Florian Zinnecker © Maria Feck für DIE ZEIT

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn diesen Sonntag Bürgerschaftswahl wäre, gelänge der Hamburger SPD das Kunststück, gleichzeitig zu verlieren und zu gewinnen. Nach der aktuellsten Wahlumfrage, die die Kolleginnen und Kollegen vom "Abendblatt" beim Meinungsforschungsinstitut Forsa in Auftrag gaben, lägen die Sozialdemokraten bei 29 Prozent. Sie hätten also seit der vorigen Wahl ganze 16,6 Prozentpunkte verloren. Aktuell aber lägen sie drei Prozentpunkte vor den Grünen – und das wäre das Entscheidende. Die Grünen wiederum würden seit der letzten Wahl 13,7 Prozentpunkte hinzugewonnen haben, das Kopf-an-Kopf-Rennen mit der SPD verlören sie aber knapp.

Für uns Journalisten, Sie haben es längst bemerkt, ist so eine Wahlumfrage immer auch eine sehr gute Übung im Konjunktiv. Also weiter.

Drittstärkste Kraft wäre laut Umfrage die CDU mit 16 Prozent. Die Linken lägen bei 10, FDP und AfD beide bei 7 Prozent. Jüngere Wählerinnen und Wähler sähen laut Umfrage lieber Katharina Fegebank (Grüne) an der Spitze, die Älteren lieber Peter Tschentscher (SPD). Ist das eine Überraschung? Nein. Wirklich abzusehen war es aber auch nicht.

Für Politiker sind Wahlumfragen bekanntlich mit großer Vorsicht zu genießen. Sie zeigen einen Trend, mehr nicht, sie sind nicht zu unter-, aber auch nicht zu überschätzen.

Ganz wirkungslos bleiben Umfragen hingegen nur selten. Dass die SPD und die Grünen beide schier uneinholbar vorn liegen, könnte eine selbstbestätigende Wirkung haben. Dann geben Wähler, die beispielsweise Frau Fegebank verhindern wollen, ihre Stimme taktisch der SPD, obwohl ihr Herz eigentlich für die FDP  schlägt. Andererseits mag es auch Wähler geben, die nur deshalb die Grünen wählen, weil sie Peter Tschentscher nicht leiden können und ihre Stimme bei jeder anderen Partei verschwendet wähnen. Die kleinen bürgerlichen Parteien bekommen so ein zusätzliches Problem – einfach nur, weil jemand eine Umfrage gemacht hat.

Klingt kompliziert? Ist es auch. Und das ist vielleicht das Verlässlichste, das sich über Wahlumfragen sagen lässt: dass man mit Logik allein zwar weit, aber nur selten zum Ziel kommt.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihr Florian Zinnecker

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WAS HEUTE WICHTIG IST

© Axel Heimken/​dpa

Im Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof will das Gericht nach einem Bericht des "Spiegels" die Glaubwürdigkeit eines Zeugen überprüfen. Der 76-jährige Nebenkläger hatte im November ausgesagt, er sei als Baby mit seiner jüdischen Mutter in Stutthof inhaftiert gewesen. Offenbar gibt es jedoch keine Hinweise auf jüdische Vorfahren des Mannes.

Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hat in Fragen des Klimaschutzes vor einer Spaltung der Gesellschaft gewarnt. "Wir dürfen keine politischen Blockaden verursachen, indem wir einen Teil der Bevölkerung gegen einen anderen Teil aufbringen oder soziale Fragen gegen den Klimaschutz stellen", sagte Tschentscher der Deutschen Presse-Agentur.

Die Trauerfeier für den verstorbenen Hamburger Schauspieler Jan Fedder ("Großstadtrevier") kann im Fernsehen live mitverfolgt werden. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) überträgt am Dienstag, 14. Januar, ab 13.45 Uhr live aus dem Michel, wie der Sender am Montag mitteilte.

