Liebe Leserin, lieber Leser,

Politik kann so bunt sein! Zumindest in jener Phase, die man gern den "heißen Wahlkampf" nennt – und ganz besonders, wenn es darum geht, Machtkonstellationen auszuloten. In Hamburg jedenfalls ließen sich in den vergangenen Tagen derart schillernde Farbenspiele beobachten, dass einem fast schwindlig wurde. Starten wir also mit einer kleinen Sortierung in die Woche: Die SPD möchte nur dann mit den Grünen koalieren, wenn sie selbst als stärkste Kraft aus der Bürgerschaftswahl hervorgeht. Sagt Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) – wobei Fraktionschef Dirk Kienscherf gegenüber der Mopo kürzlich dann doch "keine Koalition ausschließen" wollte. Die Grünen setzen weiter auf "Grün-Rot", unterstreichen nicht zuletzt mit dem ganz auf Spitzenkandidatin Katharina Fegebank zugeschnittenen Wahlkampf ihren Führungsanspruch. Und nachdem sich CDU-Spitzenkandidat Marcus Weinberg in der "Bild" vom wirtschaftspolitischen Kurs der Grünen distanzierte, scheint eine Koalition mit der CDU, vorher eine denkbare Option, in die Ferne gerückt. Die FDP indes strebt ein Bündnis aus SPD, FDP und CDU an, die Linke will in der Opposition bleiben, die AfD dürfte keine Koalitionspartner finden.

Und dann wäre da noch Ole von Beust. Hamburgs ehemaliger Bürgermeister ist mit einem Interview in der Welt am Sonntag nun gewissermaßen auch in den Wahlkampfring gestiegen, er legt seiner Partei ein Dreierbündnis nahe, mit: den Grünen. Die dritte Partei im Bunde ließ er offen, dort bleibt also Raum für Fantasie.

Sie sehen, es ist kompliziert, zumal manche parteiinterne Debatte offenbar noch ausgefochten werden muss. Rot-Grün, Grün-Rot, Rot-Gelb-Schwarz, Grün-Schwarz-Gelb? Am Ende gilt: Mehrheit ist Mehrheit, so funktioniert Demokratie. Schön wäre, wenn dabei eine Frage nicht ganz verloren ginge: welches Bündnis stabil zusammenarbeiten und Hamburg voranbringen kann.

 Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! 

 Ihre Annika Lasarzik

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WAS HEUTE WICHTIG IST

© Axel Heimken/​dpa

Am 11. Januar 2017 wurde die Elbphilharmonie eröffnet, drei Jahre später ist das Konzerthaus noch immer ein Besuchermagnet. 904.000 Menschen kamen zu den 731 Konzerten und Veranstaltungen in der Saison 2018/2019. Allein diese Zahlen lassen erahnen: Hinter der Elbphilharmonie verbirgt sich eine riesige Maschinerie. Wie die wichtigsten Räder im Getriebe arbeiten und wer vom Erfolg profitiert, hat Florian Zinnecker vergangenen Sommer recherchiert, seinen Text finden Sie hier.

84 Das Vorhaben ist umstritten, Kritiker werten es als "Kniefall vor den Ultras" (wir berichteten). Am Freitag verhandelt das DFB-Sportgericht über die Einwände des HSV und des FC St Pauli gegen die Strafen wegen brennender Pyrotechnik beim Zweitliga-Derby im September. Die Vereine waren zu Strafen von 200.000 bzw. 120.000 Euro verurteilt worden.

Die AfD hat ihren Landesvorsitzenden Dirk Nockemann auf dem Parteitag in Dulsberg mit 88 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Gegenkandidaten gab es nicht, Stellvertreter wird der Co-Fraktionsvorsitzende Alexander Wolf. Die Presse wurde zeitweise des Saales verwiesen, etwa 750 Menschen waren laut Polizei dem Aufruf des "Bündnis gegen Rechts" zu einer Protestkundgebung gefolgt. 

