In der aktuellen ZEIT Hamburg bekräftigt der katholische Erzbischof Stefan Heße die Entscheidung, sechs Schulen des Bistums zu schließen – die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hätten ihm keine Wahl gelassen. In derselben Ausgabe hält eine ehemalige Schülerin des betroffenen Niels-Stensen-Gymnasiums in Harburg ihm vor: Nicht nur für seine Finanzen trage das Bistum Verantwortung, sondern auch für seinen Nachwuchs. Besonders geflüchtete Christen seien darauf angewiesen, dass die Kirche ihren Kindern ein Lernen in der Glaubensgemeinschaft ermögliche, schreibt die Tochter aramäischer Christen in einer Anzeige. Auch Martin König-Konerding, Lehrer an der katholischen Schule in Altona, ist von den Sparmaßnahmen des Bistums persönlich betroffen – und bestürzt über die Haltung, die aus seiner Sicht dahintersteht. Hier begründet der Lehrer seine Kritik:

Auf Seite 6 lese ich die um Verständnis für seine Schulschließungspläne bittenden Worte des Erzbischofs und acht Seiten weiter die eindringliche Bitte einer Schülerin, doch diese Schulschließungen zurückzunehmen. Genau zwischen diesen Positionen befinde ich mich als Lehrer an einer der Schulen, die vom Schließungsentschluss des Erzbischofs betroffen ist.

Da soll ich als vom Erzbistum angestellter Lehrer Verständnis für das Vorgehen des Erzbischofs zeigen und eben die Sachzwänge begreifen und die Entscheidung des Erzbischofs akzeptieren. Aber viel stärker als alles rationale Verstehen und Nachvollziehen der sogenannten Sachzwänge wiegt eben mein "Herzblut", das ich für diese unsere Schule und die ihr anvertrauten Kinder eingesetzt habe.

Und hier spricht mir die ehemalige Schülerin des Niels-Stensen-Gymnasiums mit ihrem Appell an Erzbischof Heße tief aus der Seele. Mit ihr kann ich mich nur als verantwortlicher Lehrer und Sprecher von Kindern sehen, die unsere Schule mehr denn je brauchen, denen ein Ort religiösen und gemeinschaftlichen Lebens "geraubt" wird, den sie doch so dringend brauchen und den sie so nicht wiederfinden werden. In dieser Lage als Lehrer einer "sterbenden" Schule kann ich mich nur als Opfer einer auf vornehmlich finanzielle Erwägungen und wirtschaftliche Kalküle orientierte Kirchenpolitik fühlen, die eben das Sterben unserer Schule in Kauf nimmt, die das Heimatlos-Werden von Kindern eben für nicht so wichtig ansieht wie die finanzielle Gesundung der Bistumskasse.

In einer Zeit, wo Kindern in griechischen Flüchtlingslagern nicht geholfen wird, wo Europa zuschaut, welches Elend und Leid Kinder erdulden müssen, nur um (wie es so schön neutral heißt) "die Außengrenzen zu sichern", wo man Leid und Elend unschuldiger Kinder einplant, um weitere Menschen von der Flucht abzuschrecken (dies ist nur ein aktuelles Beispiel für den unmenschlichen "Zeitgeist", der in unserer Politik vorherrscht) – in einer solchen Zeit passt sich unsere katholische Kirche im Erzbistum Hamburg diesem Zeitgeist an, denkt eben auch vornehmlich wirtschaftlich kalkulierend und rational ökonomisch planend und schließt Schulen, die im sozialen Brennpunkt mehr denn je gebraucht werden. Die Botschaft Jesu ist meines Erachtens eine andere. Dieser Jesus hat eindeutig Partei bezogen, aufseiten der Unterdrückten und Rechtlosen gestanden und ist dafür, auch im Namen der damals religiösen Führer, gekreuzigt worden.

Eine Kirche, die vornehmlich ihre wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zur Ausgangsposition ihres kirchenpolitischen Handelns macht, verrät diesen befreiend-solidarischen Geist Jesu. Und die Leidtragenden und Opfer sind dann eben wieder die vielen namenlosen Schüler, Kinder, die eigentlich keine Lobby haben, Kinder, die unsere katholische Schule als Heimat und Ort erlebten Glaubens, als zukunftsweisenden Erfahrungsort internationaler Solidarität so dringend brauchen. Dieses kann und will ich, bei allem Verständnis für die Sichtweise des Erzbischofs, nicht verschweigen und mich auch nicht mit den Schließungsplänen einfach nur abfinden.

Wahrscheinlich kann dieser mein Brief nur wenig bewirken, aber es war mir doch ein großes Bedürfnis, mein Gefühl als betroffener Lehrer, der an einer "sterbenden" Schule unterrichtet, einmal Ausdruck zu verleihen. Bestärkt in meiner Sichtweise und in meinem Empfinden fühle ich mich auch durch das "Feedback" zahlreicher Nichtkatholiken und Außenstehender. Ein 100-jähriger Freund unserer Schule sagte: "Dass in der heutigen Zeit Bildungsstätten ihre Türen für immer schließen müssen, ist für mich nicht nachvollziehbar."