Es ist kein versteckter Hinterhof, in dem Gnom, Pauli-Pirat und Wikipeter-HH in ihrer Freizeit am gesammelten Wissen über Hamburg basteln. Etwa an der Frage, wie viele Brücken es hier überhaupt gibt. Die Stadt weiß das nicht. Oder, welche der Stolpersteine, die an die ermordeten Hamburger Juden erinnern, noch fotografiert, mit Informationen und Geo-Daten versehen und ins Netz gestellt werden müssen. Bei 5.600 Steinen ist das schon geschehen. Die drei ergründen auch, wie es um die Baudenkmäler der Stadt steht – was selbst das Denkmalschutzamt nicht immer im Blick hat.

Das Wikipedia-Büro Hamburg, Kontor genannt, liegt im Herzen der Stadt, nur wenige Meter vom Michel entfernt. Verfehlen lässt es sich kaum, sogar die Anreise per Flugzeug und Fernbus ist penibel beschrieben – natürlich auf Wikipedia. Ein blauer Wikipedia-Schriftzug prangt auf der Glasscheibe am Eingang. Die Tür ist offen, so wie jeden Donnerstagabend, an dem Hamburgs Wikipedianer, wie sich die Mitarbeiter selbst nennen, Interessierte zu sich einladen wollen. Ins Leben gerufen wurde das Büro vom Wikipedia-Stammtisch, fünf Jahre ist das nun her.

Das Wikipedia Kontor in der Hamburger Wincklerstraße, im Herzen der Stadt. © Wikipedia Kontor Hamburg


Drinnen gibt es eine Kaffeeküche, einen gemütlichen Sitzsack mit Wikipedia-Logo und Platz für Laptops an einem Konferenztisch. Ein Leuchtturm-Panoramabild ziert eine Wand, ein australischer Wombat auf einem Bücherregal ist das Plüschmaskottchen. Das Kuscheltier trägt sogar einen Orden am Hals: "Wikipedia vor Ort 2018".

Autoren werfen nach Endlos-Debatten entnervt hin

Doch trotz maximaler Offenheit und Büro-Banalitäten hat das Kontor ein Problem: Nur wenige Hamburger wissen, dass es diese Niederlassung der Online-Enzyklopädie in der Stadt gibt – geschweige denn, was Wikipedia dort überhaupt macht. Warum ist das so?

"Die Leute denken, Wikipedia kommt aus der Steckdose und dass wir irgendwo im Netz so vor uns hinklicken", sagt Lukas Mezger. Der Rechtsanwalt klingt, als finde er das halb amüsant, halb frustrierend: "Wir kommen aber nicht aus der Steckdose. Uns gibt es wirklich. Und wir wollen in Hamburg physisch präsent sein." Um etwa mit Ämtern und Kulturinstitutionen kooperieren zu können. Museen und Bibliotheken digitalisieren ihre Bestände; Wikipedia möchte diese Fotos und Dokumente zugänglich machen. Mit dem Museum für Kunst und Gewerbe klappe das bereits sehr gut.

Mezger, Username Gnom, ist ehrenamtlicher Präsidiumsvorsitzender des Fördervereins Wikimedia Deutschland, der auch das Hamburger Kontor finanziert. Er hat eine fast klischeehafte Wiki-Biographie: Den ersten Artikel über einen Maler legte er als Teenager an, während andere lieber über den Fußballplatz jagten. Wenn er etwas Fehlerhaftes im Netz findet, schreibt er auch mal über Waffenrecht, obwohl ihn Waffen kaum interessieren. Dafür liebt er Musik. Eine Woche recherchierte er für einen Artikel über eine denkmalgeschützte Rokoko-Fassade in einem einstigen Hamburger Bürgerhaus. "Dabei wusste ich: Das wird so gut wie niemand lesen."