In aller Kürze

Auf dem Containerterminal Altenwerder sind gestern Nachmittag mehrere Fässer mit hoch ätzender Säure leckgeschlagen, die Feuerwehr rückte zu einem Großeinsatz aus +++ Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht beginnt heute der Prozess gegen einen 27-Jährigen, der für den IS in Syrien gekämpft haben soll +++ Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) überreicht heute die Johannes-Brahms-Medaille an den Dirigenten und ehemaligen Intendanten der Hamburgischen Staatsoper Christoph von Dohnányi +++ Etwa 2000 Menschen haben am Wochenende friedlich gegen die Unterdrückung der Volksgruppe der Uiguren in China demonstriert; laut Verfassungsschutz standen Islamisten hinter dem Aufruf +++ Der HSV leiht Mittelfeldspieler Louis Schaub vom 1. FC Köln bis zum Saisonende aus +++ 

THEMA DES TAGES

© Steven Haberland

"Es lohnt sich, genau hinzuhören"

Tausende Vogelfans durchstreiften am Wochenende Hamburgs Parks, Uferwege und Kleingartenkolonien: NABU und Ornithologische Arbeitsgemeinschaft hatten zur Vogelzählung aufgerufen. Auch die Hamburger Liedermacherin Anna Depenbusch ist oft mit Fernglas im Freien unterwegs und sucht nach gefiederten Sängern. Kurz bevor auch sie zur "Stunde der Wintervögel" ausrückte, haben wir die Hobby-Ornithologin nach ihrer Leidenschaft befragt – und erfahren, was Musiker von Vögeln lernen können.

Elbvertiefung: Frau Depenbusch, was reizt Sie so daran, Vögel zu beobachten?

Anna Depenbusch: Die Muße. Wir sind heute so viel damit beschäftigt, das eigene Leben zu optimieren – da entwickeln viele Menschen eine Sehnsucht, wieder zu sich zu finden. Das kenne ich auch, besonders wenn eine neue Platte herauskommt und ich, wie jetzt, in Produktionsstress bin. Bevor meine Gedanken nur noch um die Arbeit kreisen, muss ich raus. Beim Beobachten der Vögel kann ich wunderbar entspannen und den Kopf frei bekommen.

EV: Wo kann man denn in Hamburg gut Vögel beobachten?

Depenbusch: Oft gehe ich an den Weiher im Eimsbütteler Park. Da habe ich schon häufiger Eisvögel gesehen. Wunderbar sind auch das Kaiser-Friedrich-Ufer am Isebekkanal und das Quellental am Jenischpark. Da gibt es auch viele Mäusebussarde und Graureiher. Und natürlich Buntspechte, Grünspechte oder den Schwarzspecht – ein Riesentier. An der Elbe sieht man oft Kormorane, aber die finde ich nicht so spannend. Zurzeit bin ich vor allem auf Eisvogelsuche.

EV: Beeinflussen Vögel Sie auch in musikalischer Hinsicht?

Depenbusch: Wenn ich draußen unterwegs bin, achte ich oft auf die Melodien. Vogelgesang ist unheimlich vielfältig. Für mich als Musikerin ist das Zuhören auch eine Art von Gehörbildung. Es schult das Ohr. Anfangs fand ich es gar nicht so einfach, die verschiedenen Stimmen zu unterscheiden. Aber es lohnt sich, genau hinzuhören.

EV: Was können Musiker von Vögeln lernen?

Depenbusch: Leichtigkeit. Verspieltheit. Lebensfreude. Und, was ich ganz wichtig finde: im Augenblick zu sein. Das ist ein Zustand, nach dem ich auch als Musikerin ein großes Bedürfnis habe. Deshalb auch der Titel meiner neuen Platte, "Echtzeit". Echtzeit heißt für mich, im Moment ganz anwesend zu sein. Dieses Gefühl erlebe ich auch, wenn ich Vögel beobachte.

Warum sie gerade der Eisvogel fasziniert, wieso Vögel überhaupt singen und wie sich einzelne Exemplare beim Zählen unterscheiden lassen – darüber spricht Anna Depenbusch in der langen Fassung des Interviews, das Sie hier auf ZEIT ONLINE finden.

DER SATZ

© Axel Heimken/​dpa

"Der Linksextremismus wird zunehmend militant – er ist auf dem Weg, die Schwelle des Linksterrorismus zu erreichen."

