In Hamburg wird am 23. Februar eine neue Bürgerschaft gewählt. Der 18-jährige Politikstudent Hadi Al-Wehaily kandidiert zum ersten Mal – für die FDP. Seit Wochen macht er Wahlkampf, diskutiert und verteilt Flyer in Billstedt, seinem Heimatstadtteil im Osten Hamburgs. Und seit einigen Tagen erlebt der Sohn eines irakischen Fabrikarbeiters das, wovon derzeit auch andere liberale Politikerinnen und Politiker im ganzen Land berichten: Ihn trifft die Wut über die Geschehnisse in Thüringen, wo sich ein FDP-Ministerpräsident von der AfD ins Amt hieven ließ. 

ZEIT: Herr Al-Wehaily, bei der Hamburger Bürgerschaftswahl kandidieren Sie für die FDP – und wurden dafür nun als "Nazi" beschimpft. Was genau ist geschehen?

Hadi Al-Wehaily: Am Samstagmorgen nach der Wahl in Thüringen fing es an. Ich entdeckte drei beschmierte Wahlplakate: "Fuck Nazis" und "Fuck you" war darauf in großen, roten Buchstaben zu lesen. Sie waren quer über mein Gesicht und meinen Namen geschrieben. Dieser Anblick tat weh. 

"Es ist es kein politischer Meinungsaustausch, wenn jemand 'Nazi!' auf ein Plakat kritzelt", sagt Hadi Al-Wehaily. Ihm ist dies gleich mehrfach passiert. © privat

ZEIT: Blieb es dabei?

Al-Wehaily: Nein, seither erlebe ich täglich Anfeindungen. Im Netz ist es besonders schlimm, dort ist der Tonfall ja ohnehin um einiges rauer. Auch auf der Straße erlebe ich unangenehme Situationen. Wenn ich am Infostand stehe oder Flyer in meinem Wahlbezirk verteile, rufen Passanten mir aus der Ferne ein "Schäm dich!" oder "Ich rede nicht mit Faschisten!" zu. Ich werde gefragt, wie ich denn nur mit Faschisten kooperieren könne. Ich solle sofort aus der Partei austreten, meine Kandidatur niederlegen. Was mich dabei schockiert, ist die teils vulgäre Sprache und das Desinteresse an einer Diskussion. Was ich zu sagen habe, interessiert gar nicht.

ZEIT: Ihr Vater stammt aus dem Irak, ihre Mutter aus der Ukraine. Sie werden vermutlich nicht so oft in die Kategorie "Nazi" einsortiert.

Al-Wehaily: Natürlich nicht, nie. Es ist absurd. Ich weiß, wie es ist, zwischen zwei Kulturen zu leben und nicht gerade klassisch deutsch auszusehen. Ich bin mit drei Sprachen aufgewachsen: Deutsch, Russisch, Arabisch. Ich bin in einem Stadtteil groß geworden, in dem sehr viele Zugewanderte leben. Ich setze mich für Chancengleichheit in der Bildung ein, dafür, dass Arbeiter- und Einwandererkinder bessere Perspektiven in diesem Land bekommen. 

ZEIT: Trotzdem erleben Sie nun jene Wut, die FDP-Politikern im ganzen Land entgegenschlägt. Wie gehen Sie damit um?

Al-Wehaily: Anfangs war ich geschockt, wie benommen. Als ich die beschmierten Plakate sah, überkam mich Ekel. Ekel vor dieser Art der Auseinandersetzung, die ja eigentlich keine ist. Insofern ist es für mich auch schwer, überhaupt einen Umgang mit diesem pauschalen Hass zu finden. Ich versuche jetzt, mir immer wieder bewusst zu machen, dass die Wut offensichtlich nichts mit mir als Person zu tun hat, sondern sich gegen die ganze Partei richtet. Aber schmerzhaft ist das alles immer noch. 

ZEIT: Können Sie die Wut verstehen? Das Taktieren des Thüringer Landesverbandes mit der AfD hat auch innerhalb der FDP für Aufruhr gesorgt.

Al-Wehaily: Ja klar, ich kann die Wut sehr gut nachvollziehen. Aber sie an einem Landesverband auszulassen, der damit nichts zu tun hat, ist falsch. Man kann gern mit uns diskutieren. Aber das wollen die wenigsten. Neulich kam ein etwa 90-jähriger Mann zu uns an den Stand, er stellte einige kritische Fragen, aber redete wenigstens mit uns, sehr lange. So einen Austausch wünsche ich mir.