Coolstes Urgestein ever – Seite 1

Großer Aufmarsch vor dem Michel, Hunderte sind gekommen, um Jan Fedder die letzte Aufwartung zu machen. Die Polizei muss das Kopfsteinpflaster vor dem Eingang freihalten, damit der Leichenwagen – ein alter Mercedes von 1983, schließlich war der Verstorbene Oldtimer-Sammler – durchkommen kann. Ben Becker schaut vom Fenster des "Old Commercial Room" aus auf die Menschen , die um den Michel stehen, mit roten Augen, Taschentüchern in der Hand und "Tschüss Jan"-Plakaten auf dem Arm. Die Herren mit Cowboyhut und schwarzer Westernkluft – das sind doch Truck Stop, die die Titelmelodie zum Großstadtrevier gespielt haben! In der Kirche wird der Song später in einer Orgelversion erklingen, draußen vor Leinwand – ja, es gibt Public Viewing – werden rund 500 Menschen sie mitsummen: "Große Haie, kleine Fische ... hier im Großstadtrevier."

Uschi Glas, Klaus Meine, Hugo Egon Balder, H.P.Baxxter und Reinhold Beckmann sind gekommen, Olivia Jones stakst im schwarzen Dress und mit pinkem Schopf durch die Menge und sagt: "Wir müssen ihm alle danken, dass er uns alle so toll unterhalten hat."

Ein Volksschauspieler ist gestorben, wenn man ehrlich ist: Einer, der selten über das norddeutsche Vorabendprogramm hinausgekommen ist. Für Menschen, die südlich von Hannover und westlich von Bremen sozialisiert worden sind, dürfte daher schwer erklärlich sein, was hier im Norden los ist.

Zur Trauerfeier von Jan Fedder lassen die Hafenfähren und die Taxifahrer unisono ihre Typhone und Hupen tuten, der NDR überträgt die Messe in voller Länge und mehr, so viel Trauersendezeit ist zuletzt auf Helmut Schmidt verwandt worden. Na gut, die Bundeskanzlerin ist nicht angereist, aber selbstverständlich Hamburg Erster Bürgermeister Peter Tschentscher. Und auch die zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank ist gekommen.

Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer hält eine der Trauerreden, schließlich hat der Verstorbene, der am Tag seiner Beerdigung 65 Jahre geworden wäre, seinen größten Erfolg als Streifenpolizist Dirk Matthies im zutiefst harmlos-freundlichen Großstadtrevier gefeiert. Und Fedder wäre kein Volksschauspieler, wenn sein Publikum ihn nicht hundertprozentig mit den knurrig-kumpeligen Ordnungshüter vom Kiez identifiziert hätte. Viele Polizisten hätten ihr Profilbild in den sozialen Medien mit dem von Fedder ersetzt, sagt der Polizeipräsident in seiner Trauerrede. Fedder habe in seiner Rolle einen Polizisten gespielt, der "viel Zeit für die Sorgen der Menschen, ein Herz für die kleinen Leute, für die Schwächeren" gehabt hätte.

Die Trauerfeier als Image-Booster für die durch G20 gebeutelte Hamburger Polizei?

Jan Fedder höchstselbst hat die Feier geplant

Jan Fedder höchstselbst, den nahenden Tod vor Augen, hat die Feier geplant, die Redner ausgesucht und auch die Musik. Zum Einzug läuft La Paloma, vor der Predigt singt Jessy Martens eine kirchenorgellastige Version von Deep Purples Child in Time, Fedders Lieblingslied. Der Mann war nämlich kein Punker, wie manche behauptet haben, sondern ein Rocker. "Hat immer Spaß gehabt, hat Rock 'n' Roll gemacht", ruft ein Fan vor dem Michel ins NDR-Mikrofon. "Jan Fedder war einfach das coolste Hamburger Urgestein ever!" 

Da liegen Rosenblätter im Kirchgang, da intoniert der Organist den Hamburger Gassenhauer vom "Tüdelband" in einer Sakralversion, da tragen sie riesige Rosenkränze in Herz- und Ankerform hinter dem Sarg her: Nein, übertriebene Angst vor Kitsch hatte der Verstorbene – wenn es denn stimmt, dass er alles minutiös vorgeplant hat – jedenfalls keine. "Überladener kann's ja kaum sein", erklärte die NDR-Moderatorin hernach, es war wohl positiv gemeint.

Der am wenigsten überladene Augenblick ist der, als seine Frau Marion Fedder, die er vor zwanzig Jahren eben hier, im Michel, geheiratet hat, an den Sarg tritt und ein paar Worte – wer will es ihr verdenken – abliest. "Das ist der schwerste Gang, den ich je machen musste", sagt sie. Es gibt spontan Applaus. Was ein wenig paradox ist, denn es ist der Moment, der am – nun ja – authentischsten ist in dieser Trauerfeier, in der unaufhörlich von Authentizität die Rede ist.

Knorrig, schnodderig, ein guter Kumpel, ein echter Freund, ehrlich und nicht makellos, nicht buckelnd, auf Konventionen pfeifend: Ein ums andere Mal beschwören die Trauerredner, wie sehr "Authentizität und Glaubwürdigkeit" das "Geheimnis seiner Beliebtheit" gewesen seien, wie ARD-Programmdirektor Volker Herres es ausdrückt. Was bei den meisten Schauspielern wohl als Negativurteil gemeint wäre – dass einer immer nur sich selbst spielt: Beim Volksschauspieler ist es das Erfolgsgeheimnis.

In seiner Trauerrede erzählt Michel-Hauptpastor Alexander Röder, dass Dutzende von Menschen angerufen hätten, um Eintrittskarten zu kaufen – als wäre es der letzte Auftritt des Schauspielers und nicht des Menschen. Als der Leichenwagen im Anschluss an die Feier noch eine Runde über die Reeperbahn fährt – natürlich auch auf ausdrücklichen Wunsch Fedders – gießt ein Passant ein wenig Bier über die Karosserie. Vielleicht gilt das auf dem Kiez als Ehrerweisung. Auf jeden Fall darf es als authentisch gelten.