In aller Kürze

Der Senat beschließt heute die Gründung der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen, die bereits zum 1. Januar ihre Arbeit aufgenommen hat • Der Hamburger SV hat mit einer doppelten Trainingseinheit die Weihnachtspause beendet • Bei einem Brand in einem Mehrfamilienhaus in Farmsen ist eine 77-jährige Frau ums Leben gekommen; laut Feuerwehr war das Treppenhaus so verraucht, dass einige Bewohner nicht nach draußen gelangen konnten

THEMA DES TAGES

"Es ist verletzend, solche Aussagen zu lesen"

Mit seiner Ankündigung, wegen finanzieller Schwierigkeiten des Erzbistums Hamburg die katholischen Schulen zu schließen, machte sich Erzbischof Stefan Heße in der Hamburger Bevölkerung keineswegs nur Freunde. Die Sparmaßnahme schlug hohe Wellen, sogar ein Gegenbündnis formierte sich, prominente Kritiker griffen den Bischof öffentlich an. Jetzt wehrt sich Heße – und erklärt, worin er die Zukunft seiner Kirche sieht. Lesen Sie hier einen Auszug des Interviews, das Kilian Trotier mit Heße geführt hat.

DIE ZEIT: Herr Erzbischof, vor zwei Jahren haben Sie verkündet, in Hamburg bis zu acht Schulen schließen zu müssen. Heute ist klar: Es werden sechs, und der Ärger ist weiterhin groß. Haben Sie Albträume davon?

Stefan Heße: Nein, überhaupt nicht. Ich will nicht leugnen, dass ich wegen der Schulen manche schlaflose Nacht hatte. Aber Albträume nicht. Weil ich mehr denn je davon überzeugt bin, dass die Entscheidung in der Sache richtig ist.

ZEIT: Warum haben Sie es nicht geschafft, die Hamburger Katholiken von der Notwendigkeit der Schließungen zu überzeugen?

Heße: Weil es keine allein rationale Angelegenheit ist. Es ist für jeden Menschen schwer, etwas, das er lieb gewonnen hat, aufzugeben. Dabei darf man nicht verkennen: Im gesamten Erzbistum betreiben wir weiterhin 17 Schulen und investieren in den nächsten zehn Jahren über 100 Millionen Euro, um sie zukunftsfähig zu machen.

ZEIT: Es gibt prominente Gläubige, die sich zur sogenannten Adventsrunde zusammengeschlossen haben. Unter ihnen sind die Unternehmer Eugen Block und Cord Wöhlke sowie die PR-Managerin Alexandra von Rehlingen. Sie wollen Sie dazu bringen, die Schulschließungen rückgängig zu machen. Haben sie eine Chance?

Heße: Die Entscheidung ist unter Beteiligung aller Gremien einhellig gefallen. Sie steht fest, und wir müssen und werden sie jetzt umsetzen. Insofern wird das Engagement dieser Runde nicht zu einer Veränderung der Sachlage führen.

ZEIT: Als Ihr Verhältnis noch besser war, haben Sie Eugen Block einen Einblick in die Zahlen des Bistums ermöglicht. Bereuen Sie das?

Heße: Ich habe es getan in der Hoffnung, ihn damit überzeugen und gewinnen zu können. Man weiß im Vorhinein nie, was am Ende rauskommt. Aber mein Ziel ist es, so viele Menschen wie möglich im Erneuerungsprozess des Erzbistums mitzunehmen.

ZEIT: Bei Eugen Block ist das schiefgegangen. Er hat von einem Unternehmensberater ein eigenes Gutachten zur Finanzlage des Erzbistums erstellen lassen und öffentlich verkündet: "Das Bistum ist reich, nicht arm. Der Generalvikar lügt."

Heße: Das ist starker Tobak, so etwas über die Presse zu lancieren. Es ist auch verletzend, solche Äußerungen zu lesen. Warum sollten wir ein Interesse daran haben, uns ärmer zu machen, als wir sind? Wir sind doch froh über alles, was wir haben.

Wie Heße die Schulschließungen im Detail rechtfertigt und mit welchen weiteren Maßnahmen er das Erzbistum aus den Schulden retten will, lesen Sie in der vollständigen Fassung des Interviews auf ZEIT ONLINE.

DER SATZ

© Christian Charisius/​dpa

"Und dann saß ich mit meinem Seesack auf der Wiese vor dem Atlantic und hab gedacht, da werde ich später mal wohnen."

