIT Hamburg hat mit Schülern, Eltern, Wissenschaftlern und Senioren gesprochen – so wie mit den beiden Viertklässlern Joseph, 11 Jahre, und Samuel, 9 Jahre.

"Advent, Advent, die Erde brennt: Diesen Spruch hat mir meine Schwester gesagt, sie hat den irgendwo in der Schule auf einem Plakat gesehen. Und ich finde, er passt richtig gut! Denn wenn die Erde immer heißer wird, gibt es irgendwann keine Eisberge und keine Eisbären mehr – und einige andere Tiere wären auch betroffen. Irgendwann wird dann das Leben auch für uns Menschen schwierig. So weit soll es nicht kommen, deshalb sind wir heute hier. Wir dürfen den Unterricht für die Demo schwänzen. Unsere Eltern haben uns eine Entschuldigung geschrieben."

                                                                                                     Kathrin Fromm

Airbus-Mitarbeiter, die Druck auf den Konzern ausüben wollen, eine Mutter, die nicht mehr fliegt, eine Studentin, die nicht nur die Politik in der Pflicht sieht: Weitere Stimmen von der Hamburger Klimademo haben wir auf ZEIT ONLINE gesammelt.

Was Sie heute erleben können

Mittagstisch:

Kanadische Sauerei

Was sagt es über ein Land aus, dessen Nationalspeise Pommes mit Mozzarella und Bratensoße ist und das übersetzt "Sauerei" heißt? Jedenfalls nicht, dass es gastronomisch sonderlich anspruchsvoll ist. Die Rede ist von Kanada und dem dort angeblich überall anzutreffenden Fast Food "Poutine", welches wiederum im neu eröffneten Frittenwerk angeboten wird. Es ist dann aber nicht so schlimm, wie es sich anhört. Die Pommes jedenfalls sind von überragender Qualität: außen sanft knusprig, innen saftig weich und kaum fettig. Leider werden große Teile der Portion von der (vegetarischen) Soße aufgeweicht. Zusammen kostet das Gericht 5,50 Euro und macht mächtig satt. Natürlich kann man die Pommes auch ganz einfach mit einem von zehn Dips bestellen (ab 3,60 Euro). Oder mit einem von zehn vorgefertigten Toppings – darunter Pulled Pork, Falafeln, Teriyaki-Fleischbällchen oder Bolognesesoße (5,90–7,80). Ein paar wenige Salate gibt es ebenfalls. Das alles wird in elegantem Ambiente mit viel Holz und echtem Moos zu sich genommen. Nett.

Innenstadt, Frittenwerk, Bergstraße 17, ab 11 Uhr

 

Thomas Worthmann

Was geht

Wohin steuert Polen?: Ist Robert Biedroń Polens liberaler Hoffnungsträger? Der Politiker hat 2018 seine Partei Wiosna gegründet, die bisher viel Zulauf erfahren hat. Unter dem Titel "Polnischer Frühling?" diskutiert Biedroń mit der Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Katarina Barley, über die Entwicklung Polens nach der Parlamentswahl. Veranstaltung in englischer Sprache mit deutscher Simultanübersetzung. 

KörberForum, Kehrwieder 12, heute, 19 Uhr, Anmeldung online

Warhol trifft Capote: Eines Morgens steht Andy Warhol vor der Tür. Er kommt im Auftrag des "Rolling Stone"-Magazins, um Truman Capote zu interviewen. Die zwei wandern durch New York, reden über Mörder, Sex und Eichhörnchen. Szenische Lesung: "Andy Warhol / Truman Capote. Ein Sonntag in New York".

Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, heute, 20 Uhr, 10 Euro

Was kommt

Tea-Time: Wie schmeckt Tee am besten? Eine Frage, tausend Antworten. Weltweit sind die Vorlieben verschieden, und doch verbindet das Getränk, ermöglicht gegebenenfalls gar kritische Gespräche. Deutsch-chinesischer Dialog: "Zwischen China und Ostfriesland. Wie schmeckt der Tee am besten?"

Markk, Rothenbaumchaussee 64, Do, 18–21 Uhr, 12 Euro (inkl. Tee und Verköstigung), Anmeldung online.

Konzert: Viele Menschen sehen in Johann Sebastian Bach den größten Komponisten der Musikgeschichte. Zum zweiten Advent klingen Bachs Suiten, Sonaten und Fantasien durch das Goßlerhaus. Konzert: "Der vielfarbige Bach".

Goßlerhaus, Goßlers Park 1, So, 16 Uhr, 20 Euro (inkl. Imbiss)

Hamburger Schnack

Ich sehe auf der Straße einen Mann, der mir vage bekannt vorkommt. Ich kenne ihn, aber woher? Um einer peinlichen Begegnung aus dem Weg zu gehen, blicke ich an ihm vorbei, da steht er plötzlich vor mir und sagt: "Ich habe keine Ahnung."

Gehört von Ruth Eichhorn

Meine Stadt

Hamburg im Adventszauber © Barbara Gehrung

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Die politische Welt des Olaf Scholz bestand immer nur aus einem Wort: Vernunft. Sie sollte ihn zum Kanzler machen. Aber am Ende kostet sie ihn seine Karriere.

Eltern lassen ihr Baby verhungern. Dafür verurteilt sie das Landgericht Hamburg zu einer Bewährungsstrafe. Ein schwieriges Urteil – das findet auch der Richter

Die Flüchtlinge sollen sich in Hamburg integrieren. Doch 25.000 von ihnen haben noch immer keine Wohnung, in der sie bleiben können. Das liegt auch an einem Deal zwischen Bürgern und Politikern (Abo) 

Mit dem Bus in den Urlaub fahren, Plastikmüll vermeiden – diese Menschen aus Hamburg erzählen, warum sie fürs Klima streiken und wie sie ihr Leben nachhaltiger gestalten.