Torsten Voß, Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz in Hamburg

Der Angriff auf Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) im Dezember, Morddrohungen gegen Politiker, die Ausschreitungen in der Leipziger Silvesternacht: Vorfälle wie diese haben bundesweit eine Debatte über Linksextremismus ausgelöst. Und obschon die Hintergründe noch nicht gänzlich aufgeklärt sind, ist der Kampf um die Deutungshoheit längst in vollem Gange: Sind die jüngsten Angriffe Einzelfälle oder Ausdruck einer neuen Gewaltbereitschaft der Szene? Der Hamburger Verfassungsschutzchef Torsten Voß hat eine klare Antwort auf diese Frage – im Interview mit Marc Widmann erklärt er, wie er zu seiner Einschätzung kommt. Warum wächst die militante Szene, um die es nach den G20-Krawallen scheinbar so ruhig geworden war, wie vernetzt sie sich – und wie ließe sich eine weitere Radikalisierung verhindern? Die Antworten lesen Sie in der aktuellen ZEIT oder mit Z+ gleich hier.

WAS SIE HEUTE ERLEBEN KÖNNEN

Mobile Metropole: Wie sieht die Stadt von morgen aus? Diskussion: "Mobile Zukunft" über Forschungsansätze von Stuttgart bis ins Silicon Valley.
Körber-Stiftung, Kehrwieder 12, heute, 19.30 Uhr, Eintritt frei, Restplätze ab 30 Minuten vor Beginn

Punk für Große: Im Wiener Underground sind die "Dives" bekannt für Surf- und Garage-Punk. Jetzt starten sie mit ihrem Debut-Album durch: "Teenage Years Are Over". 
Hafenklang
, Große Elbstraße 84, heute, 21 Uhr, 15 Euro

Lesung : Wer wie Thees Uhlmann zwischen Helmut Schmidt und Angela Merkel als Punk aufwächst, der liebt Die Toten Hosen – und schreibt mitunter ein gleichnamiges Buch.
Laeiszhalle
, Kleiner Saal, Johannes-Brahms-Platz, morgen, 20 Uhr, VVK 30,75 Euro

Zum Vormerken: Womöglich hat sich Gott bereits vom Menschen abgewandt. Komödie über die großen Fragen unserer Zeit: "Die Entdeckung des Himmels".
Altonaer Theater, Museumstraße 17, Premiere am 19.1., 19 Uhr, ab 20 Euro 

Verlosung: Kaum war der Termin für das ZEIT:Hamburg-Wahlduell mit Peter Tschentscher (SPD) und Katharina Fegebank (Grüne) verkündet, war die Veranstaltung auch schon ausgebucht. Wer dennoch erleben möchte, wie sich die beiden Spitzenkandidaten den Fragen zu Schlüsselthemen des Wahlkampfs stellen, hat jetzt noch eine Chance. Wir verlosen 5x 2 Karten für das ZEIT:Hamburg-Wahlduell am Sonntag, 19. Januar ab 17:00 Uhr in der Bucerius Law School. ZEIT:Hamburg-Ressortleiter Marc Widmann und Charlotte Parnack, Leiterin des Ressorts Streit, moderieren das Aufeinandertreffen. Senden Sie uns bis morgen 12 Uhr eine E-Mail mit dem Betreff "Wahlkampfduell" an hamburg@zeit.de. Viel Glück!

MEINE STADT

...auf einen grauen Tag in Hamburg. © Nadine Valet

HAMBURGER SCHNACK

Jacob, 4 Jahre: "Mama, wenn ich groß bin, heirate ich Anton. Männer können auch gegen Männer heiraten!"

Gehört von Annette Halstrick

DIE HEUTIGE AUSGABE ZUM VERTIEFTEN LESEN

Feldzug gegen die Feuerteufel: Der HSV muss eine Rekordstrafe zahlen, weil Fans im Stadion Pyrotechnik abbrannten. Jetzt will der Verein den Ultras entgegenkommen – kann das funktionieren?

"Es lohnt sich, genau hinzuhören" –  Was ist so faszinierend daran, Vögel zu zählen? Die Hamburger Liedermacherin Anna Depenbusch macht bei der "Stunde der Wintervögel" mit – schon aus fachlichen Gründen. Im Interview erklärt sie, was Musiker von Vögeln lernen können.

Er will das wegstecken (Z+) – Hamburgs Innensenator wurde im Dezember von Linksradikalen angegriffen. Der Verfassungsschutz zeigt sich alarmiert. Der Senator hält ein anderes Lager für gefährlicher.

"Nicht jeder Antifaschist ist ein Demokrat" – Der Chef des Hamburger Verfassungsschutzes Torsten Voß spricht im Interview über die zunehmende Militanz in der linksextremistischen Szene