Am Morgen des 7. September ging er, wie so oft, mit dem eigenen Schlüssel in ihre Wohnung. Er traf die 91-Jährige in ihrem Rollstuhl sitzend am Esstisch an. Wahrscheinlich, so die Kammer, drückte er ihr ein Kissen ins Gesicht, bis sie erstickte. Dann rief er den Hausarzt an.

Dass alles doch noch aufgeklärt wurde, ist der Mitarbeiterin des Pflegedienstes zu verdanken, der Ellen Christine L. betreute. Wenige Stunden nach dem Tod der Rentnerin klingelte eine Pflegerin mit dem Mittagessen in der Hand an der Wohnung von Ellen Christine L. Karsten G. öffnete, überbrachte die Todesnachricht und wimmelte die Pflegerin ab – in barschem Ton, wie sie später vor Gericht aussagen wird. Traurig habe er nicht gewirkt. Merkwürdig kam der Pflegerin auch vor, dass er die Seniorin aufgefunden haben wollte. Normalerweise kam er eher am Nachmittag oder frühen Abend zu Ellen Christine L. Außerdem sollte er ausgerechnet an diesem Vormittag eigentlich im Büro des Pflegedienstes erscheinen, um Rechnungen für Pflegeleistungen zu begleichen. Warum also war er stattdessen in der Wohnung? Die Mitarbeiterin rief die Polizei an.

Jetzt kam alles ins Rollen. Die Leiche kam ins rechtsmedizinische Institut. Ergebnis der Untersuchung: Zungenbandriss, Einblutungen im Auge, Bruch des linken Sprunggelenkes. Indizien, die auf Gewalt hinweisen – aber isoliert betrachtet keine Beweise sind. Das Ganze drohte im Sande zu verlaufen. 

Erst eineinhalb Jahre später nahm das Landeskriminalamt sich den Fall noch einmal vor. Polizisten befragten Nachbarn. Und eine Beamtin recherchierte, wer denn eigentlich dieser freundliche Bekannte war, der sich so rührend um die Seniorin gekümmert haben soll. Sie fand ein langes Vorstrafenregister. Viele Verurteilungen wegen Betruges. Und sogar einen Fall, in dem Karsten G. versucht hatte, sich am Konto einer alten Dame zu bedienen, die er zuvor gepflegt haben wollte. Jetzt erschienen die rechtsmedizinischen Befunde in einem anderen Licht. Es gab neue Befragungen und Widersprüche. Der 75-Jährige kam in Haft. "Das Weiterleben von Ellen Christine L. hat für den Angeklagten keinen Sinn mehr gemacht", so der Richter.

Die Verteidiger von Karsten G. hatten auf Freispruch plädiert. Die Beweise würden nicht ausreichen. Sie haben angekündigt, in Revision zu gehen.