Hamburg soll "Fahrradstadt" werden, aber der Radverkehrsanteil steigt deutlich langsamer als angestrebt. Womöglich hat das mit den tödlichen Unfällen zu tun, die sich immer wieder ereignen: Erst in der vergangenen Woche verlor ein 76-jähriger Radfahrer in Wandsbek sein Leben, der Fahrer eines Müllwagens hatte ihn beim Abbiegen übersehen. Womöglich aber hat es auch damit zu tun, wie die Radwege in Hamburg gestaltet sind: Vor allem an Hauptverkehrsstraßen verläuft oft lediglich ein sogenannter Radfahrstreifen, vom motorisierten Verkehr nur getrennt durch eine Markierung. Wir haben einen Hamburger Familienvater gefragt, warum er seine Kinder darauf nicht fahren lässt.

Ich will nicht sagen, dass die Planer der Hamburger Radwege keinen Verstand haben, nur sehe ich den Verstand nicht. Ich finde die Radwege gefährlich! Meine Frau und ich haben zwei Kinder, unser Sohn ist viereinhalb Jahre alt, unsere Tochter ist sieben und geht seit einem halben Jahr zur Schule. Wenn sie etwas älter ist, könnte sie dort theoretisch mit dem Fahrrad hinfahren, das wären etwa zwei Kilometer. Abseits des Fußweges kommt das für meine Frau und mich aber nicht infrage – auch nicht, wenn wir unsere Tochter begleiten würden.

Wir wohnen in Uhlenhorst, der Schulweg führt entlang mehrerer Hauptstraßen. Und dort gibt es fast nur noch diese Radfahrstreifen, die auf die Fahrbahn gepinselt sind. Das bedeutet, dass unsere Tochter direkt neben Autos fahren würde, neben Bussen, Lastwagen und Kleintransportern. Da besteht einfach die Gefahr, dass sie umgefahren wird. Da braucht es doch nur einen winzigen Fehler und sofort entsteht eine lebensgefährliche Situation.

Das liegt in meinen Augen vor allem daran, dass die Radwege nicht vom Autoverkehr getrennt sind, da gibt es keinen Bordstein, keine Barriere, das ist alles eine Asphaltfläche. Ein Beispiel: Inzwischen steht in Hamburg ja andauernd irgendwo ein Lieferant oder Paketbote mitten auf der Fahrbahn. Das heißt, die Autos dahinter scheren in den Gegenverkehr aus, um zu überholen. Natürlich meinen die Fahrer, eine Lücke zu sehen. Aber was, wenn sie sich verschätzen? Dann weicht das entgegenkommende Auto oftmals nach rechts aus – auf den Radfahrstreifen, wo genau in dem Moment vielleicht ein Radfahrer fährt.

Das habe ich selbst schon oft genug erlebt, sowohl als Rad- als auch als Autofahrer. Natürlich muss man als Autofahrer aufpassen, aber ich bin ja auch nicht frei von Fehlern, und sicher ist doch: Wenn die Radwege nur auf die Fahrbahn gepinselt sind, ist die Gefahr einfach viel größer, dass in solchen Situationen etwas Schlimmes passiert.

Als die Fahrradwege noch neben dem Fußgängerweg verliefen, getrennt von den Autos, gab es diese Gefahr nicht. Ich will nicht sagen, dass früher alles besser war. Aber wenn ich in Holland unterwegs bin, in Den Haag, in Apeldoorn, in Amsterdam, dann frage ich mich, warum wir nicht mal in unserer direkten Nachbarschaft nachgucken, wie gute Fahrradwege gebaut werden. Da gibt es nämlich eine Trennung von Rad und Auto, außerdem auch von Rad und Fußgängern, sodass sich da niemand in die Quere kommt.

Ich kenne das Argument, dass diese gepinselten Radfahrstreifen angeblich dafür sorgen, dass Fahrradfahrer besser wahrgenommen werden und dass das Risiko für sie dadurch sinkt. Ich halte das für Quatsch – denn wenn doch was passiert, entstehen viel gefährlichere Situationen. Das Problem mit dem Platz lasse ich ja gelten, natürlich kann man nicht in jeder Straße breite Wege für alle bauen. Aber wenn der Platz reicht, um einen Radfahrstreifen auf die Fahrbahn zu pinseln, dann muss er doch auch reichen, um einen Radweg neben dem Fußweg zu führen, getrennt von den anderen Verkehrsteilnehmern!

Ich verstehe nicht, weshalb die Politik die Radwege nicht so baut, dass sie für alle Verkehrsteilnehmer den Stress reduzieren – anstatt ihn zu erhöhen. Das würde auch das Miteinander auf der Straße stärken, und das fehlt im Moment ja zur Gänze. Es werden immer mehr Autos zugelassen, immer mehr Radwege auf die Fahrbahn gemalt, es ist ein einziger Kampf.

Unsere Tochter jedenfalls fahren wir derzeit mit dem Auto zur Schule, und das wird bis auf Weiteres auch so bleiben.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version enthielt der Text zwei Fehler. Wir haben in Absprache mit dem Familienvater beide korrigiert. Erst durch die Rückmeldungen auf den Text wurde ihm klar, dass seine Tochter bis zum Alter von acht Jahren den Gehweg benutzen muss und bis zum Alter von zehn Jahren den Gehweg benutzen darf. Zudem hatte er fälschlicherweise angenommen, dass ihm und seiner Frau eine Verwarnung oder ein Bußgeld drohen, wenn sie mit ihren Kindern auf dem Gehweg fahren. Laut StVO darf jedoch auch eine Aufsichtsperson auf dem Gehweg Rad fahren, sofern sie ein Kind begleitet, das unter acht Jahre alt ist. Wir bitten die Fehler zu entschuldigen.