ZEIT ONLINE: Frau Depenbusch, was reizt Sie so daran, Vögel zu beobachten?

Anna Depenbusch: Die Muße. Wir sind heute so viel damit beschäftigt, das eigene Leben zu optimieren – da entwickeln viele Menschen eine Sehnsucht, wieder zu sich zu finden. Das kenne ich auch, besonders wenn eine neue Platte herauskommt und ich, wie jetzt, in Produktionsstress bin. Bevor meine Gedanken nur noch um die Arbeit kreisen, muss ich raus. Beim Vögelbeobachten kann ich wunderbar entspannen und den Kopf freibekommen.

ZEIT ONLINE: Wo kann man denn in Hamburg gut Vögel beobachten?

Depenbusch: Oft gehe ich an den Weiher im Eimsbütteler Park. Da habe ich schon häufiger Eisvögel gesehen. Wunderbar sind auch das Kaiser-Friedrich-Ufer am Isebekkanal und das Quellental am Jenischpark. Da gibt es auch viele Mäusebussarde und Graureiher. Und natürlich Buntspechte, Grünspechte oder den Schwarzspecht – ein Riesentier. An der Elbe sieht man oft Kormorane, aber die finde ich nicht so spannend. Zurzeit bin ich vor allem auf Eisvogelsuche.

Die Hamburger Musikerin Anna Depenbusch geht in diesem Jahr mit neuem Album auf Tour. © Steven Haberland

ZEIT ONLINE: Warum ausgerechnet Eisvögel?

Depenbusch: Die faszinieren mich gerade besonders. Sie sehen so märchenhaft aus, wie Fabelwesen. Eins meiner neuen Lieder heißt Die Eisvogelfrau. Gewidmet ist es Emmy Noether, einer Mathematikerin. Sie war die erste deutsche Frau, die eine Professur bekommen hat – sozusagen das Fabelwesen des Wissenschaftsbetriebs zu ihrer Zeit.

ZEIT ONLINE: Beeinflussen Vögel Sie auch in musikalischer Hinsicht?

Depenbusch: Wenn ich draußen unterwegs bin, achte ich oft auf die Melodien. Vogelgesang ist unheimlich vielfältig. Für mich als Musikerin ist das Zuhören auch eine Art von Gehörbildung. Es schult das Ohr. Anfangs fand ich es gar nicht so einfach, die verschiedenen Stimmen zu unterschieden. Aber es lohnt sich, genau hinzuhören.

ZEIT ONLINE: Wieso singen Vögel überhaupt?

Depenbusch: Da gibt es verschiedene Theorien. Darwin sagt, dass es nur darum geht, das Revier zu markieren und Weibchen zu beeindrucken. Es gibt aber auch Studien, die sagen: Vögel singen auch einfach so. Es wird ja lange nach der Paarungszeit noch virtuos gesungen. Vielleicht ist das ein romantischer Gedanke, aber ich stelle mir vor, dass sie das einfach machen, weil es schön ist. Und weil sie so miteinander kommunizieren. Wenn ich draußen bin, habe ich oft das Gefühl zu merken, wer sich da gerade mit wem unterhält.

ZEIT ONLINE: Was können Musiker von Vögeln lernen?

Depenbusch: Leichtigkeit. Verspieltheit. Lebensfreude. Und, was ich ganz wichtig finde: im Augenblick zu sein. Das ist ein Zustand, nach dem ich auch als Musikerin ein großes Bedürfnis habe. Deshalb der Titel meiner neuen Platte, Echtzeit. Echtzeit heißt für mich, im Moment ganz anwesend zu sein. Dieses Gefühl erlebe ich auch, wenn ich Vögel beobachte.

ZEIT ONLINE: Sind sie zur Stunde der Wintervögel wieder unterwegs?

Depenbusch: Der Termin steht natürlich im Kalender. Diesmal bin ich gerade in den letzten Zügen meiner Vorproduktion für das Album, deshalb habe ich nicht so viel Zeit. Aber eine Stunde fürs Vögelzählen ist auf jeden Fall drin. Letzten Sommer war ich auch schon dabei. Es sind wirklich viele Leute unterwegs an diesen Aktionstagen. Die Profizähler erkennt man am Klemmbrett mit Excel-Tabelle. Wenn man nicht weiterweiß, kann man die fragen, die erklären einem alles: Wo welche Nester sind, wer gerade mit wem anbandelt und so.

ZEIT ONLINE: Die Profis kennen also die Vögel persönlich …?

Depenbusch: Auch als Laie erkennt man schnell einzelne Tiere. Wenn man nur ein paar Mal guckt, sieht man zum Beispiel Äste, da sitzt zu jeder Uhrzeit der gleiche Vogel und singt. Ich finde das toll.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden Sie einen Vogel vom anderen?

Depenbusch: Eigentlich ist das ganz einfach. Ich benutze immer eine App vom Nabu, da kann man nichts falsch machen. Da gibt es auch Tipps, worauf man achten muss, woran man die Vögel erkennt und wie man sie einordnet. Den Eisvogel mit seinem bunten Gefieder erkennt man natürlich auch so.

Anna Depenbuschs neues Album "Echtzeit" erscheint am 6. März 2020.