Udo Lindenberg

Viel Eierlikör ist geflossen, seit Udo Lindenberg Anfang der Siebziger auf der Reeperbahn sein Revier absteckte und der Welt bewies, wie weit es ein Junge aus der Provinz kraft seines Egos bringen kann: in die Großstadt, in die Welt – und beinahe ins Nirwana. Der Film "Lindenberg! Mach dein Ding" (Regie: Hermine Huntgeburt) erzählt davon, wie alles begann. Und natürlich wird der Panikrocker sich die Ehre geben, wenn der Streifen heute Abend im Cinemaxx-Kino am Dammtor Weltpremiere feiert, der rote Teppich ist schließlich sein natürliches Habitat. Grandezza, Komfort, illustre Gesellschaft: Wo sonst käme die demonstrative Lässigkeit eines mit allen Feuerwassern gewaschenen Altstars besser zur Geltung? Daher auch das Hotel Atlantic, mit dem Lindenberg seit 1994 in inniger Symbiose lebt. Wieso sie beide nicht ohne einander können, hat Daniel Haas schon 2016 in der ZEIT Hamburg beschrieben. Sein zeitloses Psychogramm zweier Hamburger Instanzen lesen Sie hier auf ZEIT ONLINE.

WAS SIE HEUTE ERLEBEN KÖNNEN

Filmmusik: Weder der "Weiße Hai" noch "Star Wars" wären ohne seine Meisterwerke ausgekommen, die Laeiszhalle präsentiert "The Music of John Williams".

Laeiszhalle, Großer Saal, Johannes-Brahms-Platz, heute, 20 Uhr, ab 51,70 Euro

Buchkino: Henri Hahn entdeckt in einem Rezept eine neue Zutat – ein Ei. Bilderbuchkino für Kids ab vier Jahren: "Wie Henri Henriette fand".

Bücherhalle Mümmelmannsberg, Feiningerstraße 8, heute, 15–15.30 Uhr, Eintritt frei

Solo-OP: Der Musikkabarettist Tristan Brusch nimmt "Operationen am faulen Zahn der Zeit" vor – heute in Hamburg.

Prinzenbar, Kastanienallee 20, heute, 20.30 Uhr, VVK 19 Euro

Verlosung: In der Konzertreihe #übelst_unverstärkt kommen Musiker des NDR Elbphilharmonie Orchesters in kammermusikalischen Formationen mit berühmten Solisten zusammen. Im Januar sind Christian Tetzlaff, Tanja Tetzlaff und Lars Vogt zu Gast, um Werke von Schostakowitsch und Brahms in ungewohnter Umgebung zu spielen. Wir verlosen dreimal zwei Karten für das Konzert am 11. Januar ab 21 Uhr im Uebel & Gefährlich auf St. Pauli. Senden Sie uns bis morgen, 12 Uhr, eine E-Mail mit dem Betreff "#übelst_unverstärkt" an hamburg@zeit.de. Viel Glück!

MEINE STADT

Auch Abrissunternehmer haben Gefühle. © Jens Kraft

HAMBURGER SCHNACK

In der Buslinie 25. Eine Frau stöhnt vor sich hin. "Das Einkaufen ist so anstrengend!" Die Person gegenüber fragt: "Gibt es dort, wo Sie wohnen, keine Geschäfte?""Doch, doch! Alles! Muss nur über die Straße gehen. Aber meine Enkel schenken mir jedes Jahr so ’ne HVV-Jahreskarte – und was soll ich damit? Jetzt muss ich sie doch nutzen!"

Gehört von Jochen Waibel

DIE HEUTIGE AUSGABE ZUM VERTIEFTEN LESEN

"Es ist verletzend, solche Aussagen zu lesen" – Erzbischof Stefan Heße wird von Kritikern angegriffen, weil er sechs katholische Schulen schließt. Jetzt wehrt er sich – und erklärt, worin er die Zukunft seiner Kirche sieht.

Der Lobbyist – Udo Lindenberg wohnt schon ewig im Atlantic. Das Hotel und der Rockstar – wie passt das eigentlich?